Generalkonferenz
Ausgleichende Segnungen
Frühjahrs-Generalkonferenz 2025


11:19

Ausgleichende Segnungen

Auch wenn wir auf viele Umstände im Leben keinen Einfluss haben, befindet sich niemand von uns außerhalb der Reichweite der unendlichen Segnungen des Herrn

Durch meinen Dienst in der Präsidierenden Bischofschaft konnte ich überall auf der Welt mit Mitgliedern der Kirche an vielen Orten und aus etlichen Kulturen zusammenkommen. Ihr beständiger Glaube und Ihre Hingabe an den Herrn Jesus Christus inspirieren mich immer wieder. Gleichzeitig haben mich die unterschiedlichen und oft schwierigen Umstände bewegt, denen viele von Ihnen sich gegenübersehen – Herausforderungen wie etwa Krankheit, Behinderung, begrenzte Mittel, geringere Aussichten auf eine Ehe oder eine Ausbildung, Missbrauch oder Misshandlung durch andere und dergleichen Einschränkungen mehr. Manchmal scheinen diese Prüfungen Ihren Fortschritt zu behindern und es Ihnen trotz aufrichtiger Anstrengung zu erschweren, das Evangelium voll und ganz zu leben, wodurch es schwieriger ist, zu dienen, Gott zu verehren und heilige Pflichten zu erfüllen.

Meine lieben Freunde, wenn Sie sich durch Ihre Lebensumstände jemals eingeschränkt oder benachteiligt fühlen, möchte ich, dass Sie Folgendes wissen: Der Herr liebt Sie ganz persönlich! Er kennt Ihre Umstände, und die Tür zu seinen Segnungen steht Ihnen stets weit offen, ganz gleich, vor welchen Schwierigkeiten Sie stehen.

Diese Wahrheit habe ich aus einer persönlichen Erfahrung gelernt, die, scheinbar unbedeutend, mich doch nachhaltig beeindruckt hat. Als ich 22 Jahre alt war und in Paris in der französischen Luftwaffe diente, erfuhr ich hocherfreut, dass Elder Neal A. Maxwell, ein Apostel des Herrn, bei einer Konferenz an den Champs-Élysées sprechen sollte. Kurz vor der Veranstaltung erhielt ich jedoch den Befehl, einen ranghohen Offizier genau zu der Zeit zum Flughafen zu fahren, zu der die Konferenz stattfand.

Ich war enttäuscht. Doch fest entschlossen, daran teilzunehmen, setzte ich den Offizier ab und eilte dann zur Konferenz. Nachdem ich einen Parkplatz gefunden hatte, rannte ich die Champs-Élysées hinunter zum Versammlungsort und kam außer Atem fünf Minuten vor Schluss der Versammlung an. Als ich eintrat, hörte ich Elder Maxwell sagen: „Ich gebe Ihnen nun einen apostolischen Segen.“ In diesem Augenblick hatte ich ein wunderbares, unvergessliches geistiges Erlebnis. Ich war vom Geist erfüllt, und die Worte des Segens schienen jede Faser meiner Seele zu durchdringen, als ob sie genau für mich bestimmt gewesen seien.

Was ich an diesem Tag erlebte, war ein kleiner, doch machtvoller Ausdruck eines tröstlichen Aspekts des Planes Gottes für seine Kinder: Wenn Umstände, auf die wir keinen Einfluss haben, die Erfüllung der rechtschaffenen Wünsche unseres Herzens verhindern, gleicht der Herr dies auf eine Weise aus, die es uns ermöglicht, seine verheißenen Segnungen zu erlangen.

Diese beruhigende Wahrheit gründet sich auf drei elementare Grundsätze des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi:

  1. Gott liebt jeden von uns auf vollkommene Weise. „Er lädt [uns] alle ein, zu ihm zu kommen und an seiner Güte teilzuhaben.“ In seinem Erlösungsplan ist sichergestellt, dass ausnahmslos jedem eine faire Aussicht gewährt wird, eines Tages die Segnungen der Errettung und der Erhöhung zu erlangen.

  2. Da Gott sowohl gerecht als auch barmherzig und sein Plan vollkommen ist, wird er uns nicht für etwas zur Rechenschaft ziehen, worauf wir keinen Einfluss hatten. Elder Neal A. Maxwell hat erklärt: „Gott … berücksichtigt in seiner Barmherzigkeit nicht nur unsere Wünsche und unsere Leistung, sondern auch die Schwierigkeiten, die unsere Lebensumstände mit sich bringen.“

  3. Durch Jesus Christus und sein Sühnopfer können wir die Kraft finden, alle Herausforderungen des Lebens zu ertragen und schließlich zu überwinden. Alma hat verkündet, dass der Erretter nicht nur die Sünden der Reumütigen auf sich genommen hat, sondern auch „die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes“ und „dessen Schwächen“. Daher erlöst uns die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn nicht nur von unseren Fehlern, sondern hilft uns auch dabei, Ungerechtigkeiten, Beeinträchtigungen und Einschränkungen standzuhalten, die uns das Erdenleben auferlegt.

Diese ausgleichenden Segnungen erhalten wir nur unter bestimmten Bedingungen. Der Herr fordert uns auf, alles zu tun, „was wir tun können“, und „ihm [unsere] ganze Seele als Opfer“ darzubringen. Das erfordert ein tiefes Verlangen, ein aufrichtiges und gläubiges Herz und unseren allergrößten Eifer beim Halten der Gebote des Herrn und bei der Angleichung unseres Willens an den seinen.

Wenn sich trotz aufrichtiger Anstrengung unsere Erwartungen aufgrund von Umständen, auf die wir keinen Einfluss haben, nicht ganz erfüllen lassen, nimmt der Herr die Wünsche unseres Herzens dennoch als angemessenes Opfer an. Präsident Dallin H. Oaks hat erklärt: „Wir werden für die rechtschaffenen Wünsche unseres Herzen gesegnet werden, selbst wenn äußere Umstände es uns unmöglich machen, diese Wünsche in die Tat umzusetzen.“

Als sich der Prophet Joseph Smith um seinen Bruder Alvin sorgte, der gestorben war, ohne die notwendigen heiligen Handlungen des Evangeliums empfangen zu haben, erhielt er diese tröstende Offenbarung: „Alle, die von nun an sterben, ohne [vom Evangelium] zu wissen, die es aber von ganzem Herzen angenommen hätten, werden Erben [des celestialen Reiches Gottes] sein.“ Dem fügte der Herr hinzu: „Denn ich, der Herr, werde alle Menschen gemäß ihren Werken richten, gemäß den Wünschen ihres Herzens.“

Es kommt dem Herrn nicht nur darauf an, ob wir dazu imstande sind, alles zu tun, was wir tun können, um unserem Erretter nachzufolgen, sondern auch, ob wir bereit dazu sind.

Ein Freund tröstete einmal einen jungen Missionar, der traurig darüber war, dass er aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen werden musste – und das trotz seiner aufrichtigen Gebete und seines ernsthaften Wunsches, zu dienen. Dieser Freund verwies auf eine Schriftstelle, in der der Herr verkündet hat: Wenn seine Kinder „mit all ihrer Macht“ darangehen und „in ihrem Eifer“ nicht nachlassen, seine Gebote zu befolgen, „und ihre Feinde [was auch widrige Umstände in unserem Leben sein können] sie daran [hindern], jenes Werk auszuführen, siehe, dann erscheint es mir angebracht, jenes Werk nicht mehr von den Händen jener [Menschen] zu fordern, sondern ihre Opfer anzunehmen.

Mein Freund gab dem jungen Mann Zeugnis, dass Gott wusste, dass er sein Allerbestes gegeben hatte, um dem Aufruf nachzukommen, eine Mission zu erfüllen. Er versicherte ihm, dass der Herr sein Opfer angenommen hatte und dass ihm die Segnungen, die allen treuen Missionaren verheißen wurden, nicht vorenthalten würden.

Die ausgleichenden Segnungen des Herrn erfahren wir oft durch die Güte und die Dienste anderer, die uns helfen, das zu vollbringen, was wir allein nicht schaffen können. Ich denke da an eine Zeit, als wir weit von einer unserer Töchter in Frankreich entfernt wohnten. Wir fühlten uns hilflos, als wir ihr nach einer schwierigen Geburt nicht helfen konnten. In der gleichen Woche suchte unsere Gemeinde in Utah nach Hilfe für eine Mutter, die gerade Zwillinge zur Welt gebracht hatte. Meine Frau Valérie bot an, ihr eine Mahlzeit vorbeizubringen. Dabei betete sie im Herzen sowohl für diese neue Mutter als auch für unsere Tochter, die Hilfe brauchte. Kurz darauf erfuhren wir, dass die Schwestern in der Gemeinde unserer Tochter in Frankreich sich darum kümmerten, ihre Familie mit Essen zu versorgen. Wir wussten, dass Gott unsere Gebete erhört hatte, indem er Engel sandte, um Trost zu spenden, wo wir es nicht konnten.

Mögen wir, wenn wir uns Einschränkungen und Herausforderungen gegenübersehen, unsere eigenen Segnungen erkennen – die Gaben, die Mittel, die Zeit – und sie einsetzen, um den Bedürftigen zu helfen. Wenn wir das tun, werden wir nicht nur anderen ein Segen sein, sondern ermöglichen auch Heilung und Ausgleich für unser eigenes Leben.

Am wirkungsvollsten können wir zu Gottes ausgleichenden Segnungen unter anderem dadurch beitragen, dass wir stellvertretend für unsere Vorfahren die Arbeit im Haus des Herrn tun. Wenn wir heilige Handlungen für sie vornehmen, beteiligen wir uns aktiv an Gottes großem Werk der Errettung, denn wir verwenden unsere Gaben und Fähigkeiten dazu, denjenigen Segnungen zu bringen, die keine Gelegenheit hatten, sie in ihrem irdischen Leben zu empfangen.

Der liebevolle Dienst, den wir im heiligen Tempel leisten, erinnert uns daran, dass sich die Gnade des Erretters über dieses Leben hinaus erstreckt. Im künftigen Leben erhalten wir vielleicht neue Möglichkeiten, das zu vollbringen, was wir im irdischen Leben nicht tun konnten. Präsident Lorenzo Snow erklärte, an Schwestern gerichtet, die noch keinen Partner für die Ewigkeit gefunden hatten: „Kein Heiliger der Letzten Tage, der sein Leben lang treu gewesen ist, wird nach seinem Tode irgendetwas einbüßen, nur weil er etwas Bestimmtes nicht getan hat, wozu sich ihm gar keine Gelegenheit geboten hat. [Ihm werden] alle Segnungen, alle Erhöhung und alle Herrlichkeit gehören, die auch diejenigen besitzen, die diese Gelegenheit hatten.“

Diese Botschaft der Hoffnung und des Trostes gilt für uns alle, die Kinder Gottes. Niemand kann den Herausforderungen und Einschränkungen des Erdenlebens entkommen. Wir sind nun mal von Geburt an nicht in der Lage, uns selbst zu erretten. Wir haben jedoch einen liebevollen Erretter und „wir wissen, dass wir durch [seine] Gnade errettet werden, nach allem, was wir tun können“.

Ich bezeuge: Auch wenn wir auf viele Umstände im Leben keinen Einfluss haben, befindet sich niemand von uns außerhalb der Reichweite der unendlichen Segnungen des Herrn. Durch sein Sühnopfer wird der Erretter jedes Unvermögen und jede Ungerechtigkeit ausgleichen, wenn wir ihm unsere ganze Seele darbringen. Im Namen Jesu Christi. Amen.