2025
Einfachheit in Christus
November 2025


11:18

Einfachheit in Christus

Wenn wir die Lehre Christi auf vereinfachte und zielgerichtete Weise umsetzen, finden wir Freude im Alltag

1. Einleitung

Vor dreiunddreißig Jahren erhielt ich die Berufung, in der Utah-Mission Ogden als Missionar zu dienen. Da ich aus Europa komme, fand ich natürlich einige der dortigen Traditionen, wie „grüne Götterspeise mit Karotten“ und „Kartoffeln mit Cornflakes“, schon etwas seltsam!

Ich war jedoch zutiefst beeindruckt von der Hingabe und Nachfolge Christi vieler Heiliger, von den Anwesenheitszahlen bei den Versammlungen und vom Umfang der vollständig umgesetzten Programme der Kirche. Als meine Mission zu Ende ging, wollte ich sicherstellen, dass die Freude, die ich empfand, und die geistige Stärke und Reife, die ich hier beobachtete, auch meiner künftigen Familie zugutekommen würden. Ich war entschlossen, schnell zurückzukehren und mein Leben im „Schatten der ewigen Berge“ zu verbringen.

Doch der Herr hatte andere Pläne. An meinem ersten Sonntag zuhause berief mich mein weiser Bischof als Präsident der Jungen Männer in unserer Gemeinde. Als ich mich um diese wunderbare Gruppe Junger Männer kümmerte, lernte ich schnell, dass die Freude, die aus der Nachfolge Christi erwächst, sehr wenig mit Anwesenheitszahlen bei den Gottesdiensten oder dem Umfang der Programme der Kirche zu tun hat.

Als ich meine wunderbare Frau Margret heiratete, beschlossen wir freudig, in Europa zu bleiben und unsere Familie in unserem Heimatland Deutschland großzuziehen. Gemeinsam haben wir miterlebt, was Präsident Russell M. Nelson vor Jahren gesagt hat: „Die Freude, die wir empfinden, hat wenig mit unseren Lebensumständen und vielmehr damit zu tun, worauf wir im Leben den Blick richten.“ Wenn wir unser Leben auf Christus und seine Evangeliumsbotschaft ausrichten, können wir alle Segnungen erfahren, die die Nachfolge Christi mit sich bringt – wo immer wir auch leben mögen.

2. Die Einfachheit, die in Christus ist

Doch wie können wir in einer zunehmend säkularen, komplexen und verwirrenden Welt mit unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Botschaften und Forderungen vermeiden, dass unsere Augen geblendet werden und unser Herz sich verhärtet? Wie können wir uns weiterhin auf das Klare und Kostbare am Evangelium Jesu Christi konzentrieren? In einer Zeit der Verwirrung gab der Apostel Paulus den Heiligen in Korinth guten Rat, indem er sie daran erinnerte, auf die Einfachheit zu achten, die in Christus ist.

Die Lehre Christi und das Gesetz des Evangeliums sind so einfach, dass selbst kleine Kinder sie verstehen können. Wir können die erlösende Kraft Jesu Christi nutzen und alle geistigen Segnungen empfangen, die unser himmlischer Vater für uns bereitet hat, indem wir an Jesus Christus glauben, umkehren, uns taufen lassen, durch die Gabe des Heiligen Geistes geheiligt werden und bis ans Ende ausharren. Präsident Nelson bezeichnete diese Reise so treffend als den „Weg der Bündnisse“, als den Vorgang, wie man ein „ergebener Jünger Jesu Christi“ wird.

Wenn diese Botschaft so einfach ist, warum kommt es uns dann oft so schwierig vor, nach dem Gesetz Christi zu leben und seinem Beispiel zu folgen? Vielleicht interpretieren wir Einfachheit fälschlicherweise als etwas, was man ohne Mühe und Fleiß erreichen kann. Christus nachzufolgen erfordert jedoch beständige Anstrengung und stetige Veränderung. Wir müssen „den natürlichen Menschen“ ablegen und wie ein kleines Kind werden. Dazu gehört, dass wir auf den Herrn vertrauen und jedwede Komplexität loslassen, so wie es kleine Kinder tun. Wenn wir die Lehre Christi auf vereinfachte und zielgerichtete Weise umsetzen, finden wir Freude im Alltag, wir erhalten Führung für unsere Berufung, Antworten auf einige der komplexesten Fragen des Lebens und Kraft für unsere größten Herausforderungen.

Doch wie können wir diese Einfachheit auf unserer Lebensreise als Jünger Christi praktisch in die Tat umsetzen? Präsident Nelson forderte uns auf, uns bei unserem Bemühen, dem Erretter nachzufolgen, auf „reine Wahrheit, reine Lehre und reine Offenbarung“ zu konzentrieren. Wenn wir uns regelmäßig fragen: „Was würde der Herr Jesus Christus jetzt von mir erwarten?“, gibt uns das fundierte Orientierung. Seinem Beispiel zu folgen führt uns auf einem sicheren Weg durch Ungewissheit und bietet uns eine liebevolle, führende Hand, an der wir uns Tag für Tag festhalten können. Er ist der Fürst des Friedens und der gute Hirte. Er ist unser Tröster und Befreier. Er ist unser Fels und unsere Zuflucht. Er ist ein Freund – Ihr Freund und mein Freund! Er legt uns allen ans Herz, Gott zu lieben, seine Gebote zu halten und unseren Nächsten zu lieben.

Wenn wir uns dafür entscheiden, seinem Beispiel zu folgen und mit Glauben an Christus vorwärtszugehen, die Kraft seines Sühnopfers anzunehmen und uns an unsere Bündnisse zu erinnern, erfüllt Liebe unser Herz, Hoffnung und Heilung erheben unser Gemüt, und Bitterkeit und Kummer werden durch Dankbarkeit und die Geduld ersetzt, auf die verheißenen Segnungen warten zu können. Manchmal müssen wir uns vielleicht einer ungesunden Situation entziehen oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Aber wenn wir die einfachen Grundsätze des Evangeliums anwenden, wird es uns in jedem Fall helfen, die Herausforderungen des Lebens im Sinne des Herrn zu meistern.

Manchmal unterschätzen wir die Stärke, die wir erhalten, wenn wir ganz Einfaches tun – wie beten, fasten, in den heiligen Schriften studieren, täglich umkehren, wöchentlich vom Abendmahl nehmen und Gott regelmäßig im Haus des Herrn verehren. Aber wenn wir bemerken, dass nichts „Schweres“ von uns verlangt wird, und wir uns darauf konzentrieren, die reine und einfache Lehre anzuwenden, erkennen wir allmählich, wie das Evangelium für uns ganz wunderbar funktioniert, selbst unter schwierigsten Umständen. Wir finden Kraft und „Vertrauen vor Gott“, auch wenn wir Kummer leiden. Elder M. Russell Ballard hat uns oft ins Gedächtnis gerufen: „In dieser Einfachheit finden [wir] Frieden, … Freude und … Glücklichsein.“

Die Einfachheit, die in Christus ist, umzusetzen, bedeutet, dass man Menschen über Prozesse und ewige Beziehungen über vorübergehendes Verhalten stellt. Wir konzentrieren uns auf das, was in Gottes Werk der Errettung und Erhöhung „am wichtigsten ist“, anstatt uns in der bloßen Verwaltung unseres Dienstes zu verlieren. Wir machen uns frei, das zu priorisieren, was wir tun können, anstatt uns von dem, was wir nicht tun können, niederdrücken zu lassen. Der Herr ruft uns in Erinnerung: „Darum werdet nicht müde, Gutes zu tun, denn ihr legt die Grundlage für ein großes Werk. Und aus etwas Kleinem geht das Große hervor.“ Was für eine machtvolle Ermutigung, in Einfachheit und Demut zu handeln, wie unsere Umstände auch aussehen mögen!

3. Oma Cziesla

Meine Großmutter Marta Cziesla war ein wunderbares Vorbild dafür, wie man durch „Kleines und Einfaches“ Großes zustande bringt. Wir nannten sie liebevoll Oma Cziesla. Oma nahm am 30. Mai 1926 in einem kleinen Dorf namens Selbongen im damaligen Ostpreußen das Evangelium an – zusammen mit meiner Urgroßmutter.

Elder Czieslas Großmutter (rechts)

Marta Cziesla (rechts) am Tag ihrer Taufe

Oma liebte den Herrn und sein Evangelium und war fest entschlossen, die Bündnisse, die sie eingegangen war, zu halten. 1930 heiratete sie meinen Großvater, der nicht der Kirche angehörte. Damit wurde es für Oma unmöglich, die Versammlungen der Kirche zu besuchen, da der Bauernhof meines Großvaters weit von der nächsten Gemeinde entfernt war. Aber sie konzentrierte sich auf das, was sie tun konnte. Oma betete weiter, las in den heiligen Schriften und sang die Lieder Zions.

So mancher hätte vielleicht denken können, sie sei nicht mehr aktiv in ihrem Glauben, aber nichts lag der Wahrheit ferner. Als meine Tante und mein Vater geboren wurden – ohne das Priestertum in der Familie, ohne die Versammlungen der Kirche und ohne Zugang zu den heiligen Handlungen –, tat sie wiederum, was sie konnte, und konzentrierte sich darauf, ihren Kindern beizubringen, „zu beten und untadelig vor dem Herrn zu wandeln“. Sie las ihnen aus den heiligen Schriften vor, sang mit ihnen die Lieder Zions, und natürlich betete sie mit ihnen – jeden Tag. Eine zu 100 Prozent auf das Zuhause ausgerichtete Erfahrung mit der Kirche.

1945 diente mein Großvater im Krieg, weit weg von zuhause. Als sich der Feind dem Bauernhof der Familie näherte, nahm Oma ihre beiden kleinen Kinder und ließ ihren geliebten Bauernhof zurück, um an einen sichereren Ort zu fliehen. Nach einer beschwerlichen und lebensbedrohlichen Flucht fanden sie schließlich im Mai 1945 in Norddeutschland Zuflucht. Sie besaßen nichts mehr außer den Kleidern, die sie am Leib trugen. Aber Oma machte weiter mit dem, was sie tun konnte: Sie betete mit ihren Kindern – jeden Tag. Sie sang mit ihnen die Lieder Zions, die sie auswendig kannte – jeden Tag.

Das Leben war extrem hart, und viele Jahre lang ging es einfach nur darum, dafür zu sorgen, dass etwas zu essen auf dem Tisch stand. 1955 besuchte mein Vater, damals 17 Jahre alt, die Handelsschule in Rendsburg. Er ging an einem Gebäude vorbei und sah an der Hauswand ein kleines Schild mit der Aufschrift „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. Er dachte bei sich: „Interessant, das ist doch Mutters Kirche.“ Als er nach Hause kam, erzählte er Oma, dass er ihre Kirche gefunden hatte.

Sie können sich sicher vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss, nachdem sie fast 25 Jahre lang keinen Kontakt zur Kirche gehabt hatte. Sie war fest entschlossen, am nächsten Sonntag zur Kirche zu gehen, und überzeugte meinen Vater, sie zu begleiten. Rendsburg war mehr als 30 Kilometer von dem kleinen Dorf entfernt, in dem sie lebten. Aber das hätte Oma keinesfalls davon abgehalten, zur Kirche zu gehen. Am nächsten Sonntag stieg sie zusammen mit meinem Vater auf ihr Fahrrad und fuhr zur Kirche.

Als der Abendmahlsgottesdienst begann, setzte sich mein Vater in die letzte Reihe und hoffte, dass es bald vorbei sein würde, war es doch Omas Kirche und nicht seine. Und was er sah, war nicht gerade vielversprechend: Nur ein paar ältere Frauen waren anwesend und zwei junge Missionare, die praktisch den ganzen Gottesdienst allein gestalten mussten. Aber dann begannen sie zu singen, und sie sangen die Zionslieder, die mein Vater schon als kleiner Junge gehört hatte: „Kommt, Heilge, kommt!“, „O mein Vater“, „Preiset den Mann“. Als er diese kleine Schar die Lieder singen hörte, die er schon seit seiner Kindheit kannte, ging ihm das Herz auf und er wusste sofort und ohne jeden Zweifel, dass die Kirche wahr ist.

Bei diesem ersten Abendmahlsgottesdienst, den meine Großmutter nach 25 Jahren besuchte, erhielt mein Vater die Bestätigung, dass das wiederhergestellte Evangelium Jesu Christi wahr ist. Er wurde drei Wochen später, am 25. September 1955, getauft, zusammen mit meinem Großvater und meiner Tante.

Seit diesem kleinen Abendmahlsgottesdienst in Rendsburg sind bereits mehr als 70 Jahre vergangen. Ich denke oft an Oma zurück, wie sie sich in den einsamen Nächten gefühlt haben muss, und wie sie das Kleine und Einfache tat, was sie tun konnte – wie beten, lesen und singen. Hier und heute bei der Generalkonferenz zu stehen und über meine Oma zu sprechen, über ihre Entschlossenheit, ihre Bündnisse zu halten und trotz aller Schwierigkeiten auf den Herrn zu vertrauen, erfüllt mein Herz mit Demut und Dankbarkeit – nicht nur für sie, sondern für so viele unserer wunderbaren Heiligen auf der ganzen Welt, die sich in ihren schwierigen Lebensumständen auf die Einfachheit in Christus konzentrieren und zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht wenig Veränderung sehen, aber darauf vertrauen, dass eines Tages Großes geschehen wird.

4. Kleines und Einfaches

Ich habe aus eigener Erfahrung gelernt, dass es wahre Freude bringt, wenn wir uns auf das Kleine und Einfache des Evangeliums konzentrieren und gläubig den Blick auf Christus richten; es bewirkt mächtige Wunder und schenkt uns die Zuversicht, dass alle verheißenen Segnungen eintreten werden. Das gilt für Sie genauso wie für mich. Um es mit den Worten von Elder Jeffrey R. Holland zu sagen: „Manche Segnungen kommen bald, manche spät und manche gar erst im Himmel, aber sie kommen zu einem jeden, der das Evangelium Jesu Christi annimmt.“ Das bezeuge auch ich im Namen Jesu Christi. Amen.