2025
Mariana Yáñez Betancourt und die Öffnung der DDR für den Missionsdienst
Februar 2025


Aus der Geschichte der Kirche

Mariana Yáñez Betancourt und die Öffnung der DDR für den Missionsdienst

Am 30. März 1989 trafen die ersten Vollzeitmissionare der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage mit ihrem neuen Missionspräsidenten Wolfgang Paul in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ein. Die Missionare wurden paarweise in den Städten Ost-Berlin, Leipzig, Dresden und Zwickau eingesetzt. Weitere zwanzig Missionare sollten in den nächsten Wochen folgen. Möglich wurde dies durch die Zustimmung des amtierenden Staatsratsvorsitzenden der DDR und Generalsekretärs der regierenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Erich Honecker (1912–1994), die er bei einem Treffen mit Elder Thomas S. Monson, Elder Russell M. Nelson vom Rat der Zwölf und anderen Vertretern der Kirche am 28. Oktober 1988 in Ost-Berlin erteilt hatte.

In seiner Ansprache auf der Generalkonferenz der Kirche im April 1989 beschrieb Elder Monson dieses Treffen wie folgt:

„Dann waren wir zurück in Berlin für die entscheidenden Gespräche mit dem Staatsoberhaupt, dem Vorsitzenden Erich Honecker. An diesem besonderen Morgen war die Stadt Berlin von Sonnenlicht erfüllt. Wir wurden zu den Räumen der höchsten Regierungsvertreter gefahren.

Am Eingang des Gebäudes wurden wir begrüßt und anschließend in seinen persönlichen Sitzungssaal geführt. Dort wurden wir an einen großen Tisch gebeten. Hier saßen der Vorsitzende Honecker und seine Regierungsmitarbeiter. Wir überreichten ihm als Gastgeschenk eine kleine Statue mit dem Titel ,Der erste Schritt‘, die eine Mutter darstellt, die ihrem kleinen Kind hilft, den ersten Schritt auf den Vater zuzugehen. Er freute sich sehr über dieses Geschenk.

Der Vorsitzende Honecker begann: ,Wir wissen, dass die Mitglieder Ihrer Kirche an die Arbeit glauben. Wir wissen, dass Sie an die Familie glauben. Wir wissen, dass Sie in jedem Land, in dem Sie zu Hause sind, gute Bürgerinnen und Bürger sind. Sie haben das Wort. Sagen Sie uns, was Sie wünschen.‘“

Elder Monson erklärte ihm dann den Wunsch der Kirche, Missionare in die DDR zu schicken und umgekehrt Missionare aus der DDR auszusenden und erzählte weiter: „Dann sprach Honecker … zu mir und der Gruppe meiner Begleiter: ‚Wir kennen Sie. Wir vertrauen Ihnen. Wir haben Erfahrungen mit Ihnen. Ihr Wunsch, Missionare auszusenden, ist genehmigt.‘

Das Gespräch war beendet. Beim Verlassen des schönen Regierungsgebäudes drehte sich Elder Russell M. Nelson zu mir um und sagte: ‚Sieh, wie das Sonnenlicht diesen Saal durchdringt. Es ist, als wollte der himmlische Vater sagen: Ich bin zufrieden.‘

Die schwarze Finsternis der Nacht war vorbei. Das helle Licht des Tages war angebrochen. Das Evangelium von Jesus Christus würde nun zu den Millionen Menschen dieses Landes gebracht werden. Ihre Fragen über die Kirche würden beantwortet werden, und das Reich Gottes würde sich ausbreiten.“

Es ist viel darüber geschrieben und gerätselt worden, wie es dazu kam, dass Erich Honecker in diesem Gespräch fast alle Wünsche der Kirchenvertreter erfüllte. Die Wünsche, die Elder Monson und seine Begleiter bei diesem Treffen vorbrachten, waren für Honecker und seine Mitarbeiter nicht neu. Sie waren schon lange vorher bekannt und diskutiert worden, und die Einladung zu einem solchen Treffen auf höchster Ebene mit dem Staatsoberhaupt wäre wohl nie ausgesprochen worden, wäre die Regierung der DDR nicht von vornherein bereit gewesen, den kirchlichen Erwartungen zumindest teilweise entgegenzukommen. Der Umfang und die Ausschließlichkeit, mit der die Wünsche erfüllt wurden, waren allerdings sehr überraschend und ungewöhnlich. Für die Kirchenmitglieder war es das auch: Sie erfuhren von dem Treffen erst in den Abendnachrichten des DDR-Staatsfernsehens, die ganz ungewöhnliche zwölf Minuten lang über das Treffen berichteten.

In einem Gespräch im Juli 2006 erzählte Thomas S. Monson dem neu berufenen Präsidenten der Berliner Mission und seiner Frau, Günter und Ingrid Borcherding, weitere Einzelheiten über seine Begegnung mit Honecker. Und im Juli 2024, weitere 18 Jahre nach dem Gespräch mit dem 2018 verstorbenen Thomas S. Monson, erzählte Ingrid Borcherding in einer Unterredung zur Geschichte der Kirche aus ihrer Erinnerung:

„Wir hatten unser Berufungsgespräch mit Elder Monson. Er liebte Deutschland und hatte eine besondere Beziehung zu diesem Land. Er erzählte uns, wie es damals dazu kam, dass Missionare ins Land kamen und DDR-Bürger als Missionare das Land verlassen konnten. Es war 1988, als er zusammen mit Elder Russell M. Nelson ein Gespräch mit Erich Honecker und dem Kirchenbeauftragten der DDR, Kurt Löffler, hatte. Honecker fragte: ,Was wollen Sie?‘, und die Besucher sagten, sie wollten erst ein kleines Geschenk überreichen. Und so übergaben sie eine wohl unverpackte Statue, auf der rechts und links ein Vater und eine Mutter stehen und die Mutter ein kleines, etwa einjähriges Mädchen zum Vater ausschickt. Honecker fragte noch einmal: ,Was genau ist Ihr Anliegen?‘ Und Präsident Monson sagte dann: ,Wir möchten, dass Missionare unserer Kirche hier in die DDR kommen und dass Missionare von hier ausgesandt werden.‘

Honecker schaute auf die Statue und stimmte den Wünschen zu. Er sagte noch: ,Kurt Löffler wird sich um alles Weitere kümmern‘, damit endete die Sitzung und Erich Honecker verabschiedete sich rasch.

Erst später erfuhr Elder Monson, dass Erich Honecker draußen Tränen in den Augen gehabt habe und sehr gerührt gewesen sei. Noch später erfuhr Elder Monson, dass kurz zuvor die zweijährige Enkelin der Honeckers, Mariana, an Grippe gestorben war. Zu Mariana hatten die Honeckers eine besondere Beziehung. Diese Statue hatte wohl so viele Gefühle in ihm geweckt, dass für ihn klar war:

,Ich muss aus dieser Situation heraus, weil ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle habe – ja, das ist eine gute Kirche, ich werde alles geben.‘ Das hat uns Elder Monson bei unserem Berufungsgespräch gesagt.“

Mariana, Erich Honeckers Enkelin, war die Tochter von Erich und Margot Honeckers Tochter Sonja („Sonni“), die 1952 in Ost-Berlin geboren wurde. Während ihres Studiums in Dresden lernte Sonja Honecker den Chilenen Leonardo Yáñez Betancourt (Jahrgang 1950) kennen, den sie 1974 heiratete. 1985 kam als zweites Kind ihre Tochter Mariana zur Welt, zu der Großvater Erich Honecker eine besondere Beziehung entwickelte. Doch im Januar 1988 starb Mariana Yáñez Betancourt unerwartet, vermutlich an einem Virus. Der Tod seiner kleinen Enkelin war vor allem für ihren Großvater Honecker ein traumatisches Ereignis, nach dem die Trauer ihn zeitweise fast arbeitsunfähig machte. Regelmäßig besuchte er mehrmals in der Woche ihr Grab auf dem Friedhof. Erich Honecker war als Berufskommunist überzeugter Atheist und konnte daher im Glauben an Gott oder die Auferstehung keinen Trost finden.

Die Übergabe der Skulptur „Der erste Schritt“ durch Elder Monson, etwa neun Monate nach dem Tod seiner Enkeltochter, muss bei ihm starke Emotionen ausgelöst haben. Dies könnte einen Einfluss darauf gehabt haben, dass er allen Wünschen der Kirchenvertreter ohne weitere Diskussion zustimmte. Was genau ihn zu dieser Entscheidung bewogen hat und welche Rolle die Trauer um seine Enkelin Mariana dabei gespielt hat, bleibt letztlich ungewiss.

Etwas mehr als ein Jahr nach Monsons Gespräch mit Honecker fiel im Spätherbst 1989 die Mauer. Im Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei und hörte auf zu existieren. Honecker selbst wurde im Oktober 1989 aller Ämter enthoben und starb 1994 im Kreis seiner Familie im Exil in Santiago de Chile an Krebs.

Die ersten zehn Vollzeitmissionare der Kirche, die im Mai 1989 die DDR verlassen durften und in Übersee ihren Missionsdienst antraten, hatten noch feierlich versprechen müssen, nach Beendigung ihrer Mission in die DDR zurückzukehren. Doch als ihre Einsätze beendet waren, gab es die DDR nicht mehr und sie kehrten in ein ihnen völlig fremdes Deutschland zurück. Den ersten Missionaren, die mit Wolfgang Paul nach Ost-Berlin gereist waren, schlossen sich weitere Missionarsgruppen an, und noch im Jahr 1989 wurden insgesamt 596 zur Kirche Bekehrte in der DDR getauft.

Elder Thomas S. Monson zitierte 1989 am Ende seiner Ansprache „Dank sei Gott“ auf der Konferenz:

„Groß ist seine Weisheit, wunderbar sind seine Wege, und das Ausmaß seiner Werke vermag niemand zu ergründen. Seine Pläne sind unergründlich, und niemand kann seine Hand zurückhalten.“ (Lehre und Bündnisse, Abschnitt 76, Vers 2 und 3.)

Der Herr kann auch durch ein kleines Mädchen wie Mariana Yáñez Betancourt wirken, die ihr kurzes Leben verlor, um etwas zu vollbringen, was zuvor niemand für möglich gehalten hätte.

In den Worten von Elder Monson:

„Ich erkenne die Hand Gottes in den wunderbaren Ereignissen, welche die Angelegenheiten der Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik betreffen. … Gott sei Dank!“

Literaturverzeichnis:

> Thomas S. Monson, „Thanks Be to God“, Ansprache auf der Versammlung am Sonntagmorgen der Frühjahrs-Generalkonferenz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, April 1989; https://folky.shop/study/general-conference/1989/04/thanks-be-to-god?lang=eng

> Volker Molthan im Gespräch mit Ingrid Borcherding aus Stadthagen am 27. Juli 2024 in Königsbach-Stein

> Deutschsprachiger Katalog des Historischen Archivs der Kirche: https://catalog.churchofjesuschrist.org/record/6c071bea-3b71-4bac-b075-cdab8e6e48a7/0?view=summary&lang=deu mit Weiterleitung zu:

> Raymond M. Kuehne, „How Missionaries Entered East Germany: The 1988 Monson-Honecker Meeting“, in: Dialogue 39 / 04, pages 107–139; https://www.dialoguejournal.com/wp-content/uploads/sbi/articles/Dialogue_V39N04_119.pdf