2025
„Liebst du mich?“
November 2025


11:42

„Liebst du mich?“

Wenn wir unsere Liebe zu Gott zeigen wollen, sollten wir verstehen, woran er unsere Liebe erkennt

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn fiel es dem älteren Bruder zunächst schwer, die Rückkehr seines jüngeren Bruders mitzufeiern, nachdem dieser eine Zeit lang schlechte Entscheidungen getroffen, ein zügelloses Leben geführt und sein Vermögen verschleudert hatte. Stolz und Selbstgerechtigkeit hielten den älteren Bruder davon ab, sich über die reuige Rückkehr seines Bruders zu freuen. Auch wir lassen vielleicht Gelegenheiten verstreichen, unsere Lieben durch unsere Worte und Taten wissen zu lassen, dass wir sie aufrichtig lieben.

In den heiligen Schriften gibt es viele beeindruckende Beispiele für aufrichtige Liebe, die geschenkt und empfangen wurde: Noomi und Rut, Ammon und König Lamoni, der verlorene Sohn und sein Vater, der Erretter und seine Jünger.

Wenn man freigebig Liebe schenkt und jemand sie aufrichtig empfängt, wird ein Kreislauf der Rechtschaffenheit in Gang gesetzt und die Liebe zwischen Geber und Empfänger nimmt zu.

Gottes Liebe ist vollkommen, unendlich, beständig und „sehr süß“. Sie erfüllt die Seele mit „überaus großer Freude“. Dennoch mag es uns zuweilen schwerfallen, Gottes Liebe in unserem Leben zu erkennen. Da sich der Vater im Himmel, der uns auf vollkommene Weise liebt, sehnlich wünscht, dass wir seine Liebe spüren, spricht er zu uns gemäß unserem Verständnis. Er wird seine Liebe zu uns so zum Ausdruck bringen, dass wir sie – jeder ganz persönlich – erkennen können. Wir erfahren Gottes Liebe, wenn wir die Schönheit der Natur betrachten oder Antwort auf unsere Gebete erhalten, uns Gedanken genau dann in den Sinn kommen, wenn wir sie brauchen, oder wir schöne Augenblicke voller Freude erleben. Die größte Bekundung seiner Liebe, die uns in Verstand und Herz anspricht, zeigt sich darin, dass er zugelassen hat, dass sein geliebter Sohn sich selbst als Opfer dargebracht hat, um für uns alle zu sühnen.

Wie der ältere Bruder des verlorenen Sohnes schauen wir oft nur auf uns selbst. Wir sind damit beschäftigt, nach Beweisen für Gottes Liebe zu uns Ausschau zu halten, und sind frustriert, wenn wir keine sehen. Doch das wunderbar Paradoxe ist: Je mehr wir darauf bedacht sind, unsere Liebe zu Gott zu zeigen, desto leichter erkennen wir seine Liebe zu uns. Vielleicht antwortete der Erretter deshalb auf die Frage „Welches Gebot ist das wichtigste?“ mit dieser einfachen und bedeutenden Aufforderung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.“

Manchmal zeigen wir den Menschen, die uns am meisten am Herzen liegen, unsere Liebe auf eine Weise, die sie nicht unbedingt als Liebe erkennen. Das kann sowohl für den Geber als auch für den Empfänger frustrierend sein. Es kann daher hilfreich sein, geliebte Menschen zu fragen, woran sie erkennen, dass man ihnen Liebe schenkt. Wenn wir unsere Liebe zu Gott zeigen wollen, sollten wir daher auch verstehen, woran er unsere Liebe erkennt. Zum Glück hat er in den heiligen Schriften mehrere Möglichkeiten klar dargelegt, wie wir ihm unsere Liebe zeigen können.

Liebst du mich mehr als diese?

Aus dem lehrreichen Gespräch zwischen Petrus und dem auferstandenen Herrn am See von Tiberias erfahren wir, wie wir unsere Liebe zum Herrn zeigen können.

„Jesus [sagte] zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“

Die entscheidende Frage des Herrn in diesem Gespräch lautet: „Liebst du mich mehr als diese?“ Wir zeigen dem Herrn unsere Liebe, wenn wir ihn über „diese“ stellen, und „diese“ kann jeder Mensch, jede Betätigung und alles sein, was ihn als wichtigsten Einfluss in unserem Leben verdrängt.

Es wird an einem Tag, in einer Woche, einem Monat oder einem Jahr nie genug Zeit für alles geben, was wir schaffen wollen oder müssen. Die Prüfung im Erdenleben besteht unter anderem darin, die kostbare Ressource Zeit für das aufzuwenden, was für unser ewiges Wohl am wichtigsten ist, und weniger Wichtiges loszulassen.

Präsident Russell M. Nelson hat gesagt: „Jedem von uns [stellt sich] ein und dieselbe Frage: … Sind Sie bereit, Gott den größten Einfluss in Ihrem Leben zu gewähren? Werden Sie zulassen, dass seine Worte, seine Gebote und seine Bündnisse jeden Tag Ihr Handeln beeinflussen? Werden Sie zulassen, dass seine Stimme vor allen anderen Vorrang hat? Sind Sie bereit, allem, was er Ihnen aufträgt, einen höheren Stellenwert einzuräumen als jedem anderen Bestreben? Sind Sie bereit, Ihren Willen in seinem verschlungen sein zu lassen?“ Wir zeigen Gott, dass wir ihm folgen und ihn lieben, wenn wir ihn zu unserer obersten Priorität machen.

Weide meine Schafe

Im nächsten Vers dieses Gesprächs zwischen Petrus und dem Erretter finden wir eine weitere Weise, wie der Herr erkennt, dass wir unsere Liebe zum Ausdruck bringen: „Zum zweiten Mal fragte [der Herr] ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!“

Wir zeigen unsere Liebe zum himmlischen Vater, wenn wir seinen Kindern dienen, ihnen zuhören, ihnen Liebe erweisen, sie aufrichten oder uns ihrer annehmen. Dies kann etwas so Einfaches sein wie andere wirklich zu sehen, ohne zu verurteilen. In Abschnitt 76 im Buch Lehre und Bündnisse erhaschen wir einen Blick auf den Charakter derer, die eine celestiale Herrlichkeit ererben werden: „Sie sehen, wie sie gesehen werden, und erkennen, wie sie erkannt werden.“ Sie sehen andere, wie Gott sie sieht, und er sieht sie, wie sie werden können – mit herrlichem göttlichem Potenzial.

Nach meiner Rückkehr von meiner Mission übernahm ich die Rasenpflegefirma, die meine Brüder und ich als Teenager gegründet hatten. Zudem war ich mit meinem Studium beschäftigt. In einer Woche im Frühling sorgten starker Regen und die anstehenden Prüfungen dafür, dass mir alles zu viel wurde und ich bei der Gartenpflege in Verzug geriet.

Gegen Mitte der Woche hatten sich die Wolken aufgelöst und ich hatte vor, nach den Vorlesungen die Gartenarbeit nachzuholen. Doch als ich zuhause ankam, waren mein Transporter und meine Geräte verschwunden. Neugierig fuhr ich zu den Gärten, die auf dem Plan standen; in jedem war der Rasen bereits tadellos gemäht. Im letzten Garten auf dem Plan sah ich meinen jüngeren Bruder hinter dem Rasenmäher hergehen. Er sah mich, lächelte und winkte. Von Dankbarkeit überwältigt umarmte ich ihn und dankte ihm. Seine umsichtige gute Tat verstärkte meine Liebe und meine Loyalität ihm gegenüber immens. Wenn wir einander dienen, zeigen wir auf unmissverständliche Weise unsere Liebe zu Gott und seinem geliebten Sohn.

Gottes Hand in allem anerkennen

Wir bekunden Gott unsere Liebe auch durch Dankbarkeit im Herzen. Der Herr hat gesagt: „In nichts beleidigt der Mensch Gott, … ausgenommen diejenigen, die seine Hand nicht in allem anerkennen.“ Wir zeigen unsere Liebe zu Gott, wenn wir ihn als Quelle alles Guten in unserem Leben anerkennen.

Als wir gerade ein Unternehmen gegründet hatten, beteten mein Geschäftspartner und ich vor wichtigen Besprechungen inständig und baten den himmlischen Vater um Hilfe. Jedes Mal erhörte Gott unsere Gebete, und unsere Besprechungen verliefen gut. Nach einer Besprechung wies mein Geschäftspartner darauf hin, dass wir schnell gewesen waren, um Hilfe zu bitten, aber langsam, uns zu bedanken. Von da an machten wir es uns zur Gewohnheit, aufrichtige Dankgebete zu sprechen und die Hand des Herrn bei unseren Erfolgen anzuerkennen. Wir zeigen unsere Liebe zu Gott, wenn wir „im Herzen Dankbarkeit pflegen“.

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten

Außerdem zeigen wir unsere Liebe zum Vater im Himmel und zu seinem geliebten Sohn, wenn wir uns dafür entscheiden, ihnen zu gehorchen. Der Erretter hat gesagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Diese Art des Gehorsams ist weder blind noch erzwungen, sondern ein aufrichtiger und bereitwilliger Ausdruck der Liebe. Der Vater im Himmel möchte, dass wir gehorsam sein wollen. Schwester Tamara W. Runia hat von Gehorsam „aus Liebe heraus“ gesprochen. Sie hat gesagt: „Auch wenn wir noch nicht völlig gehorsam sind, versuchen wir jetzt, aus Liebe heraus gehorsam zu sein, indem wir uns immer wieder entscheiden, zu bleiben, weil wir ihn lieben.“

Der Vater im Himmel hat uns Entscheidungsfreiheit gegeben, um uns einen Impuls zu geben, uns für ihn zu entscheiden, weil wir es wollen. Sein Werk und seine Herrlichkeit besteht nicht nur darin, unser ewiges Leben zustande zu bringen, sondern umfasst auch die Hoffnung, dass es unser größter Wunsch ist, zu ihm zurückzukehren. Er wird uns jedoch niemals zwingen, zu gehorchen. In dem Kirchenlied „O wisse, jede Seel ist frei“ singen wir:

Zwar segnet Gott, der Herr, mit Licht,

mit Liebe, Weisheit deine Pfade;

zur Wahrheit zwingen will er nicht,

so unerschöpflich seine Gnade.

Als meine Frau Christina und ich Missionsführer waren, haben uns zahlreiche Missionare Auftrieb gegeben, die nicht nur deshalb gehorsam waren, weil es eine Missionsregel war, sondern weil sie ihre Liebe zum Herrn zeigen wollten, indem sie sich demütig dafür entschieden, ihn zu vertreten.

Elder Dale G. Renlund hat gesagt: „Der Vater im Himmel hat sich nicht zum Ziel gesetzt, dass seine Kinder tun, was richtig ist, sondern, dass sich seine Kinder entscheiden, das Richtige zu tun, und schließlich wie er werden. Wenn es ihm nur darum ginge, dass wir gehorsam sind, würde er uns unverzüglich belohnen oder bestrafen, um unser Verhalten zu beeinflussen.“ Wir zeigen unsere Liebe zu Gott, wenn wir uns dafür entscheiden, ihm zu gehorchen und zu folgen.

Der Vater im Himmel und der Erretter erkennen, dass wir unsere Liebe zu ihnen zum Ausdruck bringen, wenn wir sie in unserem Leben an die erste Stelle setzen, einander dienen, jede ihrer Segnungen dankbar anerkennen und uns dafür entscheiden, ihnen zu gehorchen und zu folgen.

Ich bezeuge, dass jeder von uns wirklich ein Kind Gottes ist und dass Gott uns auf vollkommene Weise liebt. Ich bezeuge, dass er sich sehnlichst wünscht, dass wir seine Liebe auf eine Weise erfahren, die wir erkennen und verstehen. Und das wunderbar Paradoxe ist, dass wir seine Liebe zu uns auf noch tiefere Weise erfahren, wenn wir unsere Liebe zu ihm zeigen. Im Namen Jesu Christi. Amen.