Die Menschen sind ihre eigenen Richter
Wenn wir Glauben an Jesus Christus ausgeübt, mit Gott Bündnisse geschlossen und sie gehalten haben und von unseren Sünden umgekehrt sind, wird das Gericht angenehm sein
Das Buch Mormon schließt mit den motivierenden Aufforderungen Moronis, zu Christus zu kommen, in ihm vollkommen zu werden, auf alles Ungöttliche zu verzichten und Gott mit all unserer Macht, ganzem Sinn und aller Kraft zu lieben. Interessanterweise weist der letzte Satz seiner Ausführungen auf die Auferstehung und das Jüngste Gericht hin.
„Ich gehe bald hin, im Paradies Gottes zu ruhen, bis sich mein Geist und Leib wieder vereinigen werden und ich im Triumph durch die Luft hingeführt werde, um euch vor dem angenehmen Gericht des großen Jehova zu treffen, des ewigen Richters der Lebenden und der Toten.“
Bemerkenswerterweise nennt Moroni das Jüngste Gericht „angenehm“. Weitere Propheten im Buch Mormon bezeichnen das Gericht ebenfalls als „herrlichen Tag“, auf den wir „mit gläubigem Auge“ vorausblicken sollen. Beim Gedanken an das Letzte Gericht kommen uns jedoch oftmals auch andere prophetische Schilderungen in den Sinn, etwa „in Schande und mit furchtbarer Schuld“, „Angst und Furcht“ oder „endloses Elend“.
Dieser offenkundige sprachliche Kontrast zeigt meiner Ansicht nach, dass die Lehre Christi es Moroni und weiteren Propheten ermöglicht hat, jenem großen Tag zuversichtlich und voll Hoffnung entgegenzusehen – nicht mit jener Furcht, vor der sie diejenigen gewarnt haben, die geistig unvorbereitet sind. Was also hat Moroni bereits begriffen, was Sie und ich erst noch lernen müssen?
Ich bete um den Beistand des Heiligen Geistes, wenn wir nun Gottes Plan des Glücklichseins und der Barmherzigkeit beleuchten, die sühnende Rolle des Erretters im Plan des Vaters in Augenschein nehmen und ebenso die Tatsache, dass wir „am Tag des Gerichts für [unsere] Sünden selbst verantwortlich“ sind.
Des Vaters Plan des Glücklichseins
Der übergeordnete Zweck von Gottes Plan besteht darin, seinen Geistkindern die Gelegenheit zu geben, einen physischen Körper zu erhalten, im Erdenleben „Gut von Böse“ unterscheiden zu lernen, geistig zu wachsen und ewigen Fortschritt zu machen.
Was im Buch Lehre und Bündnisse als „sittliche Entscheidungsfreiheit“ bezeichnet wird, ist in Gottes Plan, die Unsterblichkeit und das ewige Leben seiner Söhne und Töchter zustande zu bringen, von ausschlaggebender Bedeutung. Dieser wesentliche Grundsatz wird in den heiligen Schriften auch Entscheidungsfreiheit oder Freiheit, selbst zu wählen und zu handeln, genannt.
Der Begriff „sittliche Entscheidungsfreiheit“ ist aufschlussreich. Synonyme für „sittlich“ sind etwa „gut“, „ehrenhaft“ und „tugendhaft“. Synonyme für „Entscheidungsfreiheit“ sind etwa „Handlungsfähigkeit“ oder „-kompetenz“, „wirkende Kraft“ und dergleichen. Der Begriff „sittliche Entscheidungsfreiheit“ kann daher als die Fähigkeit oder das Recht verstanden werden, selbst eine Wahl zu treffen und selbst in einer Weise zu handeln, die gut, ehrlich, tugendhaft und wahrhaftig ist.
Gott hat „sowohl das, was handelt, als auch das, worauf eingewirkt wird“, erschaffen. Sittliche Entscheidungsfreiheit ist die von Gott vorgesehene Macht selbständigen Handelns, die uns als Kinder Gottes befähigt, eigenverantwortlich tätig zu werden und nicht bloß ein Objekt zu sein, auf das eingewirkt wird.
Die Erde wurde als der Ort erschaffen, wo die Kinder des himmlischen Vaters geprüft werden, um zu sehen, „ob sie alles tun werden, was auch immer der Herr, ihr Gott, ihnen gebietet“. Der Hauptzweck der Schöpfung und unseres irdischen Daseins besteht darin, uns Gelegenheit zu verschaffen, zu handeln und so zu werden, wie es der Herr von uns wünscht.
Der Herr erklärte Henoch:
„Sieh diese deine Brüder; sie sind das Werk meiner eigenen Hände, und ich gab ihnen ihre Erkenntnis an dem Tag, da ich sie erschuf; und im Garten von Eden gab ich dem Menschen seine Entscheidungsfreiheit;
und deinen Brüdern habe ich gesagt und auch das Gebot gegeben, dass sie einander lieben sollen und dass sie mich, ihren Vater, erwählen sollen.“
Die Entscheidungsfreiheit ist uns im Grunde dazu gegeben, dass wir einander lieben und uns für Gott entscheiden. Diese beiden Ziele stimmen genau mit den beiden wichtigsten Geboten überein, dass wir nämlich Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit dem ganzen Denken lieben und unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst.
Bedenken Sie, dass uns geboten wird – wir werden nicht bloß ermahnt oder beraten, sondern uns wird geboten –, unsere Entscheidungsfreiheit zu nutzen, um einander zu lieben und uns für Gott zu entscheiden. Meiner Auffassung nach wird das Wort „sittlich“ in den heiligen Schriften nicht allein als Adjektiv gebraucht, sondern steht vielleicht auch für die göttliche Weisung, wie wir von unserer Entscheidungsfreiheit Gebrauch machen sollen.
Nicht umsonst heißt ein bekanntes Kirchenlied „Wähle recht!“. Wir sind nicht mit sittlicher Entscheidungsfreiheit gesegnet, um zu tun, was wir wollen und wann immer wir es wollen. Vielmehr haben wir nach dem Plan des Vaters die sittliche Entscheidungsfreiheit erhalten, um nach ewiger Wahrheit zu streben und in Übereinstimmung mit ihr zu handeln. Als Menschen, die „für sich selbst handeln können“, sollen wir uns „voll Eifer einer guten Sache widmen und vieles aus [unserem] eigenen, freien Willen tun und viel Rechtschaffenheit zustande bringen“.
Die ewige Bedeutung der sittlichen Entscheidungsfreiheit kommt auch im Bericht über den vorirdischen Rat deutlich zum Ausdruck. Luzifer lehnte sich gegen den Plan auf, den der Vater für seine Kinder aufgestellt hatte, und versuchte, die Macht eigenständigen Handelns zu vernichten. Bezeichnenderweise bezog sich der Widerstand des Teufels ganz direkt auf den Grundsatz sittlicher Entscheidungsfreiheit.
Gott sagte: „Darum, weil [der] Satan sich gegen mich auflehnte und danach trachtete, die Entscheidungsfreiheit des Menschen zu vernichten, … ließ ich ihn … hinabwerfen.“
Das selbstsüchtige Vorhaben des Widersachers bestand darin, den Kindern Gottes die Fähigkeit zu nehmen, in Rechtschaffenheit „für sich selbst handeln“ zu können. Seine Absicht bestand darin, alle Kinder des himmlischen Vaters zu Objekten zu machen, auf die lediglich eingewirkt wird.
Tun und werden
Präsident Dallin H. Oaks zufolge wird im Evangelium Jesu Christi von uns erwartet, dass wir sowohl etwas wissen als auch durch rechtschaffenes Ausüben unserer sittlichen Entscheidungsfreiheit etwas werden. Er hat festgestellt:
„In vielen biblischen und neuzeitlichen Schriftstellen ist von einem Letzten Gericht die Rede, bei dem alle Menschen gemäß ihren Taten oder Werken oder gemäß den Wünschen ihres Herzens belohnt werden. Aber es gibt auch Schriftstellen, die das noch weiter ausführen und sich darauf beziehen, dass wir nach dem Zustand gerichtet werden, den wir erreicht haben.
Der Prophet Nephi beschreibt das Letzte Gericht im Hinblick auf das, was wir geworden sind: ‚Und wenn ihre Werke Schmutz wären, müssten sie notwendigerweise schmutzig sein; und wenn sie schmutzig seien, würden sie notwendigerweise nicht im Reich Gottes wohnen können.‘ (1 Nephi 15:33; Hervorhebungen hinzugefügt.) Moroni verkündet: ,Jemand, der schmutzig ist, [wird] auch dann noch schmutzig sein …; und wer rechtschaffen ist, wird auch dann noch rechtschaffen sein.‘ (Mormon 9:14; Hervorhebung hinzugefügt.)“
Präsident Oaks fuhr fort: „Aus solchen Lehren schließen wir, dass das Jüngste Gericht nicht nur eine Bewertung all unserer guten und bösen Taten ist – all dessen, was wir getan haben. Vielmehr wird das abschließende Resultat unserer Taten und Gedanken anerkannt – was wir geworden sind.“
Das Sühnopfer des Erretters
Werke und Wünsche allein können und werden uns nicht erretten. „Nach allem, was wir tun können“, werden wir mit Gott allein durch die Barmherzigkeit und Gnade versöhnt, die uns durch das unbegrenzte und ewige Sühnopfer des Erretters offenstehen.
Alma hat verkündet: „Fangt an den Sohn Gottes zu glauben an, dass er kommen wird, um sein Volk zu erlösen, und dass er leiden und sterben wird, um für dessen Sünden zu sühnen, und dass er wieder von den Toten auferstehen wird, wodurch die Auferstehung zustande gebracht wird, sodass alle Menschen vor ihm stehen werden, um am letzten Tag, dem Tag des Gerichts, gemäß ihren Werken gerichtet zu werden.“
„Wir glauben, dass durch das Sühnopfer Christi alle Menschen errettet werden können, indem sie die Gesetze und Verordnungen des Evangeliums beachten.“ Wie dankbar sollten wir doch sein, dass unsere Sünden und schlechten Taten nicht als Zeugnis gegen uns stehenbleiben, wenn wir wirklich „von neuem geboren“ sind, Glauben an den Erlöser ausüben, „mit aufrichtigem Herzen“ und „wirklichem Vorsatz“ umkehren und „bis ans Ende“ ausharren.
Gottesfurcht
Viele von uns erwarten vielleicht, dass unser Erscheinen vor dem Gericht des ewigen Richters einem Verfahren wie vor einem weltlichen Gericht gleicht. Ein Richter führt den Vorsitz. Die Beweise werden vorgelegt. Ein Urteil wird gefällt. Und vermutlich sind wir so lange verunsichert und verängstigt, bis wir erfahren, wie es letztendlich ausgeht. Meiner Meinung nach trifft eine solche Darstellung nicht zu.
Gottesfurcht, die sich zwar von menschlichen Ängsten, wie wir sie oft erleben, unterscheidet, aber doch auch mit ihnen zusammenhängt, wird in den Schriften als „ehrfürchtige Scheu“ oder „Furcht des Herrn“ bezeichnet. Im Gegensatz zu weltlicher Furcht, die Unruhe und Besorgnis auslöst, schenkt uns Gottesfurcht Frieden, Zuversicht und Vertrauen.
Rechtschaffene Furcht umfasst ein Gefühl tiefer Ehrfurcht und Achtung vor dem Herrn Jesus Christus, Gehorsam gegenüber seinen Geboten und die Erwartung des Jüngsten Gerichts sowie der Gerechtigkeit aus seiner Hand. Gottesfurcht erwächst dem rechten Verständnis vom göttlichen Wesen und der Mission des Erlösers sowie unserer Bereitschaft, unseren Willen dem seinen zu unterwerfen, und ebenso der Erkenntnis, dass am Tag des Gerichts jeder Mensch für seine Wünsche, Gedanken, Worte und Taten auf Erden selbst verantwortlich ist.
Furcht des Herrn ist aber keine angstvolle Besorgnis, einst in seiner Gegenwart stehen zu müssen und gerichtet zu werden. Vielmehr ist es die Aussicht, in Bezug auf uns selbst letztlich anzuerkennen, wie etwas wirklich ist und wirklich sein wird.
Jeder Mensch, der auf der Erde gelebt hat, jetzt lebt oder noch leben wird, „wird dazu gebracht werden, vor dem Gericht Gottes zu stehen, um von ihm gemäß seinen Werken gerichtet zu werden, ob sie gut seien oder ob sie böse seien“.
Wenn wir uns Rechtschaffenheit wünschen und unsere Werke gut sind – wir also Glauben an Jesus Christus ausgeübt, mit Gott Bündnisse geschlossen und sie gehalten haben und von unseren Sünden umgekehrt sind –, dann wird das Gericht angenehm sein. Wie Enos verkündet hat, werden wir dann vor dem Erlöser stehen und mit Wohlgefallen sein Antlitz sehen. Am letzten Tag werden wir „zu Rechtschaffenheit belohnt werden“.
Wenn wir uns hingegen Böses gewünscht haben und unsere Werke schlecht waren, wird das Gericht uns Anlass zur Furcht geben. Wir werden „eine vollkommene Erkenntnis“, „eine klare Erinnerung“ und „ein lebendiges Bewusstsein [unserer] eigenen Schuld“ haben. „Wir [werden] nicht wagen, zu unserem Gott aufzuschauen; und wir würden gar froh sein, könnten wir den Felsen und den Bergen gebieten, über uns zu fallen, um uns vor seiner Gegenwart zu verbergen.“ Am letzten Tag werden wir unseren „Lohn an Bösem haben“.
Letzten Endes sind wir dann unsere eigenen Richter. Niemand wird uns sagen müssen, wohin wir gehen sollen. In der Gegenwart des Herrn werden wir anerkennen, was wir im Erdenleben durch unsere Entscheidungen geworden sind, und selbst wissen, wo wir in der Ewigkeit sein sollten.
Verheißung und Zeugnis
Zu verstehen, dass das Jüngste Gericht angenehm sein kann, ist keine Segnung, die allein Moroni vorbehalten ist.
Alma hat die verheißenen Segnungen beschrieben, die jedem treuen Jünger des Erretters offenstehen:
„Das Wort Wiederherstellung bedeutet, dass Böses für Böses wiedergebracht wird oder Fleischliches für Fleischliches oder Teuflisches für Teuflisches – Gutes für das, was gut ist; Rechtschaffenes für das, was rechtschaffen ist; Gerechtes für das, was gerecht ist; Barmherziges für das, was barmherzig ist. …
Handle gerecht, richte rechtschaffen und tue beständig Gutes; und wenn du dies alles tust, dann wirst du deinen Lohn empfangen; ja, dir wird Barmherzigkeit wiederhergestellt werden; dir wird Gerechtigkeit wiederhergestellt werden; dir wird ein rechtschaffenes Gericht wiederhergestellt werden; und dir wird wiederum Gutes als Lohn zuteilwerden.“
Ich bezeuge voll Freude, dass Jesus Christus unser lebendiger Erretter ist. Almas Verheißung ist wahr und gilt für Sie und mich – heute, morgen und in alle Ewigkeit. Dies bezeuge ich im heiligen Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.