„Das Buch Mormon und das Osterwunder“, Liahona, April 2026
Das Buch Mormon und das Osterwunder
Die Ostergeschichte im Buch Mormon weist weit über die Veränderungen in der Außenwelt hinaus – sie verweist auf jenen inneren Wandel, den der Erretter ermöglicht
Christus erscheint in Amerika, Darstellung von Arnold Friberg
Wie wäre Ihnen zumute, wenn Sie morgens aufwachten, aus dem Fenster schauten und feststellten, dass die Landschaft draußen eine völlig andere ist?
Nach dem Tod Jesu Christi mussten die Bewohner des amerikanischen Kontinents umwälzende Veränderungen an ihrer gewohnten Umgebung miterleben. Unter anderem gab es Erdbeben, Unwetter, Brände und Wirbelstürme. Ganze Städte wurden zerstört, und „das ganze Antlitz des Landes veränderte sich“ (3 Nephi 8:12). Drei Tage lang herrschte Finsternis im Land, und während es finster war, vernahm das Volk die Stimme des Erretters: „Wollt ihr nicht jetzt zu mir zurückkommen und von euren Sünden umkehren und euch bekehren, damit ich euch heile?“ (3 Nephi 9:13.)
Später kamen die Leute beim Tempel zusammen und „verwunderten sich und staunten miteinander und zeigten einander den großen und wunderbaren Wandel, der stattgefunden hatte“ (3 Nephi 11:1). Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich angenommen, damit wären die Veränderungen an der Landschaft gemeint gewesen. In meiner Vorstellung sagten sich die Leute damals in etwa: „Meine Güte! In meinem Hof ist plötzlich ein riesiger Hügel!“ Oder: „Früher hatte ich doch nie ein Haus am Strand, aber jetzt habe ich eins!“
Vielleicht bestaunten die Leute aber auch einen viel bedeutsameren Wandel, der sich da vollzogen hatte – einen Wandel, der noch größer und wunderbarer war als die landschaftlichen Umwälzungen. Als sie „über diesen Jesus Christus“ sprachen (3 Nephi 11:2), mussten sie vielleicht auch an die Aufforderung zum geistigen Wandel denken, die seinem Gebot innewohnt, umzukehren und zu ihm zu kommen (siehe 3 Nephi 9:22).
Dank der Auferstehung des Erretters werden alle Kinder Gottes, die auf die Erde kommen, auch einen auferstandenen Körper erhalten. Unsere durch die Auferstehung Christi erlangte Unsterblichkeit genügt jedoch nicht; wir wollen auch innerlich mehr wie der Vater im Himmel und Jesus Christus werden. Im Buch Mormon lesen wir davon, dass das Sühnopfer des Erretters eine innere Wandlung ermöglicht.
Sich der Göttlichkeit des Herrn bewusstwerden
In 3 Nephi 11 steht, dass das Volk eine Stimme aus dem Himmel vernahm. Zuerst verstanden die Menschen nicht, was gesagt wurde. Erst als sie der Stimme aufmerksam zuhörten, erkannten sie schließlich, dass es Gottes Stimme war, die sprach: „Seht meinen geliebten Sohn.“ (Vers 7.) Der Vater im Himmel stellte Jesus Christus nicht nur vor, sondern bezeugte auch als derjenige, der es ja wissen musste, dessen göttlichen Ursprung!
Der Erretter ist Gottes erstgeborener Sohn im Geist und sein einziggezeugter Sohn im Fleisch (siehe Lehre und Bündnisse 93:21; Johannes 3:16). Dies ist ein Hauptgrund dafür, dass er das Sühnopfer vollbringen konnte, das uns die innere Wandlung ermöglicht. Ohne das Sühnopfer Jesu Christi würden wir durch unsere Fehler und Sünden automatisch der Verdammnis anheimfallen. Dank seines Sühnopfers können wir von ihnen gereinigt werden, doch nicht nur das: Sie verfolgen zugleich auch einen Lerneffekt. Weil Christus göttlicher Natur ist, kann er uns Gnade gewähren – göttliche Unterstützung und Begleitung –, die uns hilft, unser ewiges Potenzial zu erreichen.
Ein persönliches Zeugnis von Jesus Christus und seinem Priestertum empfangen
Wenn wir Glauben an Jesus Christus ausüben und seinen bevollmächtigten Dienern vertrauen, nimmt unser innerer Wandel seinen Anfang. Als Christus im alten Amerika erschien, rief er die Anwesenden – einen nach dem anderen – gleich zu Beginn zu sich, damit sie selber ein Zeugnis von seiner Auferstehung erlangen konnten. Ein jeder sah und fühlte die Male, die von seinem Sühnopfer herrührten (siehe 3 Nephi 11:14,15). Dann riefen sie voll Freude aus: „Hosanna!“ (Vers 17.) Dieses hebräische Wort bedeutet in etwa: „Herr, bring doch Rettung!“
Der Erretter reagierte auf die flehentliche Bitte seines Volkes, errettet zu werden. Er ließ Nephi hervortreten und gab ihm Macht und Vollmacht zu taufen (siehe Vers 21). Auf diese Weise legte er dar, dass zur Errettung heilige Handlungen erforderlich sind, die mit der richtigen Priestertumsvollmacht vollzogen werden müssen.
Sie mögen sich fragen: „Gab es unter den Bewohnern des alten Amerika das Priestertum denn nicht bereits? Waren dort nicht schon mit entsprechender Vollmacht Taufen vollzogen worden?“ (Siehe Mosia 18:8-17.) Ja, das stimmt. Doch offenbar verfolgte Jesus mit der öffentlichen Übertragung dieser Vollmacht an Nephi und die anderen Jünger eine wichtige Absicht. Vielleicht wollte er vor allen Leuten klarstellen, dass diese Männer bevollmächtigt waren, ihn zu vertreten und nach seinem Weggang die heiligen Handlungen der Errettung und Erhöhung zu vollziehen. Dies war wohl besonders wichtig, weil es in Bezug auf die richtige Art und Weise der Taufe einige Auseinandersetzungen gegeben hatte (siehe 3 Nephi 11:28).
Wie lässt der Vater im Himmel allen seinen Kindern Segnungen zukommen? Durch die heiligen Handlungen und Bündnisse des Priestertums. Dank der heiligen Handlungen können die Menschen nicht nur die Welt besiegen, sondern auch mehr wie der Vater im Himmel und Jesus Christus werden.
Die Lehre des Herrn verschafft Zugang zu seiner Macht
Des Weiteren hängt unsere innere Veränderung davon ab, dass wir in der Lage sind, in größerem Umfang auf die Macht Christi zuzugreifen. Im alten Amerika verkündete der Erretter dem Volk seine Lehre, nämlich die Lehre, die ihm der Vater im Himmel gegeben hatte (siehe 3 Nephi 11:31,32). Sie umfasst Glauben an den Herrn Jesus Christus, Umkehr, Taufe und den Empfang des Heiligen Geistes (siehe Vers 32 bis 35). Wer auf dieser Grundlage baut, kann bis ans Ende ausharren, und „die Pforten der Hölle werden ihn nicht überwältigen“ (Vers 39).
Dank der Lehre Christi haben wir Zugriff auf seine Macht, und Christus kann dann unser innerstes Wesen wandeln. Ohne Glauben und Umkehr wäre der Wunsch, sich zu ändern, nur schwach ausgeprägt. Ohne Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes wäre die Fähigkeit, sich zu ändern, sehr begrenzt. Ohne den Grundsatz des Ausharrens bis ans Ende wären die landschaftlichen Veränderungen in unserem Inneren stets nur oberflächlich und niemals von Dauer. Es gäbe nicht genügend Zeit, dass sie uns tief ins Herz dringen und Teil unseres Wesens werden.
Den Herrn in Anspruch nehmen
So sehr der Vater im Himmel und Jesus Christus uns auch lieben und uns segnen und uns beistehen wollen – sie zwingen uns niemals, uns zu ändern. Indem wir nach der Lehre Christi leben, nutzen wir unsere sittliche Entscheidungsfreiheit und bitten den Vater und den Sohn, sich helfend einzubringen, sodass wir uns ihre göttlichen Eigenschaften zu eigen machen können.
Als Jesus Christus dem Volk im alten Amerika erschien, hielt er eine Predigt ähnlich der Bergpredigt in der Bibel. In ein paar wichtigen Punkten unterscheiden sich jedoch beide Texte. So werden im Buch Mormon weitere Lehren des Erretters erwähnt, die in der derzeitigen Bibel fehlen. Diese Lehren richten unser Augenmerk auf die ersten Grundsätze und Verordnungen des Evangeliums, nämlich Glaube an Jesus Christus, Umkehr, Taufe und Empfang des Heiligen Geistes (siehe 3 Nephi 12:1,2). Unter diesem Aspekt sind auch die nachfolgenden Seligpreisungen als mehr zu betrachten als bloß eine Sammlung guter Ratschläge.
Präsident Harold B. Lee (1899–1973) bezeichnete die Bergpredigt, die ja mit den Seligpreisungen beginnt, als eine „Offenlegung des Charakters Christi, die sich auch als eine Art ‚Autobiografie‘ auffassen ließe“. Christus fordert uns hierin auf, ihn in Anspruch zu nehmen und miteinzubeziehen, um seine göttlichen Eigenschaften in uns aufzunehmen. Das ursprüngliche griechische Wort für selig (μακάριος) bedeutet „glücklich“ oder „gedeihlich“. Betrachtet man jedoch den Bezug zwischen den Seligpreisungen und den Psalmen, könnte der Begriff auch „heilig“ oder „erhöht“ bedeuten.
Wer sich für den Glauben an Jesus Christus entscheidet und Bündnisse schließt, ist nämlich gesegnet und zählt zu den im Geist Armen, die zu Christus kommen (siehe 3 Nephi 12:3). Wenn wir im Geist arm sind, erkennen wir, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, bis wir wie Gott werden. Wir nehmen uns Jesus Christus bewusst als größtes Vorbild und vollkommenen Mentor, damit er uns auf dem Weg dorthin zur Seite steht. Wenn wir unterwegs straucheln, sind wir wegen unserer Sünden betrübt und entscheiden uns für die Umkehr (siehe Vers 4). Sanftmütig sind wir, wenn wir oft zusammenkommen, um uns Christus zu nahen und vom Abendmahl zu nehmen. Das Abendmahl trägt dazu bei, unsere Bündnisbeziehung zum Vater im Himmel und zu Jesus Christus zu stärken und ihre Kraft und ihren Einfluss beständig auf uns wirken zu lassen (siehe Vers 5).
Weiter sprach der Erretter: „Gesegnet sind alle, die hungern und dürsten nach Rechtschaffenheit, denn sie werden vom Heiligen Geist erfüllt werden.“ (Vers 6.) Der Heilige Geist ist es, der heiligt. Er ist „der Gnadenbote, durch den das Blut Christi angewandt wird, um unsere Sünden wegzunehmen und uns zu heiligen (siehe 2 Nephi 31:17)“. Wenn wir ihn stets bei uns haben, werden wir barmherzig und reinen Herzens – so wie Christus. Der Heilige Geist hilft uns, Friedensstifter zu werden, die Verfolgung ertragen können, wie das auch Christus getan hat (siehe 3 Nephi 12:7-11).
Der Heilige Geist kann uns dabei helfen, unser Verhalten zu verändern und Wünsche und Beweggründe auf ein höheres Niveau zu heben. Das niedrigere, vorbereitende Gesetz verlangte lediglich: „Du sollst nicht töten.“ (3 Nephi 12:21.) Der Erretter betont jedoch, dass wir unserem Bruder nicht einmal zürnen dürfen (siehe Vers 22). Das niedrigere Gesetz verlangte lediglich: „Du sollst nicht Ehebruch begehen.“ (Vers 27.) Der Herr hingegen macht deutlich, dass wir nicht einmal zulassen dürfen, dass solche Gelüste in unser Herz dringen (siehe Vers 28 und 29). „Das Alte ist hinweggetan, und alles ist neu geworden“, waren die Worte des Erretters. „Darum möchte ich, dass ihr vollkommen seiet, so wie ich oder euer Vater, der im Himmel ist, vollkommen ist.“ (Vers 47 und 48.)
Die Zeit schätzen, die der Herr uns schenkt
Vollkommenheit ist das, was wir durch unseren inneren Wandel anstreben. Dies scheint außer Reichweite, doch halten wir uns vor Augen, dass das Wort vollkommen vom Griechischen teleios (τέλειος) herrührt und so viel bedeutet wie „vollständig“, „ausgereift“, „ganz entwickelt“. Die Vorsilbe tele bedeutet „in der Ferne“. Sie ist uns aus Wortverbindungen wie Telefon, Telekommunikation oder Teleskop geläufig, die anzeigen, dass etwas in die Ferne gerichtet ist. Aus dem Buch Mormon geht hervor, dass Jesus sich erst nach seiner Auferstehung als vollkommen bezeichnet hat. Da er barmherzig ist, schenkt er uns Zeit, um dazuzulernen, geistig zu wachsen und einst ausgereift und vollständig entwickelt zu sein.
Im Buch Mormon können wir nachlesen, wie sich dieses Wunder nach dem Erscheinen des Erretters unter den Menschen vollzogen hat. So wurde „alles Volk zum Herrn bekehrt, im ganzen Land, … und es gab keine Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter ihnen, und ein jeder ging gerecht mit dem anderen um“ (4 Nephi 1:2). „Gottesliebe [wohnte] dem Volk im Herzen. … Und gewiss konnte es kein glücklicheres Volk … geben.“ (Vers 15 und 16). Diese Nachfolger Jesu Christi setzten um, was er sie gelehrt hatte, und so erlebten sie dank seiner Gnade nach und nach eine Wandlung. Die Zionsgesellschaft, die sich anschließend fast 200 Jahre lang hielt, beweist uns, dass durch Christus positive Veränderungen möglich sind.
Zu Ostern gedenken wir der Auferstehung Christi und der Verheißung, dass auch wir einst mit einem vollkommen gemachten und verherrlichten Körper auferstehen werden. Die Ostergeschichte im Buch Mormon weist weit über die Veränderungen in der Außenwelt hinaus – sie verweist auf jenen inneren Wandel, den der Erretter ermöglicht. Das Buch Mormon ist ein weiterer Zeuge für Jesus Christus und belegt, dass wir dank ihm über ewige Möglichkeiten und ewiges Potenzial verfügen.