2025
Berg oder Beziehung?
April 2025


Stimmen der Heiligen

Berg oder Beziehung?

St. Gallen: Es war an einem Augusttag. Meine zwei ältesten Söhne und ich wollten auf den Muretto-Pass. Das ist in den Schweizer Alpen ein Pass an der italienischen Grenze, den man nur zu Fuss begehen kann. An unserem Ausgangspunkt sagte ich zu ihnen: „Auch wenn es hier noch warm ist, nehmt euch Jacken mit!“ Der Ältere, damals elf Jahre alt, packte seine Jacke ein, der Jüngere, damals neun, nahm von meinem Rat keine Notiz. Er kam meiner Aufforderung auch dann nicht nach, als ich ihm erklärte, in den Bergen könnten sich die Wetterbedingungen schnell ändern. So kam es, dass er nur mit einem kurzärmeligen Hemd unsere Wanderung antrat. Ich betete: „Wenn das nur gut geht!“

Als wir das Tal zum Muretto-Pass durchschritten hatten, begann der Aufstieg. Vier Stunden später waren wir noch nicht oben. Ein kühler Wind blies uns entgegen. Der ältere Sohn klagte über Schmerzen in den Fersen, der jüngere fror, weil er keine Jacke anhatte. Ich aber wollte unbedingt zur Passhöhe hinauf. Deshalb feuerte ich sie an: „Kommt, Jungs, nur noch ein kleines Stück! Dann haben wir unser Ziel erreicht!“ Doch die beiden konnten nicht mehr.

Diese Situation hatte ich nicht erwartet. In mir kämpften plötzlich zwei Kräfte: Einerseits spürte ich das Ziehen, das immer dann in mir umso stärker wird, je mehr ich mich einem Ziel nähere. Andererseits sah ich meine beiden jungen Söhne, die die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht zu haben schienen. Mir gingen Gedanken durch den Kopf wie: „Ich könnte die zwei hierlassen und allein bis zur Passhöhe aufsteigen.“ Aber auch: „Was ist, wenn deine Söhne ohne dich zurückgehen, abrutschen und sich verletzen?“ So kämpfte es in mir: Hier das abenteuerliche Zerren in Richtung Passhöhe, dort die väterliche Sorge um meine erschöpften und frierenden Söhne. Ich stand vor der Entscheidung: Berg oder Beziehung.

Dieser Moment veranlasste mich – auch später noch – zum Nachdenken. Ich fragte mich: Wie fühlen wohl leidenschaftliche Bergsteiger, wenn sie vor der Entscheidung Berg oder Beziehung stehen? Was zieht sie so unausweichlich einen Berg hinauf? Und wieso setzen sie dabei oft alles aufs Spiel? Aus Expeditionsberichten wusste ich: Sie wollen unbedingt das Gipfelerlebnis und alles, was damit verbunden ist. Ich aber fragte mich: Ist denn dafür immer ein Berg nötig? Kann man dieses Erlebnis nicht auch anderweitig haben? Muss man, um es zu erfahren, Gesundheit, Leben, Familienbeziehungen riskieren?

Bei der Wanderung mit meinen Söhnen entschied ich mich für die Beziehung. Ich sah, dass ich mein Ziel nicht bis zum Ende verfolgen konnte, und fragte sie: „Sollen wir die Tour abbrechen?“ Sie willigten natürlich sofort ein. Wir besprachen den Abstieg. Und wir einigten uns darauf, vorher noch den Rest unserer Verpflegung zu verzehren. Währenddessen beobachtete ich, wie mein neunjähriger Sohn fror. Er zitterte am ganzen Körper, sagte aber nichts. Wortlos zog ich meine Jacke aus und reichte sie ihm. Als er sie anzog, strahlte er über das ganze Gesicht und murmelte: „Mmh, schön warm!“ Der Blick, den er mir dabei zuwarf, war von einer Dankbarkeit erfüllt, wie ich sie nie zuvor an ihm erlebt hatte. Er wollte mir damit wohl sagen: „Danke, Papa, dass du mit mir nachsichtig bist!“

Diese Äusserung aber war nicht die letzte, die ausdrückte, wie sehr er meine Geste schätzte. Als wir etwas weiter abgestiegen waren, blieb er plötzlich stehen und rief in das Tal hinein: „Mein Papa, mein Papa!“ – Diese kindliche Gefühlsregung berührte mich. Sie traf mich so tief, dass sie zu einem der schönsten Momente wurde, die ich je mit meinen Kindern erlebt habe. Obwohl ich zu Beginn der Wanderung meinte, der Berggipfel – in unserem Fall: die Passhöhe – würde mir ein Glücksgefühl vermitteln, spürte ich eine unbeschreibliche Freude, als ich meinen Sohn rufen hörte: „Mein Papa, mein Papa!“

Nach dieser Erfahrung wurde mir klar, dass der Berg für vieles stehen kann: Hobby, Vergnügen, Karriere und so weiter. Die Versuchung, dass wir anderen Dingen einen höheren Stellenwert einräumen als unserer Familie, ist sehr gross. Sie tritt in den verschiedensten Formen an uns heran und verleitet uns dazu, sie zu vernachlässigen. Doch was immer es auch ist – wir dürfen uns nicht durch irgendwelche Interessen von ihr ablenken lassen. Denn letztlich ist es ja nicht der Berg, der Beruf oder sonst irgendetwas – letztlich ist es unser Ich, das sich in den Vordergrund zu drängen versucht. Gelingt es uns aber, unsere Familie an die erste Stelle zu setzen, indem wir auf so manches verzichten, erwarten uns Erlebnisse mit tief durchdringender Freude.