Die sühnende Liebe Jesu Christi
Sowohl Heilung als auch Vergebung sind vollständig in der sühnenden Liebe Jesu Christi zu finden
Ich schätze Präsident Russell M. Nelson sehr und bin dankbar für den bemerkenswerten Einfluss, den er auf jeden von uns gehabt hat. Und ich spreche für uns alle, wenn ich Gott dafür danke, dass er das edle Leben von Präsident Dallin H. Oaks bewahrt und zu etwas so Großartigem gemacht hat.
Mit jedem Jahr empfinde ich eine noch größere Liebe zu unserem Erretter Jesus Christus und für sein barmherziges Sühnopfer. Sein erhabenes Opfer, das den Sieg über Tod und Sünde sicherte, ist der bedeutendste Beitrag zur Menschheitsgeschichte. Sein göttliches Geschenk zu verstehen, ist für mich eine zeitlich unbegrenzte, himmlische Lernerfahrung, die auch jenseits des Grabes weitergehen wird.
Dass der Erretter mit beeindruckendem Mitgefühl Sünden vergibt und Wunden heilt, die durch die Sünden anderer verursacht wurden, ist ein Ausdruck der Liebe Gottes, der wahrlich einem Wunder gleichkommt.
Mein Wunsch ist es, denen Hoffnung zu spenden, die Vergebung für sehr schwerwiegende Sünden suchen, und denen Trost zu spenden, die Heilung von quälenden Wunden suchen, die durch schwerwiegende Sünden anderer verursacht wurden.
Sowohl Heilung als auch Vergebung sind vollständig in der sühnenden Liebe Jesu Christi zu finden.
Glaube an Jesus Christus
Wenn Sie schwerwiegende Sünden begangen haben und gerade dabei sind oder den Wunsch haben, vollständig umzukehren und die unaussprechliche Freude der Vergebung zu verspüren, seien Sie bitte gewiss, dass dieses Wunder auf Sie wartet. Der Erretter ruft unaufhörlich: „Kommt alle zu mir.“
Wenn Sie Ihren Glauben an unseren Erretter Jesus Christus festigen, wird in Ihrem Innersten die Sehnsucht danach stärker, ihn zu kennen, an ihn zu glauben und ihm Ihr Herz hinzugeben. Enos fragte, als ihm selbst vergeben wurde: „Herr, wie geht das zu?“ Der Herr antwortete: „Wegen deines Glaubens an Christus, den du nie zuvor gehört oder gesehen hast.“
Und Moroni führte weiter aus: „Wenn ihr auf alles Ungöttliche verzichtet und Gott mit all eurer Macht, ganzem Sinn und aller Kraft liebt, dann ist seine Gnade ausreichend für euch.“
Sich von Sünde abwenden, sich Gott zuwenden und den eigenen Glauben an Jesus Christus stärken – das ist ein wunderbarer Anfang. Den eigenen Willen demütig dem Willen Gottes unterzuordnen bedeutet, schwerwiegende Sünden dem Bischof oder Zweigpräsidenten zu bekennen, die vollständige Vergebung kommt jedoch vom Erretter. Die Vergebung ist ein göttliches Geschenk, das durch die Gnade Jesu Christi angeboten wird.
Ehrlichkeit
Der Wunsch, wahrhaftig zu Gott zurückzukehren, geht Hand in Hand mit dem Entschluss, völlig ehrlich zu sein: Ihrem Vater im Himmel gegenüber, sich selbst gegenüber, denen gegenüber, die zu Schaden gekommen sind, und Ihrem Priestertumsführer gegenüber. Ihr Vater im Himmel freut sich über Ihre Entschlossenheit, mit reuigem Herzen und zerknirschtem Geist zu ihm zu kommen. Einen zerknirschten Geist zu haben bedeutet, sich demütig in Gottes Hand zu begeben. Ein reuiges Herz führt, wie der Apostel Paulus es nennt, zu „gottgewollter Traurigkeit“, nämlich zu einem innigen Verlangen der Seele, zu Gott zurückzukehren, koste es, was es wolle.
Wiederherstellen, was beschädigt ist
Ihre Sehnsucht weckt in Ihnen den Wunsch, das in Ordnung zu bringen, was Sie beschädigt haben. Dennoch werden Sie feststellen, dass Sie manches nicht aus eigener Kraft in Ordnung bringen können, und dann beten Sie inständig darum, dass der Herr durch seine Gnade mithilft, diejenigen zu heilen, die infolgedessen, was Sie getan haben, verletzt wurden.
Die Auswirkungen schwerwiegender Sünden auf andere lassen sich oft nur äußerst schwer bewältigen. Folgen Sie dem Beispiel der Söhne Mosias, die sich eifrig bemühten, „all das Unrecht gutzumachen“, das sie begangen hatten? Sprechen Sie mit Menschen, die Ihren Respekt genießen, darüber, ob Sie da womöglich etwas übersehen.
Bei der Vorbereitung dieser Ansprache erhielt ich unerwartet eine E-Mail von jemandem, der gerade dabei war, umzukehren, und den Wunsch hegte, zur Kirche zurückzukehren. Seine frühere Ehefrau litt noch immer darunter, dass ihre ewige Ehe dahingeschwunden war, unter Schwierigkeiten mit den Kindern, „dem Verlust der finanziellen Sicherheit“, dass sie nicht gut in der Lage war, „alle Ausgaben zu decken“, und unter dem „wahrhaft die Luft abschnürenden Gefühl, hintergangen worden zu sein“.
Er schrieb mir, dass der für ihn zuständige Priestertumsführer „sich gedrängt gefühlt hatte, [ihn zu bitten,] gebeterfüllt darüber nachzudenken“, was er sonst noch für seine Exfrau und seine Kinder tun könne. Mit seiner Erlaubnis zitiere ich nun aus seiner E-Mail:
„[Zuerst] fand ich, das [Geld], das ich laut Scheidungsurteil abtrat, sei doch mehr als großzügig. Mein Zweigpräsident legte mir jedoch nahe, deswegen zu fasten und zu beten. …
Zunächst widerstrebte mir der Gedanke, weitere Ausgleichszahlungen zu leisten. Da meine Sünden nicht finanzieller Natur waren, fragte ich mich, was ‚großzügiger Ausgleich‘ denn wirklich bedeute[, aber] bald wurde mir klar, dass es nicht bloß ums Geld ging.
Meine Priestertumsführer kamen mit [meiner früheren Ehefrau] und meinen Kindern zusammen und erkannten, dass sie immer noch mit der Situation rangen und noch keine Heilung eingetreten war.
Mein neues Ziel war, mit Glauben voranzugehen. … Ich äußerte schlicht den Wunsch, zu helfen, und zwar bedingungslos. … Ich beschloss, [meiner früheren Ehefrau pro Gehaltszahlung eine konkrete Summe zu schicken,] die einen erheblichen Anteil meines Nettolohns ausmachte. Als die erste Zahlung gerade anstand, [gab mir der Herr ein, ich müsse das Doppelte] zahlen.
Ich habe gelernt, dass es beim Ausgleichen nicht bloß ums Geld geht. Es geht darum, dass ich mein Leben voller Demut dem Herrn weihe. … Das Geld soll schlicht das ersetzen helfen, was ich meiner Familie durch meine schlechten Entscheidungen genommen habe. Es geht darum, Versprechen zu geben und zu halten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, damit [meine frühere Ehefrau] sich keine Sorgen um Rechnungen machen muss, sondern sich um den Heiligen Geist bemühen kann.“
Bei Ihren Bemühungen, das auszubessern, was Sie beschädigt haben, geht es vielleicht überhaupt nicht ums Geld. Wenn Sie sich jedoch demütig mit dem Herrn beraten, stellen Sie möglicherweise fest, dass Sie noch mehr tun können.
Nach und nach die Zustimmung Gottes erhalten
Bemühen Sie sich um die Vergebung des Herrn und warten Sie währenddessen geduldig auf seine vollständige Zustimmung. Denken Sie an diese Schriftstelle:
„Sie demütigten sich bis in die Tiefen der Demut; und … schrien mächtig zu Gott; ja, selbst den ganzen Tag lang. [Aber] der Herr [war] wegen ihrer Übeltaten langsam, ihr Schreien zu vernehmen.“
„Dennoch hörte der Herr ihre Schreie und fing an, … ihre Lasten leichter zu machen; [und sie] fingen … nach und nach zu gedeihen an.“
Seien Sie geduldig, wenn der Herr Ihnen seinen Segen und seine Zustimmung nach und nach zukommen lässt.
Gemäß dem Zeitplan des Herrn verspüren Sie dann, wie seine Stimme Ihnen sagt: „[Lass] dich davon nicht mehr beunruhigen.“ Wenn Sie sich dem Erretter weiterhin zuwenden, wird der Vater im Himmel Ihnen eines Tages „durch die Verdienste seines Sohnes … die Schuld aus dem Herzen“ wegnehmen.
Verletzungen und Leid
Ihnen, die Sie durch die schwerwiegenden Sünden eines anderen ungerechterweise verletzt wurden, möchte ich so gern die Liebe und das Mitgefühl des Erretters, seinen Trost und Frieden zukommen lassen.
Die Traurigkeit, die Sie verspüren, das Herzeleid, der Verlust, das die Luft abschnürende Gefühl, hintergangen worden zu sein, das auf den Kopf gestellte Leben, das Sie sich ganz anders vorgestellt hatten – ich versichere Ihnen mit absoluter Gewissheit: Der Erretter kennt Sie und liebt Sie. Gehen Sie auf ihn zu. Er ist Ihnen Trost und Kraft; er wird seine Engel aussenden, um Sie zu stützen. Wann werden Ihr Schmerz verschwunden, Ihre Trauer gelindert, die ungewollten Erinnerungen vergessen sein? Ich weiß es nicht. Doch dies weiß ich: Der Herr hat die Macht, Ihnen aus der Asche Ihres Leids Schmuck zu bringen.
Unsere lieben Brüder und Schwestern in Grand Blanc in Michigan haben infolge ihres unerschütterlichen Glaubens an Jesus Christus, infolge ihres Muts und ihrer Selbstlosigkeit die unvergleichliche Liebe und Gnade des Erretters empfangen und werden sie auch in den kommenden Wochen und Monaten in reichem Maße empfangen.
Wenn Sie weiterhin Ihr Vertrauen in ihn setzen, verwandeln sich die finsteren Wolken und Ihr schmerzerfülltes Schluchzen in der Nacht in strömende Freudentränen und Frieden im Morgenlicht. „[Ihre] Trauer wird sich in Freude verwandeln. … Und niemand nimmt [Ihnen Ihre] Freude.“ Dieser Augenblick wird kommen. Ich bezeuge, dass er kommen wird.
Die sühnende Liebe Jesu Christi ist in den schwierigsten Situationen erlebbar, aber der sühnenden Gnade unseres Erretters bedürfen wir ständig. Präsident Dallin H. Oaks hat erklärt: „Wegen der Sühne, die er in seinem irdischen Leben zustande gebracht hat, kann der Heiland alle Menschen überall trösten, heilen und stärken. Ich glaube jedoch, dass er dies nur bei denjenigen tut, die ihn suchen und ihn um Hilfe bitten. Der Apostel Jakobus hat gesagt: ‚Demütigt euch vor dem Herrn und er wird euch erhöhen.‘ (Jakobus 4:10.) Wir haben auf diese Segnung Anspruch, wenn wir an ihn glauben und um seine Hilfe bitten.“
Elder Robert E. Wells
Mit Erlaubnis meines lieben Freundes Elder Robert E. Wells – er ist emeritierte Generalautorität und inzwischen 97 Jahre alt – erzähle ich von einer Begebenheit aus seinem Leben, die über 60 Jahre zurückliegt:
Als Robert Wells 1960 in Paraguay lebte – er war im internationalen Bankwesen tätig und damals 32 –, steuerten er und seine Frau Meryl eines Tages jeweils ein Flugzeug auf dem Heimweg von Uruguay nach Paraguay. Sie gerieten in dichte Wolken und verloren sowohl Sicht- als auch Funkkontakt zueinander. Robert landete rasch und musste erfahren, dass das Flugzeug seiner Frau abgestürzt war. Weder seine Frau noch die beiden Freunde, die bei ihr mitgeflogen waren, hatten überlebt. Seine Kinder daheim in Asunción waren sieben, fünf und zwei Jahre alt.
Elder Wells sprach über seine Trauer:
„Worte werden niemals ausdrücken können, welcher Schmerz mich erfüllte, meine Gefühle verzehrte und meine Sinne betäubte. Tränen tiefster Trauer flossen und wollten nicht versiegen. Und was noch schlimmer war: Während mein Verstand versuchte, die niederschmetternde Erkenntnis zu verarbeiten, dass meine Frau tot war, wurde ich von dem drückenden Schuldgefühl heimgesucht, dass ich für den Absturz verantwortlich war.“
Robert machte sich Vorwürfe, dass er das Flugzeug nicht gründlicher inspiziert und seine Frau nicht besser im Instrumentenflug unterwiesen hatte. Er glaubte, der Nachlässigkeit schuldig zu sein.
Robert sagte:
„Mein Verstand war verdüstert und wie betäubt. … Ich existierte nur noch [um der Kinder willen –] mehr nicht.
Ich … hegte keinerlei Wunsch mehr, weiterzuleben.“
Doch irgendwann wurde Robert ein zutiefst geistiges Erlebnis zuteil. Er berichtete:
„Eines Abends, ungefähr ein Jahr später, kniete ich im Gebet nieder, als ein Wunder geschah. Während ich flehentlich zu meinem himmlischen Vater betete, war mir, als träte der Erretter an meine Seite. Ich vernahm eine hörbare Stimme, deren Worte mir in Seele und Ohren drangen: ‚Robert, mein Sühnopfer hat für deine Sünden und deine Fehler den Preis gezahlt. Deine Frau vergibt dir. Deine Freunde vergeben dir. Ich nehme die Last von dir. …‘
Von da an war die Last der Schuld [und der Verzweiflung] auf erstaunliche Weise von mir genommen. Ich war gerettet worden! Ich verstand sofort die umfassende Macht des Sühnopfers des Erretters und … dass sie sich direkt auf mich erstreckte. … Mir … wurden Licht und Freude zuteil, wie ich es bis dahin noch nie erlebt hatte. … Ich hatte ein unverdientes Geschenk erhalten – das Geschenk der Gnade des Herrn. … Es stand mir nicht zu – ich hatte es mit nichts verdient, und trotzdem gab er es mir.“
Brüder und Schwestern, möge jeder von uns „durch die Gnade Gottes in Christus geheiligt [sein], nämlich dadurch, dass das Blut Christi vergossen wurde, …damit [wir] heilig [werden], ohne Makel“.
Ich gebe Zeugnis für die Liebe, die Barmherzigkeit und die Gnade unseres Erretters und Erlösers. Er lebt. Wir sind sein; wir sind Kinder des Bundes. Wenn wir an ihn glauben, ihm nachfolgen und ihm vertrauen, wird er unseren Kummer und unsere Sünden von uns nehmen. Dann, nach diesem Erdenleben, werden wir – im Haus unseres Vaters – für alle Ewigkeit bei ihm leben. Im Namen Jesu Christi. Amen.