Generalkonferenz
Machen Sie sich bewusst, wer Sie wirklich sind
Herbst-Generalkonferenz 2025


10:46

Machen Sie sich bewusst, wer Sie wirklich sind

Unabhängig davon, wo wir uns auf unserem Weg eines Jüngers gerade befinden: Unser Leben verändert sich grundlegend, wenn wir besser verstehen, wer wir wirklich sind

Vor einigen Jahren hatte unsere Tochter auf Mission ein tiefgreifendes Erlebnis. Mit ihrer Zustimmung lese ich in Teilen vor, was sie uns in jener Woche schrieb:

„Gestern bat uns eine Schwester, die gerade wieder in der Kirche Fuß fasst, so schnell wie möglich zu ihr zu kommen. Als wir bei ihr ankamen, lag sie auf dem Boden und schluchzte hemmungslos. Tränenüberströmt vertraute sie uns an, sie habe ihren Job verloren, stünde vor einer Zwangsräumung und werde nun ein weiteres Mal obdachlos.“

Unsere Tochter fuhr fort: „Fieberhaft blätterte ich in meinen Schriften und suchte nach etwas – irgendetwas –, was ihr helfen könne. Während ich die ideale Schriftstelle suchte, dachte ich: ‚Was mache ich hier eigentlich? Das würde Christus doch sicherlich nicht tun! Dieses Problem hier kann ich nicht lösen – aber hier ist buchstäblich eine Tochter Gottes, die meine Hilfe braucht.‘ Also klappte ich die Schriften zu, kniete mich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte mit ihr, bis sie so weit war, dass sie aufstehen und sich dieser Prüfung stellen konnte.“

Nachdem sie die Frau getröstet hatte, brachte unsere Tochter ihr mithilfe der heiligen Schriften ihren göttlichen Wert nahe und erklärte ihr eine der grundlegendsten Wahrheiten unseres Daseins: dass wir geliebte Söhne und Töchter Gottes sind und dass dieser Gott vollkommenes Mitgefühl hat, wenn wir leiden, und bereit ist, uns zu helfen, sobald wir uns aufgerappelt haben.

Es ist aufschlussreich, dass einer der ersten Punkte der Lehre, den unsere Missionare vermitteln, lautet: Gott ist unser Vater im Himmel und liebt uns. Jede weitere Wahrheit baut auf dem grundlegenden Verständnis auf, wer wir wirklich sind.

Susan H. Porter, Präsidentin der Primarvereinigung der Kirche, hat erklärt: „Wenn Sie wissen und verstehen, wie vollkommen Sie als Kind Gottes geliebt werden, ändert sich alles. Es verändert, was Sie über sich selbst denken, wenn Sie Fehler machen. Es verändert, wie Ihnen zumute ist, wenn Schwierigkeiten auftreten. Es verändert Ihre Einstellung zu den Geboten Gottes. Es verändert Ihre Einstellung zu Ihren Mitmenschen und zu Ihrer Fähigkeit, etwas bewirken zu können.“

Diese Veränderung wird in dem Bericht von Mose deutlich, als er von Angesicht zu Angesicht mit Gott redete. Bei dieser Unterredung wies Gott Mose mehrmals mit den Worten „Mose, mein Sohn“ auf dessen göttliche Herkunft hin. Gott erklärte, Mose sei im Ebenbild seines Einziggezeugten. Mose erkannte schließlich klar, wer er war, dass er ein Werk zu verrichten hatte und dass er einen liebevollen Vater im Himmel hatte.

Nach diesem Erlebnis kam der Widersacher, ihn zu versuchen, und sprach ihn sogleich an mit: „Mose, Menschensohn.“ Dies ist eine gängige und gefährliche Waffe im Arsenal des Widersachers. Während unser Vater im Himmel uns immer wieder liebevoll in Erinnerung ruft, dass wir seine Kinder sind, trachtet der Widersacher stets danach, uns über unsere Schwächen zu definieren. Doch Mose hatte bereits gelernt, dass er mehr war als ein „Menschensohn“. Er sprach zum Satan: „Wer bist du? Denn siehe, ich bin ein Sohn Gottes.“ Auch für uns gilt: Wenn uns im Erdenleben Herausforderungen begegnen oder wir das Gefühl haben, jemand wolle uns über unsere Schwächen definieren, müssen wir fest in dem Wissen stehen, wer wir wirklich sind. Streben wir nach Bestätigung von oben, nicht von nebenan. Wenn wir dies beherzigen, können auch wir unerschrocken verkünden: „Ich bin ein Kind Gottes!“

In einer Andacht für junge Erwachsene in aller Welt sagte unser geschätzter Präsident Russell M. Nelson: „Wer seid ihr also? Vor allem seid ihr ein Kind Gottes, ein Kind des Bundes und Jünger Jesu Christi. Wer diese Wahrheiten annimmt, dem hilft der Vater im Himmel, das höchste Ziel zu erreichen und auf ewig in seiner heiligen Gegenwart zu leben.“

Es ist kein Zufall, dass Gott uns in der Schriftstelle, die vermutlich am häufigsten zitiert wird, unsere Beziehung zu ihm in Erinnerung ruft. Von allen Bezeichnungen, mit denen er im Abendmahlsgebet angesprochen werden könnte, hat er sich die Anrede „Gott, ewiger Vater“ erbeten.

Je mehr wir wirklich erkennen, wer wir sind, desto stärker ist unser Glaube daran, dass unser liebevoller Vater im Himmel einen Plan für uns aufgestellt hat, wie wir zu ihm zurückkehren und wieder bei ihm leben können. Elder Patrick Kearon hat erklärt: „Der schöne Plan unseres Vaters, ja, sein fabelhafter Plan, ist dazu bestimmt, Sie nach Hause zu bringen, und nicht, Sie fernzuhalten. … Gott bemüht sich unermüdlich um Sie.“ Denken Sie einen Moment darüber nach: Unser allmächtiger, liebevoller Vater „bemüht sich unermüdlich um Sie“!

Unabhängig davon, wo wir uns auf unserem Weg eines Jüngers gerade befinden: Unser Leben verändert sich grundlegend, wenn wir besser verstehen, wer wir wirklich sind. Ich möchte zwei Anregungen anführen, wie wir dieses Verständnis vertiefen können.

Erstens: Das Gebet

Der Erretter wurde zu Beginn seines irdischen Wirkens in die Wüste geführt, „um mit Gott zu sein“. Vielleicht sollten wir uns neu ausrichten und nicht mehr bloß unsere Gebete aufsagen, sondern uns jeden Tag genügend Zeit nehmen, um wirklich mit Gott zu sprechen und „mit Gott zu sein“.

Ich habe festgestellt, dass meine Gebete inniger werden, wenn ich mir ein paar Minuten Zeit nehme, um mich auf das Gespräch mit meinem Vater vorzubereiten. Die heiligen Schriften zeigen uns, dass dieses Muster funktioniert. Ob Joseph Smith, Helamans Sohn Nephi oder Enos – sie alle haben vor ihrem Gespräch mit Gott, wie es in den Schriften aufgezeichnet ist, in irgendeiner Form ernsthaft nachgesonnen. Enos sagte, dass seine Seele hungerte, nachdem die Worte seines Vaters ihm tief ins Herz gedrungen waren. Jedes dieser Beispiele zeigt uns, dass wir uns jeden Tag geistig auf die heutige Zeit und darauf vorbereiten müssen, „mit Gott zu sein“.

Die Nephiten wies der Erretter an: „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, so bete zu deinem Vater.“

Ob in einer Kammer oder im Schlafzimmer – der Grundsatz lautet: Suchen Sie sich einen Ort, wo Sie zum Beten für sich sind, Ihre Seele zur Ruhe kommen kann und Sie die Eingebungen der „leisen, sanften Stimme“ spüren. Wir können uns vorbereiten, indem wir darüber nachdenken, wofür wir dankbar sind und welche Fragen oder Anliegen wir vor unseren Vater bringen möchten. Seien wir bestrebt, unser Gebet nicht herunterzuleiern, sondern mit unserem Vater richtig zu sprechen – nach Möglichkeit laut.

Mir ist klar, dass uns im alltäglichen Chaos – wenn Kleinkinder uns auf Trab halten oder ein Termin den nächsten jagt – vielleicht nicht der Luxus vergönnt ist, dass wir uns in ein stilles Kämmerlein zurückziehen und uns sorgfältig vorbereiten können. Doch auch ein stilles, dringliches Stoßgebet kann sehr an Bedeutung gewinnen, wenn wir uns zuvor an diesem Tag bereits darum bemüht haben, „mit Gott zu sein“.

Manch einer hat vielleicht schon lange nicht mehr gebetet und jemand anders wiederum hat das Gefühl, seine Gebete würden nicht erhört. Ich versichere Ihnen, dass Ihr Vater im Himmel Sie kennt, Sie liebt und gern von Ihnen hören möchte. Er möchte mit Ihnen in Verbindung stehen. Er möchte, dass Sie daran denken, wer Sie sind.

Elder Jeffrey R. Holland hat kürzlich gesagt: „Wie viel Sie auch beten, beten Sie mehr. Wie innig Sie auch beten, beten Sie inniger.“

Außer häufigerem und innigerem Beten bereiten wir unseren Sinn auch dadurch auf Offenbarung vor, dass wir jeden Tag im Buch Mormon lesen und Gott im Tempel verehren. Wenn wir bestrebt sind, unsere Kommunikation mit dem Vater im Himmel zu verbessern, segnet er uns dahingehend, dass wir noch intensiver spüren, dass wir seine Kinder sind.

Zweitens: Die Gewissheit erlangen, dass Jesus der Messias ist

Der höchste Ausdruck der Liebe, die der Vater im Himmel zu uns, seinen Kindern, hegt, zeigt sich darin, dass er wahrhaftig seinen Sohn gesandt hat – unseren persönlichen Erretter –, damit wir nach Hause kommen können. Deshalb müssen wir ihn kennenlernen.

Als ich vor vielen Jahren Pfahlpräsident war, reichte ich einmal einen Vorschlag für einen Bruder ein, der Tempelarbeiter werden sollte. Ich hatte ihm gerade gesagt, was für ein wunderbarer Tempelarbeiter er doch sein werde, da klickte ich versehentlich auf „nicht empfehlen“ – und schon war die Meldung übermittelt. Nachdem ich erfolglos versucht hatte, die Mitteilung rückgängig zu machen, rief ich den Tempelpräsidenten an und sagte: „Ich habe einen furchtbaren Fehler gemacht.“ Ohne zu zögern erwiderte der herzensgute Tempelpräsident: „Präsident Eyre, Sie haben nichts getan, was nicht vergeben und letztendlich richtiggestellt werden kann.“ Welch großartige Wahrheit! Jesus Christus ist fürwahr „mächtig … zu erretten“.

2019 gab es eine grundlegende Änderung bei den Fragen für das Tempelinterview. Früher hieß es in einer der Fragen: Haben Sie ein Zeugnis von der Rolle Jesu Christi als Erretter und Erlöser? Jetzt wird man gefragt: Haben Sie ein Zeugnis von der Rolle Jesu Christi als Ihrem Erretter und Erlöser? Das Sühnopfer Jesu Christi ist nicht nur für andere da – es ist wirksam für Sie und für mich. Er ist mein Erretter. Er ist Ihr Erretter. Ganz persönlich. Nur durch ihn können Sie und ich zurückkehren, um bei unserem Vater zu sein.

Brüder und Schwestern, suchen wir ihn also. Befassen wir uns mit seiner göttlichen Beziehung zum Vater und zu jedem von uns. Lassen wir den Gesang der erlösenden Liebe in uns klingen, die jedem Einzelnen von uns durch unseren Erlöser zuteilwird, wenn wir umkehren. Wenn wir ihn, „der mächtig ist zu erretten“, kennenlernen, wird uns aufgehen, dass wir als Kinder Gottes seine Freude sind, sein wichtigstes Anliegen, und dass jeder es wahrhaftig wert ist, errettet zu werden.

Ich bezeuge, dass wir einen liebevollen Vater im Himmel haben. Wenn wir diese ewige Wahrheit dadurch verinnerlichen, dass wir machtvoll beten, persönliche Offenbarung empfangen und zu Jesus Christus kommen, können wir jetzt und immer unerschrocken verkünden: „Ich bin ein Kind Gottes!“ Im Namen Jesu Christi. Amen.