Generalkonferenz
Die Familie steht im Mittelpunkt des Evangeliums Jesu Christi
Herbst-Generalkonferenz 2025


17:23

Die Familie steht im Mittelpunkt des Evangeliums Jesu Christi

Unsere Lehre von der ewigen Familie und unser Glaube daran stärken und verbinden uns

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich danke Ihnen, dass Sie für mich beten. Ich kann es spüren.

I.

Im Mittelpunkt der Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage steht die Familie. Der Tempel ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Lehre von der Familie. Die heiligen Handlungen, die wir dort empfangen, ermöglichen es uns, als ewige Familie in die Gegenwart unseres himmlischen Vaters zurückzukehren.

Bis zur Frühjahrs-Generalkonferenz 2025 hatte Präsident Russell M. Nelson den Bau von 200 neuen Tempeln angekündigt. Es war ihm stets eine große Freude, am Ende jeder Generalkonferenz neue Tempel anzukündigen, und wir alle freuten uns mit ihm. Da sich jedoch derzeit eine große Anzahl von Tempeln in der frühesten Planungs- und Bauphase befinden, ist es angebracht, dass wir die Ankündigung neuer Tempel etwas verlangsamen. Daher werden wir, mit Zustimmung des Kollegiums der Zwölf Apostel, bei dieser Konferenz keine neuen Tempel ankündigen. Wir wollen die heiligen Handlungen des Tempels den Mitgliedern der Kirche aber auch weiterhin in aller Welt zugänglich machen und werden dann zu gegebener Zeit den Bau von neuen Tempeln ankündigen.

Dieser Teil meiner Ansprache, den Sie gerade gehört haben, wurde nach dem Tod unseres hochverehrten Präsidenten Russell M. Nelson verfasst. Das nun Folgende wurde Wochen zuvor niedergeschrieben und genehmigt; es sind aber nichtsdestoweniger meine vom Herrn inspirierten Worte.

II.

In der Proklamation zur Familie, die vor genau 30 Jahren veröffentlicht wurde, wird verkündet, dass die Familie „von Gott verordnet ist“ und „im Plan des Schöpfers für die ewige Bestimmung seiner Kinder … im Mittelpunkt steht“. Es wird ferner verkündet, „dass Gottes Gebot für seine Kinder, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, noch immer in Kraft ist“. Und „weiterhin verkünden wir, dass Gott geboten hat, dass die heilige Fortpflanzungskraft nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden darf, die rechtmäßig miteinander verheiratet sind“. Der damalige Elder Russell M. Nelson formulierte es vor einer Zuhörerschaft an der Brigham-Young-Universität so: „Die Familie spielt im Plan Gottes eine zentrale Rolle. … Der Plan zielt ja gerade darauf ab, die Familie zu erhöhen.“

Der eine oder andere weiß, dass in der Kirche Jesu Christi die Familie im Mittelpunkt steht. Und das ist tatsächlich so! Unsere Beziehung zu Gott und der Zweck des Erdenlebens lassen sich am Beispiel der Familie erklären. Das Evangelium Jesu Christi ist der Plan, den unser himmlischer Vater zum Wohle seiner Geistkinder aufgestellt hat. Wir können in der Tat sagen, dass uns der Evangeliumsplan zum ersten Mal in einer Ratsversammlung einer ewigen Familie unterbreitet wurde; er wird durch unsere irdischen Familien verwirklicht, und seine vorgesehene Bestimmung ist die, dass die Kinder Gottes in einer ewigen Familie erhöht werden.

III.

Dieser hier aufgezeigten Lehre stellt sich dennoch manches entgegen. In den Vereinigten Staaten erleben wir leider einen Rückgang an Eheschließungen und Geburten. Seit fast einhundert Jahren nehmen der Anteil an Haushalten mit verheirateten Paaren sowie die Geburtenrate ständig ab. Unter den Mitgliedern unserer Kirche sind die Anzahl der Eheschließungen und die Geburtenrate zwar deutlich höher, doch sie sind ebenfalls erheblich zurückgegangen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, dass das Verständnis der Heiligen der Letzten Tage vom Zweck der Ehe und vom Stellenwert von Kindern nicht verlorengeht. Das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten. „Die Erhöhung ist eine Familienangelegenheit“, hat Präsident Nelson gesagt. „Nur durch die errettenden heiligen Handlungen des Evangeliums Jesu Christi kann man mit der Familie erhöht werden.“

Der Rückgang an Eheschließungen und Geburten hierzulande ist aus historischer Sicht nachvollziehbar, doch die Wertvorstellungen und Gepflogenheiten der Heiligen der Letzten Tage sollten diesen Trends entgegenwirken, anstatt ihnen zu folgen.

Meine Kindheit, die nun schon 80 Jahre zurückliegt, verbrachte ich auf der Farm meiner Großeltern, wo das Tagesgeschehen beinahe ausschließlich von der Familie bestimmt wurde. Es gab weder einen Fernseher noch andere elektronische Geräte, die uns von den familiären Aktivitäten ablenkten. Im Gegensatz dazu gibt es in der heutigen städtischen Gesellschaft nur wenige Mitglieder, die regelmäßig etwas mit der Familie unternehmen. Das Stadtleben, die modernen Transportmittel, die Unterhaltungsprogramme und die digitale Kommunikation machen es Jugendlichen leicht, ihr Zuhause lediglich als Unterkunft zu betrachten, wo sie schlafen und gelegentlich auch eine Mahlzeit einnehmen. Von ihren Eltern aber erhalten sie dort weit weniger Anweisungen für ihre Unternehmungen.

Der elterliche Einfluss wird auch durch die Art und Weise verwässert, wie die meisten Mitglieder der Kirche heutzutage ihren Lebensunterhalt verdienen. Früher beruhte der Zusammenhalt in der Familie zu einem Großteil darauf, dass man ein gemeinsames Anliegen verfolgte – etwa ein Stück Land urbar zu machen oder den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Familie war eine gut organisierte und gut geleitete wirtschaftliche Produktionseinheit. Heutzutage ist die Familie meistens eine wirtschaftliche Konsumeinheit, die keiner stark ausgeprägten Organisation oder Zusammenarbeit bedarf.

IV.

Auch wenn der Einfluss der Eltern abnimmt, haben die Heiligen der Letzten Tage nach wie vor die ihnen von Gott übertragene Aufgabe, ihre Kinder dazu anzuhalten, sich auf die Bestimmung der Familie in der Ewigkeit vorzubereiten (siehe Lehre und Bündnisse 68:25). Viele von uns müssen dies tun, auch wenn nicht alle Familien dem herkömmlichen Bild entsprechen. Scheidung, Tod und Trennung sind Teil der Realität. Ich habe das in der Familie, in der ich aufgewachsen bin, selbst erlebt.

Familie Oaks

Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war, sodass mein kleiner Bruder, meine kleine Schwester und ich von unserer verwitweten Mutter großgezogen wurden. In dieser äußerst schwierigen Situation ging sie tapfer vorwärts. Sie war allein und am Boden zerstört, aber mit der Hilfe des Herrn vermittelte sie uns eindringlich die Lehre der wiederhergestellten Kirche und lenkte dadurch unsere Schritte. Innig betete sie um himmlische Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder und wurde wahrlich gesegnet! Wir wuchsen in einem glücklichen Zuhause auf, in dem unser verstorbener Vater uns stets im Bewusstsein blieb. Sie erklärte uns, dass wir einen Vater hatten und dass sie einen Mann hatte und dass wir dank ihrer Tempelehe immer eine Familie sein würden. Unser Vater war nur vorübergehend nicht bei uns, weil der Herr ihn zu einem anderen Werk berufen hatte.

Ich weiß, dass viele andere Familien nicht so glücklich sind, doch jede alleinerziehende Mutter kann mit ihren Kindern über die Liebe des himmlischen Vaters sprechen und über die Aussicht auf die Segnungen einer Tempelehe. Auch Sie können das! Im Plan des himmlischen Vaters wird diese Möglichkeit allen Menschen zugesichert. Wir alle sind dankbar für die Tempelehe und für die Segnungen, die wir dereinst durch die Siegelung als ewige Familie erhalten können. Wie meine Mutter zitieren wir gerne die Verheißung Lehis an seinen Sohn Jakob, dass Gott uns unsere „Bedrängnisse zum Gewinn weihen“ wird (2 Nephi 2:2). Dies trifft auf jede Familie zu, die der Kirche angehört, mag sie vollständig sein oder nicht. Wir sind eine „Familienkirche“.

Unsere Lehre von der ewigen Familie und unser Glaube daran stärken und verbinden uns. Ich werde nie vergessen, was mein Großvater mütterlicherseits, sein Name war Harris, mir versprach, als wir Kinder auf seiner Farm in der Nähe von Payson in Utah lebten. Er überbrachte mir die traurige Nachricht, dass mein Vater weit weg von uns in Denver in Colorado verstorben war. Ich rannte in mein Zimmer, kniete mich neben das Bett und weinte bitterlich. Mein Großvater folgte mir, kniete sich neben mich und sagte: „Ich werde dein Vater sein.“ Dieses bewegende Versprechen ist ein schönes Beispiel dafür, wie Großeltern die Lücke schließen können, die sich auftut, wenn ein Familienmitglied verstirbt oder fehlt.

Eltern – ob alleinerziehend oder verheiratet – sowie andere, wie zum Beispiel Großeltern, die diese Rolle für Kinder übernehmen, sind die besten Lehrer. Am wirkungsvollsten lehren sie durch ihr Beispiel. Der Kreis der Familie ist der ideale Ort, wo man ewige Werte vorleben und erlernen kann – zum Beispiel, weshalb Ehe und Kinder so wichtig sind, was der Sinn des Lebens ist und was die wahre Quelle der Freude ist. Außerdem ist es der beste Ort, wo man noch andere entscheidende Lektionen fürs Leben lernen kann, wie etwa Freundlichkeit, Vergebungsbereitschaft, Selbstbeherrschung und den Stellenwert von Bildung und ehrlicher Arbeit.

Natürlich haben viele Mitglieder der Kirche geliebte Angehörige, die sich die Werte und Erwartungen, die auf dem Evangelium beruhen, nicht zu eigen machen. Diese Menschen brauchen unsere Liebe und unsere Geduld. Im Umgang miteinander dürfen wir nicht vergessen, dass die Vollkommenheit, die wir anstreben, nicht auf die anstrengenden Lebensumstände auf der Erde begrenzt ist. Die großartigen Aussagen in Lehre und Bündnisse 138:57-59 geben uns die Gewissheit, dass Umkehr und geistiges Wachstum auch nach dem Erdenleben in der Geisterwelt möglich sind. Wichtiger noch: Wenn in einer Familie alle zusammenstehen, um einander zu stärken, dürfen wir alle nicht vergessen, dass die Sünden und die unvermeidlichen Unzulänglichkeiten, denen wir alle im Erdenleben unterworfen sind, durch Umkehr und dank des herrlichen, errettenden Sühnopfers Jesu Christi vergeben werden können.

V.

Unser Erretter Jesus Christus ist unser größtes Vorbild. Wir werden gesegnet, wenn wir unser Leben an seinen Lehren und seiner Selbstaufopferung ausrichten. Christus nachzufolgen und uns selbst im Dienst an anderen zu verlieren, ist das beste Mittel gegen Selbstsucht und Individualismus, die heutzutage anscheinend so weit verbreitet sind.

Eltern haben zudem die Pflicht, ihren Kindern neben den Grundsätzen des Evangeliums auch praktisches Wissen zu vermitteln. Der Zusammenhalt in der Familie wird gestärkt, wenn man gemeinsam etwas Sinnvolles tut. Gartenarbeit mit der Familie fördert die Beziehungen in der Familie. Schöne Erlebnisse mit der Familie stärken die Familienbande. Zelten, Sport und andere Freizeitaktivitäten tragen besonders gut zur Festigung der familiären Beziehungen bei. Familien sollten Familientreffen organisieren, um ihrer Vorfahren zu gedenken – was sie dann nämlich zum Tempel hinlenkt.

Eltern sollten ihren Kindern grundlegende Fertigkeiten fürs Leben vermitteln, wie etwa auch Garten- und Hausarbeit. Das Erlernen von Fremdsprachen ist eine nützliche Vorbereitung auf eine Mission und das heutige Leben. Als Lehrer für all dies können sich Eltern, Großeltern oder sonstige Verwandte verdient machen. Die Familie gedeiht, wenn alle gemeinsam lernen und sich miteinander über alles beraten, was die Familie und die einzelnen Mitglieder betrifft.

Manch einer sagt vielleicht: „Aber für so etwas haben wir gar keine Zeit!“ Viele Eltern werden feststellen: Wenn man Zeit finden will, um etwas wirklich Lohnendes zu tun, kann man den Familienmodus einschalten, sobald alle ihre Geräte ausschalten. Liebe Eltern, bitte denken Sie daran: Was Ihre Kinder wirklich zum Abendessen wollen, ist Zeit mit Ihnen!

Die Familie erlangt große Segnungen, wenn alle gemeinsam beten und sich abends und morgens hinknien, um für Segnungen zu danken und für gemeinsame Anliegen zu beten. Auch die gemeinsame Gottesverehrung in der Kirche, bei Andachten und dergleichen ist ein Segen für die Familie. Die Familienbande werden zudem dadurch gestärkt, dass man Begebenheiten aus der Familiengeschichte erzählt, gemeinsame Familientraditionen schafft und einander an heiligen Erlebnissen teilhaben lässt. Präsident Spencer W. Kimball hat betont: „Inspirierende Geschichten aus dem eigenen Leben und dem unserer Vorfahren … sind ein großartiges Mittel, um jemandem etwas beizubringen.“ Oft sind dies die besten Quellen der Inspiration für uns und unsere Nachkommen.

Ich gebe Zeugnis für den Herrn Jesus Christus, den einziggezeugten Sohn Gottes, unseres ewigen Vaters. Er lädt uns ein, den Weg der Bündnisse zu gehen, der zu einer Wiedervereinigung der Familie im Himmel führt. Die Siegelungsmächte des Priestertums, die von den im Kirtland-Tempel wiederhergestellten Schlüsseln gelenkt werden, bringen Familien für die Ewigkeit zusammen (siehe Lehre und Bündnisse 110:13-16). Diese Mächte kommen derzeit in einer wachsenden Anzahl von Tempeln des Herrn auf der ganzen Welt zur Anwendung. Dies ist wirklich so. Lassen Sie uns daran teilhaben, das erbitte ich im Namen Jesu Christi. Amen.