Hüten Sie sich vor der zweiten Versuchung
Verstecken Sie sich nicht vor denen, die Sie liebhaben und unterstützen – laufen Sie lieber schnell auf sie zu!
Mit zwölf – ist also gar nicht so lange her – durfte ich zum ersten Mal an einem Zeltlager des Aaronischen Priestertums mit Übernachtung teilnehmen. Das war ein lang ersehnter Durchbruch, ging doch mein Vater als Führungsverantwortlicher im Kollegium häufig mit den Jungs aus der Gemeinde zelten, während ich stets hatte zuhause bleiben müssen.
Endlich brach der aufregende Tag an. Ich muss gestehen: Mir lag daran, unter allen Umständen in die Gruppe der älteren Jungs aufgenommen zu werden. Unbedingt wollte ich mich daher beweisen. So dauerte es nicht lange, da stellten sie mir eine Aufgabe, um zu prüfen, ob ich wirklich Teil der Gruppe sein wollte.
Ich sollte an die Autoschlüssel meines Vaters gelangen, denn den Führungsverantwortlichen sollte ein Streich gespielt werden. Ich weiß nicht mehr genau, wie ich meinen Vater überredete, doch bald schon rannte ich stolz mit den Schlüsseln in der Hand zur Gruppe.
Dann kam die nächste Aufgabe. Ich sollte die Autotür aufschließen und zwischen die Rückenlehne des Fahrersitzes und die Hupe einen Stock klemmen. Dann sollte ich die Tür abschließen, sodass in der abendliche Stille die Hupe ertönen würde, ohne dass einer der Lagerleiter die einfache Vorrichtung aus dem Auto entfernen könnte.
An dieser Stelle wird die Geschichte enorm peinlich für mich. Nachdem ich den Stock richtig platziert hatte, versperrte ich die Tür und rannte so schnell wie möglich zu einem Gebüsch in der Nähe. Ich kauerte mich nieder – und verspürte stechende Schmerzen. Im Dunkeln hatte ich mich in der Eile auf einen Feigenkaktus gesetzt.
Meine Schmerzensschreie wurden von dem Hupkonzert übertönt, und mir blieb nichts anderes übrig, als kläglich zum Auto zurückzuhumpeln, meine „Sünden“ zu beichten und eine unangenehme medizinische Erstversorgung über mich ergehen zu lassen.
Den Rest des Abends verbrachte ich im Zelt auf dem Bauch, während mein Vater mit einer Zange die Kaktusstacheln aus meinem … – nun, sagen wir es mal so: Die nächsten paar Tage konnte ich nicht besonders gut sitzen.
Ich habe oft über dieses Erlebnis nachgedacht. Über diese Jugendtorheit kann ich heute lachen, und doch sind mir dadurch auch einige Grundsätze klargeworden.
Viele Verhaltensmuster scheinen für den natürlichen Menschen typisch zu sein: der Wunsch etwa, dazuzugehören und sich zu beweisen, die Angst, etwas zu verpassen, und das überwältigende Bedürfnis, sich zu verstecken, um Konsequenzen zu vermeiden. Ich möchte heute über das letzte Verhaltensmuster sprechen – das Verstecken, wenn wir etwas getan haben, was wir nicht hätten tun sollen.
Meinen kindischen Streich will ich keinesfalls einer schweren Sünde gleichsetzen, doch wir können ihm einige Parallelen entnehmen, die bei Prüfungen im Erdenleben nützlich sind.
Im Garten von Eden lebten Adam und Eva in einem idyllischen Zustand – umgeben von Nahrung im Überfluss und der unvergleichlichen Schönheit eines Gartens, der nicht nur hübsch anzusehen war, sondern auch frei von Unkraut und Feigenkakteen.
Wir wissen jedoch auch, dass das Leben im Garten ihren notwendigen Fortschritt einschränkte. Der Garten war kein Endziel, sondern eine Prüfung – die erste von vielen, durch die sie auf die Probe gestellt, vorbereitet und in die Lage versetzt werden sollten, sich zu ihrem Endziel hin zu entwickeln, nämlich in die Gegenwart des Vaters und des Sohnes zurückzukehren.
Wie Sie wissen, gab es im Garten schon Gegensätze. Luzifer wurde es gestattet, Adam und Eva zu versuchen. Zuerst versuchte er Adam, von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Doch da Adam an das Gebot dachte, davon nicht zu essen, widerstand er der Versuchung. Dann kam Eva, die sich zum Glück entschloss, von der Frucht zu essen, und Adam dazu brachte, es ihr gleichzutun.
Später erklärten Adam und Eva, diese Entscheidung sei notwendig gewesen, um den Plan des himmlischen Vaters zu erfüllen. Doch durch den Genuss der Frucht übertraten sie das Gesetz, das direkt vom Vater erlassen worden war. Ihr daraus resultierendes, niederschmetterndes Verständnis von Gut und Böse muss ihnen Seelenqual bereitet haben, als die Stimme des Vaters seine Rückkehr in den Garten ankündigte. Sie erkannten, dass sie nackt waren – hatten sie ihr Leben doch bislang unbekleidet in einem Zustand der Unschuld verbracht. Aber vielleicht noch schlimmer als die Tatsache, dass sie in diesem Moment keine Kleidung hatten, war, dass ihre Übertretung nun bloßgelegt war. Wehrlos standen sie da und verletzlich. Sie waren also in jeder Hinsicht nackt.
Luzifer erkannte ihren ungeschützten und geschwächten Zustand, und wie immer ergriff er die Gelegenheit und versuchte sie: Diesmal sollten sie sich vor Gott verstecken.
Diese Versuchung möchte ich „zweite Versuchung“ nennen, denn wenn wir ihr nachgeben, führt sie zu den weitreichendsten Folgen. Sicherlich wäre es ideal, schon der ersten Versuchung aus dem Weg zu gehen und Gottes Gesetz gar nicht erst zu brechen, doch wir wissen ja, dass wir hier auf der Erde allesamt einer Vielzahl an ersten Versuchungen erliegen. Während wir an Reife und Verständnis zunehmen, hoffen wir, dass auch die Kraft, erste Versuchungen zu vermeiden, beständig zunimmt, weil wir danach streben, mehr wie unser Erretter Jesus Christus zu werden.
Manche versuchen vielleicht, sich vor Gott zu verstecken, weil sie nicht auffliegen oder bloßgestellt werden wollen, und sie hegen Scham- oder Schuldgefühle. Zahlreiche Schriftstellen weisen uns jedoch darauf hin, dass es unmöglich ist, sich vor Gott zu verstecken. Einige möchte ich nennen.
Der Herr unterweist Jeremia durch folgende Fragen: „Kann sich einer in Schlupfwinkeln verstecken, sodass ich ihn nicht sähe? – Spruch des Herrn. Fülle ich nicht Himmel und Erde aus?“
Und zu Ijob sagte er:
„Denn seine Augen schauen auf des Menschen Wege, alle seine Schritte sieht er wohl.
Keine Finsternis gibt es, keinen Todesschatten, wo sich die Übeltäter bergen könnten.“
Der Psalmist David ruft sehr poetisch aus:
„Herr, du hast mich erforscht und kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. …
Noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge, siehe, Herr, da hast du es schon völlig erkannt. …
Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen?
Wenn ich hinaufstiege zum Himmel – dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt – siehe, da bist du.“
Neubekehrte
Für diejenigen, die sich erst vor kurzem der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angeschlossen haben, kann die zweite Versuchung eine besondere Herausforderung darstellen. Durch Ihre Taufe haben Sie gelobt, den Namen Jesu Christi auf sich zu nehmen, was vielfach bedeutet, dass man seine Lebensweise ändern muss. Seine Lebensweise zu ändern, ist nicht so einfach. Oft ist es erforderlich, Gewohnheiten sowie Bräuche und sogar den Bekanntenkreis zu verändern, damit man seinem liebevollen himmlischen Vater näherkommt.
Der Widersacher weiß, dass Sie für seine schlauen Angriffe anfällig sein können. Er wird Ihr altes Leben, das für Sie in vielerlei Hinsicht nicht erfüllend war, nun unwahrscheinlich reizvoll erscheinen lassen. Der Ankläger, wie er im Buch Offenbarung genannt wird, wird Sie mit Gedanken wie diesen versuchen: „Du bist nicht stark genug, dein Leben zu ändern; du schaffst das nicht. Du gehörst nicht zu diesen Leuten, sie werden dich sowieso nie akzeptieren. Du bist zu schwach.“
Falls Sie den Weg der Bündnisse gerade erst betreten haben und Ihnen solche Gedanken bekannt vorkommen, bitten wir Sie inständig, der Stimme des Anklägers keine Beachtung zu schenken. Wir haben Sie lieb. Sie können es schaffen. Wir schätzen Sie, und mit dem Erretter zusammen haben Sie die Kraft, alles zu tun. Lassen Sie sich zu einer Zeit, da Sie unsere Liebe und Unterstützung am meisten brauchen, nicht dazu verleiten zu denken, dass wir Sie ablehnen, wenn Sie einen Schritt zurück in alte Verhaltensweisen machen. Dank der unvergleichlichen Macht des Sühnopfers Jesu Christi können Sie wieder heil werden. Doch wenn Sie sich vor ihm verstecken und sich von Ihrer neuen Glaubensgemeinschaft entfernen, entfernen Sie sich von genau der Quelle, die Ihnen Kraft geben kann und wird, zu siegen.
Ein guter Bekannter von mir, der sich erst unlängst der Kirche angeschlossen hat, hat erzählt, wie schwer es ist, den Glauben ganz auf sich allein gestellt aufrechtzuerhalten. Es liegt große Kraft darin, Teil einer Gemeinschaft zu werden und zu bleiben, in der man unterstützt wird – in der alle hin und wieder stolpern und dennoch dank der Liebe Jesu Christi Fortschritt machen.
Präsident Russell M. Nelson hat gesagt: „Das Überwinden der Welt ist kein Ereignis, das nach ein, zwei Tagen vorbei ist. Es dauert ein Leben lang an und im Zuge dessen halten wir uns immer wieder an die Lehre Christi. Wir fördern den Glauben an Jesus Christus, indem wir täglich umkehren und unsere Bündnisse halten, die uns mit Macht ausrüsten. Wir bleiben auf dem Weg der Bündnisse und werden mit geistiger Stärke, persönlicher Offenbarung, wachsendem Glauben und dem Dienst von Engeln gesegnet.“
Wenn Sie sich eine körperliche Wunde zuziehen, verschlechtert sich Ihr Zustand und wird vielleicht sogar lebensbedrohlich, falls Sie keine entsprechende ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Das gilt auch für geistige Wunden. Nur unbehandelte geistige Wunden gefährden Ihre ewige Errettung. Verstecken Sie sich nicht vor denen, die Sie liebhaben und unterstützen – laufen Sie lieber schnell auf sie zu! Gute Bischöfe, Zweigpräsidenten und Führungsverantwortliche verschaffen Ihnen Zugang zur heilenden Macht des Sühnopfers Jesu Christi.
Diejenigen, die sich gerade verstecken, bitten wir inständig, zurückzukommen. Sie brauchen das, was das Evangelium und das Sühnopfer Jesu Christi bieten, und wir brauchen, was Sie zu bieten haben. Gott kennt Ihre Sünden. Sie können sich nicht vor ihm verstecken. Versöhnen Sie sich mit ihm.
Als seine Heiligen müssen wir alle dazu beitragen, dass in der Kirche eine Kultur der Liebe, der Toleranz und der Ermutigung herrscht, sodass sich alle zugehörig fühlen, die auf dem Weg Christi Fortschritt machen wollen.
Hüten Sie sich vor der zweiten Versuchung! Folgen Sie dem Rat der Propheten von damals und heute und seien Sie sich dessen bewusst, dass Sie sich vor dem liebevollen Vater nicht verstecken können.
Nutzen Sie stattdessen die wunderbare, heilende Macht des Sühnopfers Jesu Christi. Der Zweck unseres Daseins liegt schließlich darin, einen schwachen, sterblichen Körper zu erhalten, der allerart Schwächen unterworfen ist und leider vielen ersten Versuchungen erliegen wird – aber auch darin, Fortschritt zu machen, selbst wenn wir diesen Versuchungen nachgeben, und göttliche Hilfe zu suchen, wenn es passiert ist, damit wir mehr wie unser Erretter und unser himmlischer Vater werden. Das ist sein Weg. Es ist der einzige Weg. Diese Wahrheiten bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.