2025
Wie ein kleines Kind
Mai 2025


15:10

Wie ein kleines Kind

Ich bezeuge, dass Babys, Kinder und Jugendliche Abbilder des blühenden Reiches Gottes auf Erden in all seiner Kraft und Schönheit sind

Jesus widmete sich zu Beginn des letzten Jahres seines Erdenlebens vermehrt der Schulung seiner Apostel. Wenn seine Botschaft und seine Kirche ihn überdauern sollten, musste er diesen ganz gewöhnlichen zwölf Männern, die ihn kaum 24 Monate kannten, noch mehr ins Herz prägen.

Eines Tages beobachtete Jesus eine Auseinandersetzung unter den Zwölf und fragte später: „Worüber habt ihr … gesprochen?“ Offenbar war ihnen dieser Streit peinlich, daher „schwiegen“ sie, wie berichtet wird. Doch der größte aller Lehrer nahm die Gedanken in ihrem Herzen wahr und spürte bei ihnen einen ersten Anflug von Stolz. Also „rief er ein Kind herbei …

und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.

Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“

Es ist erwähnenswert, dass König Benjamin bereits vor Christi Geburt in seiner Abschiedspredigt diese tiefgründige Betrachtung über die Demut eines Kindes anstellte: „Der natürliche Mensch ist ein Feind Gottes und [wird] es für immer und immer sein, wenn er nicht … durch das Sühnopfer Christi, des Herrn, ein Heiliger wird und so wird wie ein Kind, fügsam, … demütig, … voller Liebe, … so wie ein Kind … seinem Vater [folgt].“

Allerdings gibt es natürlich manche kindliche Impulse, die wir nicht gutheißen. Vor 25 Jahren biss mein damals dreijähriger Enkel seiner fünfjährigen Schwester in den Arm. Mein Schwiegersohn, der sich an diesem Abend um die Kinder kümmerte, erklärte seiner Tochter verzweifelt alles, was ihm zum Thema Vergebung so einfiel, und schloss mit den Worten, der kleine Bruder wisse wahrscheinlich gar nicht, wie sich ein Biss in den Arm anfühlt. Diese nicht gut durchdachte väterliche Anmerkung funktionierte etwa eine Minute lang, vielleicht anderthalb Minuten. Dann drang ein markerschütternder Schrei aus dem Kinderzimmer und meine Enkelin rief ganz gelassen: „Jetzt weiß er’s!“

Welche Tugenden sollen wir uns also abschauen von einer Juniorenmannschaft, die noch kein echtes Spiel bestritten hat? Die bewegendste Begebenheit im gesamten Buch Mormon rührte selbst Christus zu Tränen. Wie kam es dazu? Was wollte Jesus verdeutlichen, als er himmlisches Feuer und schützende Engel herabrief, die Kinder ringsum zu umschließen, und den Erwachsenen gebot: „Seht eure Kleinen“?

Wir wissen nicht, was der Auslöser für dies alles war, aber ich denke, es hatte etwas mit ihrer Reinheit und Unschuld zu tun, ihrer angeborenen Demut und damit, was dies alles in unser Leben bringen kann, wenn wir es uns bewahren.

Warum bezeichnet jemand die heutige Zeit der Verzweiflung als „Nichtigkeit der Nichtigkeiten“? Weshalb kennzeichnen vor allem „die [eitlen] Einbildungen und der Stolz der Menschenkinder“ das große und geräumige – doch geistig tote – Gebäude in Lehis Vision? Was ist mit den Zoramiten, der Volksgruppe, die in eigennütziger Weise betete? Alma schrieb über sie: „O Gott, sie [beten] dich an mit ihrem Mund, während sie aufgrund der Nichtigkeiten der Welt aufgeblasen sind.“

Gibt es demgegenüber etwas Schöneres, Reineres und Demütigeres als ein Kind, das betet? Es ist, als ob der Himmel gegenwärtig wäre, Gott und Christus sind so real. Doch später wird das Beten für manche vielleicht oberflächlicher.

Vor gut 60 Jahren hat Elder Richard L. Evans diese Worte zitiert: „Viele von uns geben vor, Christen zu sein, doch wir … nehmen ihn nicht ernst. … Wir respektieren ihn, aber wir folgen ihm nicht. … Wir zitieren seine Worte, aber wir leben nicht danach.“ „Wir bewundern ihn, aber wir verehren ihn nicht.“

Wie anders könnte das Leben sein, wenn die Welt Jesus achten und nicht nur in gelegentlichen gottlosen Flüchen erwähnen würde.

Kinder jedoch lieben ihn wirklich, und diese Liebe wirkt sich auch auf andere Beziehungen auf ihrem Spielplatz des Lebens aus. In der Regel schließen Kinder schon von klein auf andere leicht ins Herz, sie verzeihen bereitwillig, und ihr fröhliches Lachen kann selbst das kälteste und härteste Herz erweichen.

Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Reinheit? Vertrauen? Mut? Charakter?

Betrachten wir doch gemeinsam die Demut vor Gott, die ein junger und sehr lieber Freund von mir neulich an den Tag gelegt hat.

Easton Darrin Jolley

Am 5. Januar 2025 – vor 91 Tagen – wurde Easton Darrin Jolley das Aaronische Priestertum übertragen und er wurde zum Diakon in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ordiniert.

Easton hatte sich schon ewig sehnlichst gewünscht, das Abendmahl des Herrn auszuteilen. Doch angesichts dieser heiligen Aufgabe wurde ihm aus lauter Versagensängsten ganz flau im Magen. Er fürchtete, hinzufallen, verspottet zu werden oder sich und seine Familie zu blamieren.

Easton leidet an einer seltenen, äußerst zerstörerischen Krankheit

Easton leidet nämlich an einer seltenen, äußerst zerstörerischen Krankheit: Kongenitale Muskeldystrophie Typ Ullrich. Schon sein ganzes junges Leben lang wird er immer wieder vor gewaltige Herausforderungen gestellt. Seine Hoffnungen und Träume für die Zukunft zerschlagen sich. Bald wird er dauerhaft im Rollstuhl sitzen. Seine Familie spricht nicht darüber, was ihn danach erwartet.

Am Sonntag nach seiner Ordinierung sollte Easton zum ersten Mal das Abendmahl austeilen. Er hatte es sich insgeheim zum Ziel gesetzt, sich selbst und die heiligen Symbole seinem Vater zu präsentieren, dem Bischof der Gemeinde. In Vorbereitung auf diese Aufgabe hatte er darum gebettelt und gefleht, Tränen vergossen und sich versprechen lassen, dass niemand – wirklich niemand – versuchen würde, ihm dabei zu helfen. Aus vielerlei Gründen, die er jedoch für sich behielt, wollte er dies allein und ohne fremde Hilfe schaffen.

Nachdem der Priester das Brot als Symbol für den gebrochenen Leib Christi gebrochen und gesegnet hatte, hinkte Easton mit seinem gebrochenen Körper vor, um das Abendmahlsgeschirr entgegenzunehmen. Vom Boden des Gemeindehauses ging es jedoch drei ziemlich hohe Stufen zum Podium hinauf. Nachdem er also das Abendmahlsgeschirr entgegengenommen hatte, streckte er sich so weit er konnte und stellte es oberhalb des Geländers ab. Dann setzte er sich auf eine der hohen Stufen und zog mit beiden Händen sein rechtes Bein auf die erste Stufe. Dann zog er sein linkes Bein auf dieselbe Stufe. So ging es weiter, bis er mühsam den Gipfel seines eigenen, aus drei Stufen bestehenden Mount Everest erklommen hatte.

Schließlich arbeitete er sich zu einem Stützpfeiler vor, an dem er sich hochziehen und sich so aufrichten konnte. Als Nächstes bewältigte er den Weg zurück zum abgestellten Abendmahlsgeschirr. Ein paar Schritte später stand er vor dem Bischof, seinem Vater, dem mittlerweile die Tränen über das Gesicht strömten und dem anzusehen war, dass er seinen so mutigen und treuen Sohn am liebsten umarmt hätte. Erleichtert lächelte Easton über das ganze Gesicht, als wolle er sagen: „Ich habe [meinen Vater] verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das [er] mir aufgetragen [hat].“

Glaube, Treue, Reinheit, Vertrauen, Ehre und letztendlich die Liebe zu seinem Vater, dem er unbedingt eine Freude machen wollte. Es sind diese und Dutzende weitere Eigenschaften, die auch uns sagen lassen: „Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.“

Schwestern und Brüder und Freunde, ganz oben auf der Liste der schönsten Bilder, die ich mir vorstellen kann, stehen Babys, Kinder und Jugendliche, die so gewissenhaft und unvergleichlich sind wie die, von denen wir heute gesprochen haben. Ich bezeuge, dass sie Abbilder des blühenden Reiches Gottes auf Erden in all seiner Kraft und Schönheit sind.

Ebenso gebe ich Zeugnis, dass Joseph Smith in seiner Jugend gesehen hat, wovon er sagte, er habe es gesehen, und sich mit denen unterhalten hat, von denen er sagte, er habe mit ihnen gesprochen. Ich bezeuge, dass Russell M. Nelson demütig und rein und Gottes ordinierter und begnadeter Prophet und Seher ist. Ich habe mein Leben lang viel gelesen und ich bezeuge, dass das Buch Mormon das lohnendste Buch ist, das ich je gelesen habe. Es ist der Schlussstein meiner bescheidenen Unterkunft in einem Reich mit vielen Wohnungen. Ich bezeuge, dass das Priestertum sowie Gebete mir das Leben wiedergeben – das Priestertum Christi und Ihre Gebete. Ich weiß, dass dies alles wahr ist, und bezeuge es im Namen des treuesten und demütigsten aller Söhne Gottes – Alpha und Omega, der große „Ich bin“, der Gekreuzigte, der treue Zeuge, ja, im Namen des Herrn Jesus Christus. Amen.