Der Plan der Barmherzigkeit
Der Herr ist barmherzig und der Erlösungsplan des himmlischen Vaters ist wahrhaftig ein Plan der Barmherzigkeit
Der Aufruf eines Propheten
Nach der erfreulichen Nachricht, die Kirche habe den Kirtland-Tempel erworben, hat uns Präsident Russell M. Nelson bei der Frühjahrs-Generalkonferenz 2024 aufgerufen, uns gründlich mit dem Weihungsgebet für den Kirtland-Tempel in Abschnitt 109 des Buches Lehre und Bündnisse zu befassen. Das Weihungsgebet ist laut Präsident Nelson „eine Anleitung dazu, wie der Tempel Sie und mich geistig befähigt, die Herausforderungen des Lebens in diesen Letzten Tagen zu meistern“.
Ganz bestimmt haben auch Sie aus Abschnitt 109 segensreiche Erkenntnisse gewonnen. Ich möchte heute Abend auf einiges eingehen, was ich gelernt habe, als ich dem Aufruf unseres Propheten gefolgt bin. Dieser Leseauftrag hat mir inneren Frieden geschenkt und mir gezeigt, wie barmherzig der Herr ist und dass der Erlösungsplan des himmlischen Vaters wahrhaftig ein Plan der Barmherzigkeit ist.
Neu berufene Missionare als Tempelarbeiter
Wie Sie vielleicht wissen, wird „neu berufenen Missionaren … empfohlen, so bald wie möglich das Endowment zu empfangen und so oft in den Tempel zu gehen, wie es die Umstände erlauben. Missionare, die das Endowment empfangen haben, können als Tempelarbeiter dienen, bevor sie den Missionsdienst antreten.
Die Zeit im Tempel vor dem Eintritt in die Missionarsschule kann für neue Missionare ein wunderbarer Segen sein, denn dort erfahren sie mehr über die Tempelbündnisse, bevor sie die Segnungen dieser Bündnisse der Welt verkünden.
Meinem Studium von Abschnitt 109 entnehme ich aber auch, dass Gott neuen Missionaren – und grundsätzlich uns allen – im Tempel zusätzlich auf heilige Weise Kraft verleiht. In dem Weihungsgebet, das ja durch Offenbarung gegeben wurde, betete der Prophet Joseph Smith darum, dass dann, „wenn deine Diener … aus deinem Haus hingehen und von deinem Namen Zeugnis geben“, das Herz aller erweicht werde, sowohl „der Großen auf Erden“ als auch „aller Armen, der Bedürftigen und Bedrängten“. Er betete, dass „ihre Vorurteile vor der Wahrheit zurückweichen und dein Volk Gunst finde in den Augen aller; damit alle Enden der Erde wissen mögen, dass wir, deine Diener, deine Stimme vernommen haben und dass du uns gesandt hast“.
Das ist für jeden neu berufenen Missionar doch eine wundervolle Verheißung – dass „Vorurteile vor der Wahrheit zurückweichen“ und man „Gunst finde in den Augen aller“ und die Welt wisse, dass sie vom Herrn gesandt sind! Jeder von uns braucht doch diese Segnungen ebenso. Was wäre das für ein wundervoller Segen, wenn bei unserem Umgang mit Nachbarn und Kollegen das Herz erweicht würde! In dem Weihungsgebet wird nicht im Einzelnen dargelegt, wie unsere Zeit im Tempel das Herz unserer Mitmenschen erweicht, doch ich bin mir sicher, es hängt damit zusammen, dass die Zeit im Haus des Herrn unser eigenes Herz erweicht, weil wir uns auf Jesus Christus und seine Barmherzigkeit ausrichten.
Der Herr erhört Joseph Smiths Flehen um Erbarmen
Beim Studium des Weihungsgebets von Kirtland fiel mir auf, dass Joseph immer wieder um Erbarmen flehte – Erbarmen mit den Mitgliedern der Kirche, den Feinden der Kirche, den Herrschenden des Landes, den Nationen der Erde. In eigener Sache flehte er den Herrn an, seiner zu gedenken und seiner lieben Emma und ihren Kindern Erbarmen zu erweisen.
Wie muss Joseph wohl zumute gewesen sein, als ihm und Oliver Cowdery eine Woche später zu Ostern, am 3. April 1836, im Kirtland-Tempel der Erretter erschien und ihnen, wie in Abschnitt 110 von Lehre und Bündnisse steht, zusicherte: „Ich habe dieses Haus angenommen, und mein Name wird hier sein, und ich werde mich meinem Volk mit Barmherzigkeit in diesem Haus kundtun.“ Die verheißene Barmherzigkeit muss Joseph also viel bedeutet haben. Wie es Präsident Nelson vergangenen April ausgedrückt hat, erstreckt sich diese Verheißung auf „jeden geweihten Tempel“.
Im Haus des Herrn finden wir Barmherzigkeit
Es gibt unterschiedliche Arten, wie jeder von uns im Haus des Herrn Barmherzigkeit findet. Dies ist schon seit damals so, als der Herr dem Volk Israel erstmals geboten hatte, ein Heiligtum zu bauen und in der Mitte eine „Sühneplatte“ aufzustellen. Im Tempel wird uns Barmherzigkeit in den Bündnissen zuteil, die wir schließen. Diese Bündnisse binden uns – zusätzlich zum Taufbund – an den Vater und den Sohn und schenken uns vermehrt Zugang zu dem, was Präsident Nelson als besondere „Art der Liebe und Barmherzigkeit“ bezeichnet hat, die im Hebräischen hesed genannt wird.
In der Möglichkeit, für die Ewigkeit an unsere Familie gesiegelt zu sein, wird uns Barmherzigkeit zuteil. Im Tempel wird uns auch deutlicher klar, dass die Schöpfung, der Fall, das Sühnopfer des Erretters und unsere Fähigkeit, wieder in die Gegenwart unseres himmlischen Vaters einzutreten – jeder Teilbereich des Erlösungsplans also –, von Barmherzigkeit zeugen. Man könnte sagen, der Erlösungsplan sei genau deswegen ein Plan des Glücklichseins, weil er ein „Plan der Barmherzigkeit“ ist.
Das Streben nach Vergebung öffnet das Tor zum Heiligen Geist
Ich bin dankbar für die schöne Verheißung in Abschnitt 110, dass sich der Herr in seinen Tempeln mit Barmherzigkeit kundtut. Ich bin froh, dass daraus hervorgeht: Der Herr tut sich mit Barmherzigkeit kund, wann immer wir – so wie Joseph – um Erbarmen flehen.
Joseph Smiths Bitte um Erbarmen in Abschnitt 109 war nicht das erste Mal, dass sein Flehen um Barmherzigkeit zu einer Offenbarung geführt hat. Im heiligen Hain betete der junge Joseph nicht bloß darum, zu wissen, welche Kirche wahr sei – seinen Worten nach flehte er auch „den Herrn um Gnade an, denn es gab niemand sonst, zu dem ich gehen konnte, um Gnade zu erlangen“. Das Bewusstsein, er brauche Barmherzigkeit, wie sie allein der Herr schenken kann, trug also gewissermaßen dazu bei, dass sich die Schleusen des Himmels öffneten. Drei Jahre später erschien Joseph der Engel Moroni im Anschluss an Josephs, wie er sagt, „Gebet und Flehen an den allmächtigen Gott, er möge mir alle meine Sünden und Torheiten vergeben“.
Das Muster, dass nach dem Flehen um Barmherzigkeit Offenbarung erfolgt, kennen wir aus der Schrift. Enos vernahm erst nach seinem Gebet um Vergebung die Stimme des Herrn. Die Bekehrung von König Lamonis Vater setzte mit diesem Gebet ein: „Ich werde alle meine Sünden aufgeben, um dich zu erkennen.“ Wir erleben vielleicht nichts derart Aufsehenerregendes, doch für jemanden, dem es bisweilen schwerfällt, die Antwort auf ein Gebet zu fühlen, besteht eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, das Zeugnis des Heiligen Geistes zu verspüren, darin, dass man sich um Barmherzigkeit vom Herrn bemüht.
Der Gedanke, wie barmherzig der Herr ist, öffnet das Tor zu einem Zeugnis vom Buch Mormon
So ähnlich kommt dieser Grundsatz auch in Moroni 10:3-5 gut zum Ausdruck. Diese Verse fassen wir oft in dem Sinne kurz zusammen, dass wir durch aufrichtiges Beten wissen können, ob das Buch Mormon wahr ist. Doch bei dieser Kurzfassung kommt die wesentliche Rolle der Barmherzigkeit mitunter gar nicht zum Tragen. Moroni beginnt seine Aufforderung dergestalt: „Ich möchte euch ermahnen, wenn ihr dieses hier lesen werdet, … dass ihr daran denkt, wie barmherzig der Herr zu den Menschenkindern gewesen ist, von der Erschaffung Adams an bis herab zu der Zeit, da ihr dieses hier empfangen werdet, und dass ihr im Herzen darüber nachdenkt.“
Moroni bittet uns nicht nur eindringlich, dies zu lesen – den Bericht nämlich, den er nun bald versiegeln sollte –, sondern auch im Herzen daran zu denken, was das Buch Mormon dazu kundtut, „wie barmherzig der Herr zu den Menschenkindern gewesen ist“. Gerade der Gedanke, wie barmherzig der Herr ist, versetzt uns ja in die Lage, „Gott, den ewigen Vater, im Namen Christi [zu fragen], ob es wahr ist“.
Wenn wir uns über das Buch Mormon Gedanken machen, könnten wir uns etwa fragen: Ist wirklich wahr, was Alma lehrt, dass Gottes Plan der Barmherzigkeit dafür sorgt, dass jeder Mensch, der je auf dieser Erde gelebt hat, auferstehen wird und dass jeder zu seiner vollkommenen Gestalt wiederhergestellt wird? Hat Amulek Recht? Kann die Barmherzigkeit des Erretters alle schmerzhaft realen Forderungen der Gerechtigkeit befriedigen, für die wir sonst bezahlen müssten, und uns stattdessen „mit den Armen der Sicherheit [umschließen]“?
Stimmt es, wie Alma bezeugt, dass Christus nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für unsere „Schmerzen und Bedrängnisse“ gelitten hat, damit er „wisse, wie er seinem Volk beistehen könne gemäß dessen Schwächen“? Ist der Herr wirklich so barmherzig, wie König Benjamin sagt, dass er aus freien Stücken „für die Sünden derjenigen [sühnt], die gestorben sind, ohne den Willen Gottes in Bezug auf sich zu kennen, oder die unwissentlich gesündigt haben“?
Stimmt es, wie Lehi erklärt, dass „Adam fiel, damit Menschen sein können, und Menschen sind, damit sie Freude haben können“? Ist wirklich wahr, was Abinadi bezeugt, als er Jesaja zitiert, dass Jesus Christus nämlich verwundet wurde „für unsere Übertretungen, er wurde zerschlagen für unsere Übeltaten. Die Züchtigung um unseres Friedens willen war auf ihm; und durch seine Striemen sind wir geheilt“?
Zusammengefasst: Ist der Plan des Vaters, wie er aus dem Buch Mormon hervorgeht, wirklich dermaßen barmherzig? Ich bezeuge, dass dem so ist, und dass die Lehren des Buches Mormon von der Barmherzigkeit, die uns Frieden und Hoffnung schenken, wahr sind.
Ich kann mir vorstellen, dass es dennoch manchen schwerfallen mag, obwohl sie treu lesen und beten, Moronis Verheißung als wahr zu erkennen, dass uns der Vater im Himmel „durch die Macht des Heiligen Geistes kundtun [wird], dass es wahr ist“. Ich kenne diese Problematik, weil ich dies vor vielen Jahren selbst empfunden habe, nachdem ich das Buch Mormon bereits einige Male durchgelesen und nie eine sofortige, eindeutige Antwort auf meine Gebete erhalten hatte.
Falls es Ihnen also auch so geht, möchte ich Sie bitten, Moronis Rat zu befolgen und sich Gedanken darüber zu machen, auf welch unterschiedliche Weise das Buch Mormon zum Ausdruck bringt, „wie barmherzig der Herr zu den Menschenkindern gewesen ist“. Auf Basis eigener Erfahrung hoffe ich, dass Ihnen dann der Frieden des Heiligen Geistes ins Herz dringt und Sie wissen, glauben und spüren, dass das Buch Mormon und der Plan der Barmherzigkeit, von dem es zeugt, wahr sind.
Ich bin dankbar für des Vaters großen Plan der Barmherzigkeit und für des Erretters Bereitschaft, ihn auszuführen. Ich weiß: Wenn wir ihn suchen, tut er sich in Barmherzigkeit in seinem heiligen Tempel kund und ebenso in jedem Teilbereich unseres Lebens. Im Namen Jesu Christi. Amen.