2025
Nun sehe ich
November 2025


17:23

Nun sehe ich

Der Einfluss, den das Buch Mormon auf mein Leben hat, ist kein geringeres Wunder als die Mischung aus Speichel und Erde, die dem Blinden auf die Augen gestrichen wurde

Mit ungeheuchelter Liebe stimmen wir alle in Präsident Oaks’ Worte anlässlich des Todes von Präsident Russell M. Nelson ein. Die gleiche Liebe und tiefe Trauer empfinden wir angesichts der Tragödie, die sich jüngst in Michigan ereignet hat, und all der anderen Tragödien, die sich fast täglich in aller Welt zutragen. Wir blicken auf dies alles mit Liebe und Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus.

Im neunten Kapitel des Johannesevangeliums wird berichtet, dass Jesus und seine Jünger unterwegs einen Bettler sahen, der seit seiner Geburt blind war. Daraufhin stellten die Jünger Jesus mehrere komplexe Glaubensfragen dazu, wo die Einschränkung dieses Mannes herrühre und weshalb er sie erhalten habe. Der Meister antwortete, indem er etwas ganz Einfaches und völlig Unerwartetes tat: Er spuckte auf die Erde und rührte mit dem Speichel einen Teig an. Diesen strich er dem Mann dann auf die Augen und wies ihn an, sich im Teich Schiloach zu waschen. Gehorsam befolgte der Blinde alle Anweisungen, und in der Schrift heißt es: „Als er zurückkam, konnte er sehen.“ Wie wichtig ist doch ein Beweis anstelle von Wünschen, Argumenten oder gar bösen Absichten, die der Wahrheit entgegenstehen!

Weil die Feinde des Erretters befürchteten, dass dieses Wunder ihre vermeintliche Autorität noch weiter untergraben würde, stellten sie den gerade sehend gewordenen Mann zur Rede und meinten wütend: „Wir wissen, dass [Jesus] ein Sünder ist.“ Der Mann hörte ihnen kurz zu und sagte dann: „Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.“

Jesus beleuchtete als Erster den Sinn dieses Wortwechsels und erklärte seinen Jüngern, dass alles geschehen sei, damit dadurch „die Werke Gottes … offenbar“ würden. Bedenken Sie, dass in der englischen Fassung dieser Erzählung zweimal erwähnt wird, dass der Erretter die Augen des blinden Mannes „salbte“ und diese Handlung um eine Waschung ergänzt wurde. Die Formulierung, dass „die Werke Gottes … offenbar werden“, deutet möglicherweise darauf hin, dass der Erretter eine heilige Handlung vollzog.

Eine weitere Wahrheit wird hier durch die Mittel offenkundig, derer sich der Schöpfer des Himmels und der Erde und all dessen, was darinnen ist, bediente, um dieses Wunder zuwege zu bringen: Speichel und eine Handvoll Erde! Diese ungewöhnlichen Zutaten zeigen, dass Gott uns auf jede ihm beliebige Weise segnen kann. So wie Naaman sich sträubte, sich im Jordan zu waschen, oder die Kinder Israel sich weigerten, zur Schlange an der Stange aufzublicken, ist es auch für uns ein Leichtes, die Quelle unserer Erlösung zu verwerfen, weil die Mittel, die dorthin deuten, uns beschämend schlicht erscheinen.

Aus dem Buch Mormon wissen wir jedoch, dass manches gleichermaßen schlicht und kostbar ist und dass vor der Geburt Jesu prophezeit wurde, er werde „keine schöne und edle Gestalt [haben], sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm.“ Wie oft schon hat Gott seine erhabene Botschaft durch eine neu berufene und sehr angespannte FHV-Präsidentin verkündet oder durch einen ungelehrten Jungen auf einer Farm in New York oder einen frischgebackenen Missionar oder durch ein Kind, das in einer Krippe liegt.

Was macht es da schon, wenn unsere Gebete auf schlichte oder verwickelte Art und Weise beantwortet werden? Sind wir willens, beharrlich zu bleiben und uns immer weiter zu bemühen, das Evangelium Christi zu leben – ganz gleich, wie viel Speichel und Lehm erforderlich sind? Vielleicht verstehen wir nicht immer, was geschieht oder weshalb; und zuweilen fühlen wir uns ein wenig wie jene betagte Schwester, die meinte: „Herr, wie wäre es mal mit ein paar Segnungen, die nicht verkleidet daherkommen?“

Betrachten wir den Beweis für eine weitere Wahrheit, die mit dem heiligen Priestertum zusammenhängt. Als Lukas darüber berichtete, wie die Kirche in der Mitte der Zeiten aufgerichtet wurde, lautete sein erster Satz: „Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen Kraft und Vollmacht.“ Diese Gaben werden niemandem aufgrund von beeindruckenden Referenzen zuteil noch spielen Tradition oder Geburtsrecht eine Rolle. Sie werden nicht von einer theologischen Fakultät oder einer kirchlichen Akademie verliehen. Sie können nur übertragen werden, indem jemand die Hände auflegt, dem ebenfalls von einem Bevollmächtigten die Hände aufgelegt wurden – und zwar in einer ununterbrochenen Vollmachtslinie, die bis zur Quelle der gesamten göttlichen Vollmacht reicht: dem Herrn Jesus Christus.

Und wäre es nicht in einer Kirche, die um die Gabe der Barmherzigkeit weiß, ein weiterer wunderbarer Beweis, dass ebenjene Kirche wahrhaft bestrebt ist, dass sich diese Segnungen und Bündnisse auch auf unsere verstorbenen Angehörigen erstrecken – auf jene Familienmitglieder, die uns vorangegangen sind? Sollten sie etwa bestraft werden, weil sie keine Möglichkeit hatten, das Evangelium kennenzulernen, oder weil sie zu einer Zeit oder an einem Ort geboren wurden, wo ihnen göttliche Verordnungen und Bündnisse nicht zugänglich waren? Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat heilige, dem Herrn geweihte Häuser, in denen Tag und Nacht barmherzige, heilbringende Arbeit stellvertretend für diese Verstorbenen vollbracht wird und in denen auch Lebende Gott verehren und heilige Handlungen empfangen können. Meines Wissens gibt es diesen speziellen Beweis für Gottes Wahrheit und seine allumfassende Liebe den Lebenden und Toten gegenüber nirgendwo sonst in der Welt – außer in einer Kirche, die in dieser speziellen Hinsicht für Wahrheit steht: der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Bei meiner ersten augenöffnenden, lebensspendenden Berührung mit einem echten Beweis für Wahrheit fand keine Salbung mit Lehm statt und sie trug sich auch nicht am Teich Schiloach zu. Nein, das Mittel für Wahrheit, das mir Heilung vom Herrn brachte, kam in Gestalt von Seiten in einem Buch, ja, dem Buch Mormon, einem weiteren Zeugen für Jesus Christus. Der Anspruch, der in Bezug auf dieses Buch erhoben wird, ist von manch Ungläubigem attackiert und abgetan worden, oft Gift und Galle speiend wie diejenigen, die dem geheilten Mann einreden wollten, er könne unmöglich das erlebt haben, wovon er wusste, dass er es sehr wohl erlebt hatte.

Mir ist schon entgegengeschleudert worden, dass die Art und Weise, wie dieses Buch zustande kam, doch wohl untauglich, unglaubwürdig, peinlich, ja, sogar unheilig gewesen sei. Dies sind harsche Worte von allen, die zu wissen glauben, wie das Buch zustande gekommen ist – wo doch die einzige uns vorliegende Beschreibung jener Art und Weise die ist, dass es „durch die Gabe und Macht Gottes“ übersetzt wurde. So ist es, und mehr ist dazu nicht zu sagen. Jedenfalls ist der Einfluss, den das Buch Mormon auf mein Leben hat, kein geringeres Wunder als die Mischung aus Speichel und Erde, die dem Blinden auf die Augen gestrichen wurde. Es ist für mich eine eiserne Stange, die meiner Seele Sicherheit gibt, ein alles übersteigendes und durchdringendes Licht der Offenbarung, das Licht auf dem Weg, den ich gehen muss, wenn Nebel der Finsternis aufsteigen – denn so ist es sicher schon gewesen, und es wird auch sicher wieder so sein.

Dank der Sicht, die dieses Buch mir auf die allumfassende Liebe und erlösende Gnade meines Erretters gewährt hat, gebe ich Ihnen mein Zeugnis mit der gleichen Berechtigung wie der gerade geheilte Mann, dessen Eltern meinten, ihr Sohn könne für sich selbst sprechen, weil er „alt genug“ sei. Das bin auch ich. Er war alt genug, um ernst genommen zu werden. Das bin auch ich. In zwei Monaten werde ich 85 Jahre alt. Ich stand schon an der Schwelle des Todes und bin zurückgekehrt. Ich durfte Seite an Seite mit Königen und Propheten, mit Präsidenten und Aposteln gehen. Am besten von allem ist, dass ich bisweilen sogar vom Heiligen Geist überwältigt gewesen bin. Daher hoffe ich, dass mein Zeugnis hier zumindest ein wenig berücksichtigt wird.

Brüder und Schwestern, ich bin mit jeder Faser meines Seins zu der Überzeugung gelangt, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wahrlich die wiederhergestellte Kirche Christi aus der Zeit des Neuen Testaments ist – und mehr noch –, denn ich könnte den Beweis dieser Wiederherstellung nicht leugnen. Seit meinen ersten Erlebnissen damit habe ich wohl tausende – oder zehntausende? – weitere Beweise dafür gefunden, dass das, worüber ich heute gesprochen habe, wahr ist. Ich bin daher heilfroh, mich meinem auf den Straßen Jerusalems zusammengekauerten Freund anzuschließen und mit altersschwacher Stimme zu singen:

Wie reich muss seine Gnade sein,

dass er errettet mich!

Verloren war ich und allein,

war blind, nun sehe ich.

Im Namen Jesu Christi. Amen.