Für Mütter mit kleinen Kindern
Wenn es dir gar nicht so „wunderbar“ erscheint, Mutter zu sein …
Mutterschaft kann sowohl Herausforderungen als auch Freude in sich bergen
Nachdem ich zum ersten Mal Mutter geworden war und einen Säugling zu versorgen hatte, war ich völlig erschöpft. Die ganze Nacht war ich wegen des Kleinen wach gewesen und wir schafften es nur mit Mühe zur Kirche. Nach der Versammlung legte eine freundliche ältere Frau die Hand auf meinen Arm und sagte: „Ist es nicht einfach wunderbar, Mutter zu sein?“
Ich war so frustriert, dass ich nicht antworten konnte. Mein ganzes Leben lang hatte ich mir gewünscht, Mutter zu sein. Und auch wenn ich gerne zugebe, dass es am Muttersein ja viele wunderbare Seiten gibt, empfand ich es in jenem Moment als ganz und gar nicht „wunderbar“.
Nach der Geburt kamen Sorgen und Gedanken auf, die Schuldgefühle in mir hervorriefen. Was, wenn ich am Ende gar keine Mutter sein wollte? In den ersten, anstrengenden Wochen mit meinem Neugeborenen empfand ich nicht dieses ständige „Staunen“, von dem andere Mütter erzählten. Es tat mir auch weh, an kinderlose Frauen zu denken, die doch so gern Mutter sein würden, und ich kam mir so selbstsüchtig vor, weil ich nicht jede Minute als Mutter auskostete.
Machte mich das zu einer schlechten Mutter? War ich die Einzige, der es so ging?
Das Wunderbare entdecken
Ich schrieb einigen Freundinnen, die ebenfalls gerade ein Baby bekommen hatten. Ich war erleichtert, als ich hörte, dass auch sie schwierige Tage (und Nächte) hatten. Der Austausch mit ihnen führte mich zu einer erstaunlichen Erkenntnis:
Vielleicht bezeichnen wir das Muttersein als wunderbar, weil es schwierig und herrlich zugleich sein kann.
Bis dahin hatte ich es frustrierend gefunden, dass wir das Muttersein als wunderbar bezeichnen anstatt beispielsweise als so herausfordernd und selbstlos, dass es an die eigene Substanz geht. Diese Formulierung traf auf mich viel eher zu, da mein Baby Tag und Nacht auf mich angewiesen war. Fast wünschte ich mir, die Frau in der Kirche hätte gefragt: „Ist es nicht schwer, Mutter zu sein?“
Doch plötzlich kamen mir die Worte aus dem Lied „Erstaunt und bewundernd“ in den Sinn:
„Oh, es ist wunderbar, wunderbar für mich.“
Das Sühnopfer des Erretters war so herausfordernd und selbstlos, dass es ihm an die eigene Substanz ging. Und doch beschreiben wir sein Opfer in diesem Lied als wunderbar.
Was mich das Muttersein gelehrt hat
Inzwischen ist mein Sohn ein Jahr alt, und wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke, erkenne ich, wie viel ich als Mutter gelernt habe. Vor allem bin ich Jesus Christus nähergekommen.
Ich denke oft über das folgende Zitat von Präsident Jeffrey R. Holland, dem Amtierenden Präsidenten des Kollegiums der Zwölf Apostel, nach: „Keine Liebe im Erdenleben kommt der reinen Liebe Jesu Christi so nah wie die selbstlose Liebe, die eine hingebungsvolle Mutter für ihr Kind empfindet.“
Ich konnte den Erretter besser verstehen, als ich erkannt habe, was es heißt, Mutter zu sein.
Ich habe auch eine tiefere Wertschätzung für meine liebe Mutter entwickelt – und für die unzähligen Opfer, die sie fortwährend für mich gebracht hat. Für sie würde ich das Wort wunderbar verwenden.
In den heiligen Schriften ist immer wieder von Müttern und Mutterschaft die Rede. Als Mutter eröffnete mir das Lesen solcher Schriftstellen eine völlig neue Perspektive.
Wenn ich nun beispielsweise 1 Nephi 21:15 lese, kann ich die darin zitierten Worte Jesajas viel besser nachvollziehen, da ich ja weiß, wie es ist, ein Kind regelmäßig mit Nahrung versorgen zu müssen: „Kann denn eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie kein Mitleid hätte mit dem Sohn ihres Leibes? Ja, sie mögen vergessen, doch werde ich dich nicht vergessen.“
Mein Körper lässt mich nicht vergessen, dass ich ein Kind habe, das auf mich angewiesen ist, und doch ist dies längst nicht vergleichbar mit der vollkommenen, immerwährenden Liebe, die der Erretter für uns empfindet.
Meinen Sohn großzuziehen hilft mir, die verheißenen Segnungen meiner Tempelbündnisse besser zu verstehen. Außerdem verspüre ich verstärkt den Wunsch, die Lehren des Erretters durch mein Beispiel sichtbar zu machen.
Der Alltag als Mutter birgt sowohl Herausforderungen als auch Freude, und deshalb ist der Begriff „wunderbar“ wohl eine perfekte Umschreibung für das Muttersein, auch wenn man es gerade nicht so empfindet.
Zwar fühle auch ich mich nicht immer wie eine „wunderbare“ Mutter, doch ich hoffe, dass ich Tag um Tag mehr wie mein Erretter Jesus Christus werden und meinem Sohn beibringen kann, in seinen Spuren zu wandeln.