Panorama
Von Ellwangen/Jagst nach Kathmandu (Nepal)
Seit vielen Jahren ist meine Heimatgemeinde der Zweig Ellwangen im Pfahl Stuttgart. Seit meiner Pensionierung vor 13 Jahren besuche ich jedoch jedes Jahr vier bis fünf Monate lang den Zweig Kathmandu in der Hauptstadt Nepals, während ich mich in meinem vor mehr als 25 Jahren gegründeten Kinderheim „Haus der Hoffnung – Hilfe für Nepal e.V.“ aufhalte. Als ich noch berufstätig war, konnte ich natürlich nur im Urlaub sowohl mein Kinderheim als auch den Zweig besuchen.
Der Zweig in Kathmandu ist die einzige Einheit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage im Hinduland Nepal. Ohne Gäste liegt die durchschnittliche Anwesenheit bei 40 bis 50 Personen. Dazu kommen noch das Ehepaar, das eine humanitäre Mission für die Kirche erfüllt, sowie die ein bis zwei Mitgliederfamilien aus der amerikanischen Botschaft. Dieser ausländische Beitrag von langjährigen und erfahrenen Mitgliedern belebt den Zweig generell, insbesondere die PV und die Organisation der Jungen Damen, in die die Schwestern berufen werden.
Zur Trekking-Hauptzeit besuchen noch amerikanische Touristengruppen die Abendmahlsversammlung. Gruppen von BYU-Studenten sowie andere Jugendgruppen unserer Kirche besuchen zwischen Mai und Juli ebenfalls die Versammlungen für mehrere Wochen am Stück. Sie kommen nach Nepal, um an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Gerne folgen die jungen amerikanischen Mitglieder meiner Einladung, den Samstagnachmittag mit den Kindern in meinem Kinderheim zu verbringen. Umgekehrt gilt auch, dass die Kinder diese Nachmittage ebenfalls sehr genießen.
Der Zweig Kathmandu gehört zu keinem Distrikt oder Pfahl, sondern zur Mission in Delhi, Indien. An Konferenzen gibt es nur die Zweigkonferenz. Die Mitglieder treffen sich samstags in einer von der Kirche gemieteten Villa, weil im Hinduismus der Samstag der wöchentliche Feiertag ist. Die Sonntagsschule findet dort also samstags statt. Nepal hat eine 6-Tage-Woche. Der Sonntag ist ganz normaler Arbeits- und Schultag.
Wie kam es zu diesem Zweig und warum gibt es keine weiteren Einheiten unserer Kirche in Nepal?
1994 lebte ein Missionars-Ehepaar namens Bob und Linda Haughton in Kathmandu. Es hatte die Aufgabe, den amerikanischen Missionaren, die in Indien dienten, bei der Verlängerung ihrer Visa zu helfen. Gleichzeitig waren die beiden die Pioniere beim Einführen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Nepal. Das Ehepaar lud alle Menschen, mit denen es näher ins Gespräch kam, zu sich nach Hause ein, um sie mit dem Evangelium bekanntzumachen. Eine Genehmigung zur Verkündigung des Evangeliums gab es weder damals noch heute.
Eines Tages trafen die Haughtons den Nepalesen Panna Lal Khadgi in einem kleinen Internet-Café an. Von einem Faxgerät aus schickte er seine Unterlagen nach Indien. Mit der Zeit freundeten sich die drei miteinander an, und so wurde auch Panna Lal Khadgi zu dem Ehepaar nach Hause eingeladen.
Das Missionarsehepaar fing dann an, nach Mitgliedern zu suchen, die sich im Ausland der Kirche angeschlossen hatten. Im August 1994 erhielt es die Erlaubnis, eine Gemeinde in Kathmandu zu gründen. Als erstes Mitglied in Nepal wurde Panna Lal Khadgi getauft. Auch seine Frau schloss sich der Kirche an. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Die beiden Töchter mit ihren Ehemännern, an die sie im Tempel in Manila gesiegelt wurden, sind aktiv, wobei eine mit dem derzeitigen Zweigpräsidenten verheiratet ist, die andere lebt inzwischen mit Mann und Tochter in den USA.
Kurz nach seiner Taufe wurde Panna Bruder – so spricht man sich in Nepal an – als Erster Ratgeber des Zweigpräsidenten berufen. Sechs oder sieben Mitglieder gab es damals. Später war er selbst über viele Jahre dort Zweigpräsident.
In den meisten Fällen waren die im Ausland bekehrten Mitglieder der jeweiligen Landessprache nicht oder kaum mächtig. Ihr Englisch war auch dürftig. Gelegentlich waren sie fast Analphabeten. Aber der Heilige Geist wirkte bei den Unterweisungen stark in ihnen und führte sie zum wiederhergestellten Evangelium. Ich denke an Raj Bruder, der in Belgien als Kellner arbeitete und sich bekehrte. Er führt heute eine eigene Privatschule in Kathmandu und ist zum wiederholten Male Ratgeber in der Zweigpräsidentschaft. Shyam Bruder, der in Malaysia als Wachmann tätig war, ließ sich dort taufen. Nach seiner Rückkehr brachte er seine Frau und seinen Sohn zur Kirche. Sein Sohn Santosh ist inzwischen schon von seiner Mission in Indien zurückgekehrt. Bishnu Bruder, den wir aus der Reihe „Meet the Mormons“ kennen, lernte die Kirche beim Studium in Russland kennen. Als er nach Nepal zurückgekehrt war, unterwies er seine spätere Frau. Auch zwei seiner Brüder und deren Frauen schlossen sich der Kirche an. Alle drei Familien haben heute jeweils drei Kinder. Der Leiter meines Kinderheims, Eak Nath Adhikari – genannt „Rajesh“ – transportierte als Rikschafahrer einen dänischen Touristen, Mitglied der Kirche, der ihn zu sich nach Dänemark einlud. Dort wurde er auch von den Missionaren belehrt und getauft. Mit seinen sehr rudimentären Englischkenntnissen konnte er damals eigentlich nur „Yes“ und „No“ sagen. Das Wort der Weisheit war bei seiner Bekehrung entscheidend, denn er rauchte und wollte davon loskommen. Sein jüngerer Bruder und seine beiden jüngeren Schwestern lernten durch ihn die Kirche kennen und haben inzwischen auch einen Bund mit dem Herrn geschlossen.
Der kleine Zweig in Nepal ist groß im Aussenden von Missionaren, denn fast alle Jugendlichen gehen auf Mission. In den 30 Jahren seines Bestehens wurden rund 45 Missionarinnen und Missionare vorwiegend nach Indien, ein paar aber auch in die USA, nach England, den Fidschi-Inseln, Australien und in die Philippinen ausgesandt. Indien hat den großen Vorteil, dass Nepalesen kein Visum für dieses Land brauchen. Nicht nur die jungen Brüder kamen dem Auftrag, auf Mission zu gehen, gerne nach, sondern auch die jungen Schwestern. Viele Neubekehrte gingen mit noch wenig Wissen über das Evangelium und einem noch wackeligen Zeugnis auf Mission, kamen aber als Mitglieder mit einem starken Zeugnis zurück.
Leider bleiben sie dem Zweig nicht erhalten, denn sie versuchen, so schnell wie möglich an die BYU Idaho zu kommen. Bis jetzt ist noch niemand zurückgekehrt. Die besseren Lebensbedingungen verlocken verständlicherweise zum Bleiben.
Kein Namenszug ziert bis heute das Versammlungsgebäude, denn die Kirche ist trotz aller Bemühungen noch nicht offiziell anerkannt. An einem Freitagabend im Jahr 2018 hat die nepalesische Regierung aus heiterem Himmel sogar jede inoffizielle Missionstätigkeit verboten. Ein schwerer Schlag für den kleinen Zweig. Kurz davor hatten gerade Kinder aus meinem Kinderheim angefangen, zu den Versammlungen mitzukommen.
Am ersten Samstag unseres Kirchenbesuchs kamen ca. 40 Kinder und Jugendliche und unsere kluge Hündin Kali mit. Wohin wir auch gingen, trottete sie uns nach und kehrte wieder nach Hause zurück, wenn sie genug hatte. Wir mussten ca. 10 Minuten zur öffentlichen Bushaltestelle laufen und hatten dann etwa 10 Minuten Fahrt vor uns. An der Bushaltestelle schickte ich Kali zwar nach Hause, aber irgendwie konnte sie sich in den Bus schmuggeln, als ich damit beschäftigt war, die große Kinderschar und die paar Volontäre, die auch Kirchenmitglieder waren, auf die beiden Busse zu verteilen. Im Gemeindehaus versuchten wir sie durch die Hintertür aus dem Versammlungsraum auszusperren; sie fand aber den Vordereingang und kam wieder herein.
Selbst in der prächtigen Villa sprengte die Unmenge an Besuchern aus meinem Kinderheim den Rahmen – vor allen Dingen in der PV und bei den Jugendlichen. Es fehlte an Lehrkräften. Wir durften künftig nur die Hälfte mitbringen, bis jener fatale Freitag kam. Die Regierung verkündete, dass ab sofort Nichtchristen keine christlichen Gottesdienste mehr besuchen dürften. Der Zweigpräsident war telefonisch von der Regierung benachrichtigt worden, dass er ins Gefängnis müsse, falls bei einer Kontrolle interessierte Andersgläubige angetroffen würden. Er hatte verständlicherweise Angst um seine Familie. Seine drei Kinder waren ja damals noch im PV-Alter. Lange brauchten unsere Kinder, bis sie mich nicht mehr fragten, ob sie mit in die Kirche gehen dürften. Jedoch werden trotz dieses Verbots immer wieder Familien oder Einzelpersonen getauft. Die Kraft des Evangeliums ist stärker als die Mächte der Welt.
Einige unserer Kinder waren sogar dabei, als der damalige Apostel Elder D. Todd Christofferson 2017 abends an einem Wochentag kam, um dem Zweig offiziell das ins Nepalesische übersetzte Buch Mormon zu übergeben. Das war ein großer Meilenstein, denn jetzt konnten alle des Lesens Kundige diese heilige Schrift in ihrer Muttersprache lesen und mussten sich nicht mehr auf ihre mehr oder weniger guten Englischkenntnisse verlassen. Leider gibt es unter den älteren Mitgliedern noch Analphabeten, die immer noch auf das gehörte Wort angewiesen sind.
Über Choice Humanitarian, eine in Salt Lake City ansässige Organisation, die von Mitgliedern ins Leben gerufen wurde und viel Gutes in der Welt tut, laufen verschiedene Projekte im besonders armen Süden Nepals. Diese wurden dieses Jahr von Schwester Sharon Eubank, einst Ratgeberin in der FHV-Präsidentschaft der Kirche und derzeit Chefin von LDS Charities, sowie von Schwester Camille Johnson, der derzeitigen FHV-Präsidentin der Kirche, besucht.
Schwester Eubank besuchte mein Kinderheim und war sehr von unserer Arbeit angetan. Im Herbst 2024 anlässlich des Tihar-Festes (Lichterfest) in Nepal besuchte Elder Kelly R. Johnson, Erster Ratgeber in der Präsidentschaft des Gebiets Asien, unsere Tihar-Vorstellung, in der unsere Kinder nepalesische Tänze aufführten und Musik machten. Auch er war von unserer Arbeit sehr beeindruckt.
Wir werden sehen, was die Zukunft noch alles für die Kirche in Nepal und unser Kinderheim mit sich bringt.