Aus der Geschichte der Kirche
Mit Handwerk und der Hand des Herrn
Die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts waren für die Kirche in Deutschland von einem starken Wachstum geprägt. Der Präsident der Kirche, David O. McKay, weitete deshalb das Kirchenbauprogramm zum Bau kircheneigener Gemeindehäuser auch auf Europa aus. Es sah vor, dass Kirchenbaumissionare wie Vollzeitmissionare für zwei Jahre berufen und auf den verschiedenen Baustellen eingesetzt wurden, um die Mitglieder und die örtlichen Fachkräfte zu unterstützen. Vor Ort beaufsichtigte ein Bauleiter, der neben seinem Fachwissen oft auch seine Familie mitbrachte, die Arbeiten auf der Baustelle. Bei schlechtem Wetter, im Winter und bei jeder sich bietenden Gelegenheit verkündigten sie das Evangelium und führten auch Taufen durch. Für viele dieser über 120 Baumissionare in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich war dies eine Vorbereitungszeit für den Dienst in der Gemeinde in späteren Jahren. Manche lernten dabei auch ihre spätere Ehefrau kennen.
Dass der Herr auch bei dieser Arbeit dabei war, berichten viele in ihren Tagebüchern. Manchmal geschahen auch Wunder, wie die beiden folgenden Erlebnisse zeigen.
Wilhelm Kroes aus der Gemeinde Hannover berichtet:
„Während meiner Missionszeit erhielt ich einen Anruf von Bruder James Tanner aus Frankfurt. Er war mein erster Vorgesetzter während meiner Missionszeit in Hamburg-Wilhelmsburg. Nach der Fertigstellung des dortigen Gemeindehauses wurde er als Berater in das Baukomitee für das Gebiet Deutschland berufen. Zu dieser Zeit war mein Vorgesetzter Bruder Baumgart, und wir waren gerade mit den Restarbeiten des Erweiterungsbaus am Hamburger Pfahlhaus beschäftigt. Dort erhielt ich einen Anruf von Bruder Tanner (der sich später als Versetzungsanruf herausstellte) mit folgendem Wortlaut: ,Willi, in Innsbruck fangen gerade die Olympischen Winterspiele an. Wollen Sie dorthin?‘
Dort sollte ich als Fachmann für die Elektroarbeiten des im Bau befindlichen Gemeindehauses eingesetzt werden. Natürlich war ich dazu bereit, und auf die Frage, wann es denn losgehen solle, bekam ich die Antwort: ,Morgen! Sie nehmen den Nachtzug und sind übermorgen früh in Innsbruck. Bruder Wallner wird Sie am Bahnhof abholen, Sie werden bei ihm wohnen, alles ist vorbereitet.‘
Damit begann ein neuer Abschnitt meiner Missionszeit, denn dort erlebte ich etwas, was mich mein ganzes späteres Leben begleiten sollte. Auf dem Heimweg vom Bahnhof erzählte mir Bruder Wallner von der Innsbrucker Gemeinde, von der Opferbereitschaft ihrer Mitglieder, von ihrer Armut und von den katastrophalen Versammlungsverhältnissen, da alle paar Minuten ein vorbeifahrender Zug die Ansprachen oder den Unterricht unterbrach. Die Versammlungsräume befanden sich unter einem Eisenbahnviadukt.
Er fuhr fort: ,Wir haben Winter, es ist Januar, das Gemeindehaus muss unbedingt geheizt werden. Der Klassentrakt hat ein Dach und Fenster, der Heizungskeller ist fertig, der Kessel und Zubehör (inklusive Schaltschrank für die Heizungssteuerung) sowie die Heizkörper im Klassentrakt inklusive Verrohrung sind montiert. Die Verkabelung wartet darauf, vom Fachmann installiert und betriebsfertig angeschlossen zu werden. Trauen Sie sich das zu, es bis vor dem ersten Schnee zu schaffen? Aber es muss schnell gehen!‘ Meine begeisterte Antwort: ,Natürlich schaffe ich das, der Herr wird mir schon helfen!‘
Wie schon erwähnt, wohnte ich bei Familie Wallner. Die anderen Baumissionare waren bei Mitgliedern der Kirche untergebracht, die auch für Frühstück und Abendbrot sorgten. Das Mittagessen wurde im neuen Gemeindehaus von einer Schwester zubereitet.
Morgens gegen 7:00 Uhr fand unser gemeinsames Seminar im Haus des Bauleiters statt. Gegen 7:30 Uhr fuhren wir zur Baustelle, um mit der Arbeit zu beginnen. Nach gut acht Tagen hatte ich die Elektroarbeiten so weit erledigt, dass ich die Kabelverbindungen im Heizungskeller montieren und anschließen konnte, um dann die Heizungsanlage in Betrieb zu nehmen. Das war wichtig, weil Schnee angesagt worden war. Bruder Wallner erklärte: ,Willi, wenn wir die Heizung nicht in Betrieb nehmen können, muss die Baustelle über den Winter geschlossen werden, alle Baumissionare werden versetzt, und wann die Arbeiten wieder aufgenommen werden können, das wissen wir nicht.‘
Alle Kabel waren nach Schaltplan verlegt, nun ging es daran, sie im Schaltschrank richtig anzuschließen. Dieser Schaltschrank war sehr groß (1m x 1m), mit dieser Größe hatte ich noch nie zu tun gehabt. Bis auf drei Kabel konnte ich alle anschließen, für diese drei gab es keine Belegung. Im Schaltschrank befand sich jedoch ein Relais, das ich in meiner bisherigen beruflichen Tätigkeit noch nie gesehen oder angeschlossen hatte. Mir fehlte das Fachwissen. Aber wenn ich auch nur ein Kabel falsch anschloss, konnte es sein, dass alles nicht funktionierte.
Um 15:30 Uhr kam Bruder Wallner zu mir und fragte mich: ,Willi, kriegen wir die Heizung heut noch in Betrieb?‘ Es begann zu schneien und seine Sorge, dass die Baustelle stillstehen würde, wuchs von Stunde zu Stunde. ,Natürlich kriege ich das hin‘, sagte ich. Die Antwort war: ,Dann ist ja alles gut. Ich komme gegen Abend wieder, ich habe oben in den Klassenzimmern noch zu tun.‘
Um 17:30 Uhr stand ich immer noch mit dem Relais in der Hand vor dem Schaltkasten und dachte über die Anschlüsse nach. Als Bruder Wallner bei seinem nächsten Besuch nach dem Stand der Arbeiten fragte, antwortete ich wahrheitsgemäß: ,Ich habe hier ein Relais, mit dem ich nicht weiterkomme, weil ich es noch nie gesehen, geschweige denn angeschlossen habe. Gehen Sie ruhig schon mit den anderen Missionaren nach Hause, ich bleibe noch hier und komme später zu Fuß zurück, ich habe ja einen Schlüssel. Das schaffe ich schon!‘ Meine Überlegung war folgende: Ich diene dem Herrn und er hat versprochen, uns zu helfen, wenn wir Hilfe brauchen.
So brachte Bruder Wallner die Missionare zu ihren Familien und ich grübelte weiter. Es wurde 19:30 Uhr, aber die Eingebung kam nicht. Warum nicht? Ich ging auf die Knie, klagte dem Vater im Himmel mein Leid und sagte: ,Ich verstehe dieses Relais nicht – jetzt bist du dran!‘ Danach dachte ich: Jetzt muss die Erleuchtung kommen. Jetzt! Willi, du hast den Glauben!
Es wurde 21:00 Uhr, es wurde 22:00 Uhr, es kam nichts. Ich sprach wieder mit dem Herrn. Es dauerte bis 2:30 Uhr morgens. Ich war am Ende meiner Kräfte – der Geist antwortete nicht, was machte ich falsch? Wieder kniete ich nieder und betete: ,Himmlischer Vater, ich habe mein Bestes gegeben. Du weißt, dass ich das Relais nicht kenne, und du hast versprochen, dass du uns segnen wirst, wenn wir glauben. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, jetzt brauche ich deine Hilfe, damit das Relais funktioniert. Beschütze mich auf meinem Heimweg und lass mich noch ein paar Stunden schlafen.‘
Um 3:30 Uhr war ich dann bei den Wallners zuhause. Die Nacht war um 6:00 Uhr zu Ende, da ich um 7:00 Uhr zum gemeinsamen Schriftenstudium wieder anwesend sein sollte. Sofort fragte mich Bruder Wallner: ,Willi, Sie sind erst sehr spät nach Hause gekommen, läuft die Heizung, wird alles warm?‘ – ,Nein, Bruder Wallner, sie läuft noch nicht.‘ – ,Wird sie laufen?‘ – ,Ja, sie wird laufen. Ich war bis 2:30 Uhr auf der Baustelle, habe mein Bestes gegeben und dann alles dem Herrn überlassen. Jetzt ist er dran, er kann Wunder wirken.‘ – ,Willi, glauben Sie daran?‘ – ,Ja, hundertprozentig!‘
Nachdem wir gemeinsam das Evangelium studiert hatten, machten wir uns auf den Weg zur Baustelle. Ich ging gleich wieder in den Heizungskeller und hoffte auf die Erleuchtung. Aber sie kam nicht. Stattdessen öffnete sich nach einiger Zeit plötzlich die Kellertür und drei Männer traten ein (es war fünf Minuten nach 8:00 Uhr). Einer fragte mich: ,Kommen Sie nicht weiter?‘ Meine Antwort: ,Nein, ich habe ein bestimmtes Relais noch nie gesehen oder damit gearbeitet. Es ist ein amerikanisches Modell, ich verstehe es nicht.‘ Der Mann ließ sich das Relais zeigen und sagte zu mir: ,Sie haben drei Drähte? Die drei gehören hierhin, dorthin und dorthin.‘ Er erklärte mir alles genau. ,Haben Sie alles verstanden und können Sie jetzt alles machen?‘ – ,Ja!‘, antwortete ich. Dann sagte er, dass sie jetzt gehen müssten, weil sie es eilig hätten. Sie verließen den Raum, bevor ich sie nach ihrem Namen oder ihrer Herkunft fragen konnte.
Ich stand wie versteinert da und konnte mich etwa 20 Sekunden lang nicht bewegen. Dann lief ich zur Tür, sah aber keinen der drei Männer mehr. Ich sah aber Bruder Wallner, den ich sofort fragte, ob er die drei Männer, die bei mir im Keller waren, gesehen oder gesprochen habe. Er sagte: ,Ich habe die drei Männer in den Heizungskeller gehen sehen, aber ich habe nicht mit ihnen gesprochen und habe sie auch nicht wieder herauskommen sehen.‘
Ich kann das nur noch einmal bezeugen. Diese drei Männer sind mir dort im Heizungskeller erschienen, um alle meine Fragen und Bitten zu beantworten und zu erklären. Sie waren die Antwort auf mein gläubiges Gebet. Denn als ich die Kabel nach den Anweisungen angeschlossen hatte, lief die Heizung ohne Probleme. Für mich war das ein Wunder, und ich werde dieses Erlebnis nie vergessen.“
Olaf Wenke, Spezialist für die Geschichte der Kirche in Berlin, hat dieses Erlebnis dokumentiert:
„Der Bau des Gemeindehauses in Berlin-Neukölln wurde von Baumissionaren unter der Leitung von Bruder Henry Haurand durchgeführt. Dieser war Ende der 40er Jahre mit seiner Familie aus Essen in die USA ausgewandert und wurde später als Baumissionar für einige Jahre mit seiner Familie nach Berlin berufen, um dort die Bauleitung für das neue Gemeindehaus im Bezirk Neukölln zu übernehmen.
Dieses Haus wurde in den Jahren 1962 bis 1964 gebaut. Zum Abschluss des Rohbaus musste das große Flachdach betoniert werden. Es musste in einem Stück gegossen werden, damit es wirklich wasserdicht und stabil war. So begannen die Baumissionare unter der Leitung von Bruder Haurand an einem bestimmten Tag in aller Frühe damit und baten die ganze Gemeinde und auch einige der Vollzeitmissionare der Kirche um Mithilfe.
Die Arbeiten dauerten bis in die Nacht, und wie schon beim Ausheben der Baugrube für Fundament und Keller wurde auch diesmal die Baustelle nach Einbruch der Dunkelheit hell erleuchtet. Das erregte auch diesmal die Aufmerksamkeit der umliegenden Anwohner. Da es auch laut war, wollten alle so schnell wie möglich fertig werden.
Der Beton wurde im einzigen vorhandenen Betonmischer angerührt und dann von vielen Baumissionaren und anderen Helfern in Schubkarren zu einer elektrischen Seilwinde gefahren. Mit diesem Aufzug wurden die Schubkarren in die erste Etage befördert und dort entleert, wo der Beton gerade gegossen wurde. Dieser Vorgang durfte nicht unterbrochen werden.
Dann passierte es, dass die Elektroseilwinde plötzlich stehenblieb, weil etwas dazwischengekommen war, was das Getriebe blockierte. Das hat Bruder Haurand natürlich sehr geärgert, weil dadurch der Vorgang des Betongießens, der unbedingt kontinuierlich ablaufen musste, unterbrochen wurde. Bruder Haurand, der oben beim Betongießen war, beruhigte sich nach der ersten Aufregung etwas und ging nach unten in eine ruhige Ecke, um mit dem Herrn zu besprechen, was nun zu tun sei, damit die Arbeiten schnell fortgesetzt werden konnten.
Als er zu diesem Zweck in den Bauabschnitt links der Einfahrt ging, stellte er fest, dass eine der Wände sehr schief war und durch das zunehmende Gewicht sogar einzustürzen drohte, wenn oben weiter betoniert wurde. Er fand auch den Grund dafür. In einen Durchgang sollte später, wenn der Beton vollständig ausgehärtet war, eine Tür eingebaut werden. Zu diesem Zweck war die Aussparung mit drei senkrechten und einem waagerechten Vierkantholz von 10 x 10 cm abgestützt worden. Jemand hatte jedoch das mittlere senkrechte Holz herausgenommen, um mit der Schubkarre durch den Durchgang zu fahren, und dann vergessen, es wieder einzusetzen.
Hätte man oben einfach weitergearbeitet, wäre es zweifellos zu einem Unfall gekommen, bei dem vielleicht auch einige der am Bau beteiligten Personen zu Schaden gekommen wären. Zumindest aber hätte sich die Fertigstellung des Gemeindehauses verzögert, was weitere Kosten verursacht hätte. Und damals musste die Gemeinde den größten Teil der Kosten für ein neues Gemeindehaus selbst aufbringen.
Bruder Haurand dankte dem Herrn sehr für die ungewöhnliche Weise, mit der er dieses Unglück verhindert hatte. Schnell machten sich die Missionare daran, die Mauer wieder richtig abzustützen und den unebenen Beton abzukratzen und abzuschlagen. Mithilfe der Taschenlampe eines der Baumissionare fanden sie auch schnell den Grund für den Stillstand der elektrischen Seilwinde. Es war eine unachtsam abgestellte Maurerkelle, die sich im Seil verfangen hatte. Die Kelle wurde entfernt und der Betoniervorgang konnte ohne weitere Probleme fortgesetzt und beendet werden.
Dieses Erlebnis verwendete Bruder Haurand später oft in seinen Ansprachen, wenn er verdeutlichen wollte, wie der Herr seine Kinder immer wieder auf ungewöhnliche Weise segnet. Es hat ihn auch gelehrt, dass es immer wieder Dinge gibt, die uns zunächst als etwas Negatives, als Nachteil erscheinen, die sich dann aber als Segen erweisen und in denen wir die Hand des Herrn deutlich erkennen können, wenn wir genau hinschauen.“