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Betrachtest du das Evangelium als selbstverständlich?
Liahona, Januar 2026


Ich glaube

Betrachtest du das Evangelium als selbstverständlich?

Die Verfasserin lebt auf der spanischen Insel Mallorca.

Zuweilen wird uns bewusst, dass wir das Evangelium gar nicht als das Wunder betrachtet haben, das es ist

Ein Mann fotografiert eine Katze, die hinter einem Fenster sitzt

Eines Tages war ich auf dem Weg zur Arbeit und ärgerte mich über die Touristen, die mir wie so oft den Weg versperrten.

Ich bin es gewohnt, hier auf Mallorca Touristen zu begegnen, doch an diesem Tag sah ich mit wachsender Verzweiflung zu, wie Scharen von ihnen die Innenstadt verstopften und ständig anhielten, um alles zu fotografieren, was ihnen vor die Linse kam.

Ich erinnere mich, wie mir ein Tourist auffiel, der durch ein Fenster spähte und Fotos machte. Ich dachte bloß: „Wieso machst du das? Das ist doch ein ganz gewöhnliches Fenster. Warum fotografierst du das?“

Aber ehrlich gesagt verhalte ich mich wahrscheinlich genauso, wenn ich neue Orte besuche. Also beschloss ich, meine Haltung zu ändern.

Wenn ich sah, dass jemand die Kamera auf ein Gebäude richtete, schaute ich ebenfalls hinauf, um herauszufinden, was ihn daran faszinierte. Wenn jemand lange bei einem Laden stehenblieb, an dem ich täglich vorbeiging, nahm ich mir vor, ebenfalls genauer hinzusehen und das Detail zu entdecken, das offenbar ein Foto wert war.

Und wisst ihr was? Auf meinem Weg zur Arbeit fiel mir plötzlich viel Schönes auf. Als ich versuchte, mein Zuhause so zu betrachten, als würde ich es zum ersten Mal sehen, hielt ich es nicht mehr für selbstverständlich, sondern entdeckte neue Aspekte, die ich schätzen lernte.

Später kam mir der Gedanke:

Wie oft betrachte ich das Evangelium als selbstverständlich?

Bereits erhaltene Segnungen erkennen

Ich erinnere mich an eine Zeit auf Mission, in der ich nicht besonders glücklich war. Ich betete immer wieder um dasselbe und hatte das Gefühl, keine Antwort zu erhalten.

Ich sprach mit meinem Missionspräsidenten darüber, wie es mir ging, und er gab zu bedenken, dass ich vielleicht nicht ganz auf die Verheißungen Christi vertraute. Zuerst wusste ich nicht, was er meinte, aber als ich darüber nachdachte und mich damit befasste, was es bedeutet, dem Herrn voll und ganz zu vertrauen, fühlte ich mich gedrängt, bereits erhaltene Segnungen bewusst wahrzunehmen und dafür dankbar zu sein. Das half mir zu erkennen, dass der Vater im Himmel bereits viele meiner Gebete erhört und mich auf vielerlei Weise gesegnet hatte.

Elder Ulisses Soares vom Kollegium der Zwölf Apostel hat erklärt: „Gleichgültigkeit ist geprägt von dem allmählichen Verlust unserer Begeisterung dafür, uns voll und ganz dem Evangelium des Herrn zu verschreiben. … Aufgrund dieser Selbstzufriedenheit betrachten wir die Gaben des Evangeliums sozusagen als etwas Selbstverständliches, und von da an vernachlässigen wir es womöglich, uns regelmäßig in die Grundlagen des Evangeliums Jesu Christi zu vertiefen, und vernachlässigen die Bündnisse, die wir geschlossen haben.“

Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das Evangelium Christi als selbstverständlich betrachte, hilft es mir zuweilen, zu den Grundlagen zurückzukehren und mir vor Augen zu halten, was am wichtigsten ist.

Unseren Glauben in einem neuen Licht betrachten

Fast mein ganzes Leben lang schon befinde ich mich immer wieder in Situationen, in denen ich das einzige Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bin. Meine Familie geht zwar in die Kirche und mein Zweig ist wirklich toll, aber in Bildungseinrichtungen oder im Freundeskreis stehe ich mit meinem Glauben oft allein da.

Wenn ich neue Menschen kennenlerne, kommen sie durch mich das erste Mal mit dem Evangelium in Berührung. Wenn sie erfahren, was ich denke und wie ich lebe, empfinden sie es als neu und interessant.

Vor ein paar Monaten war ich zum Beispiel auf einer Betriebsfeier, wo alle Alkohol tranken. Als ich meinen Kollegen erklärte, dass ich nicht trinke, nahmen sie an, ich würde nur an diesem Abend nicht trinken, weil ich später noch Autofahren müsse. Als ich erklärte, dass ich überhaupt nie Alkohol trinke, stellten sie mir viele Fragen.

In solchen Situationen kann ich meinen Glauben jenen darlegen, die zum ersten Mal davon hören oder bisher nur durch die Medien etwas über unsere Kirche erfahren haben. Und wenn ich miterlebe, wie sie zum ersten Mal etwas über unsere Kirche erfahren, hilft mir das, meinen eigenen Glauben in einem neuen Licht zu betrachten.

Zurück auf Kurs kommen

Uns allen wird wohl zuweilen bewusst, dass wir das Evangelium gar nicht mehr als das Wunder betrachtet haben, das es ist. Doch es gibt einfache Maßnahmen, die uns wieder auf Kurs bringen – etwa, dass wir die Hand des Herrn in unserem Leben erkennen und dass wir anderen Menschen Zeugnis geben. Wir können wie die Touristen sein, die das Wunder im Alltäglichen entdecken. Wir können die schönen Aspekte des Evangeliums bewusst wahrnehmen und schätzen, auch wenn sie uns längst zur Routine geworden sind.

Mir gefällt, was in Sprichwörter 3:5,6 steht:

„Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit;

such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade!“

Wenn wir anerkennen, was der Vater im Himmel und Jesus Christus bereits für uns getan haben, werden sie uns weiterhin neue Führung und Inspiration schenken.

Und sie werden uns immer wieder erkennen lassen, welch ein Segen es ist, das Evangelium in unserem Leben zu haben.