Panorama
Der Turm an unserem Gemeindehaus
Darmstadt (AM): Als ich vor wenigen Wochen erstmals unseren Gemeindehausturm mit einem imposanten Gerüst versehen erblickte, wanderten meine Gedanken unwillkürlich zurück in die Jahre 1962 bis 1965, in denen unser Gebäude von Baumissionaren und einer kleinen Handvoll Mitgliederfamilien in Eigenhilfe errichtet wurde.
Ich war damals ein kleiner Junge, und der Bauplatz war für uns Kinder der Gemeinde in diesen Jahren der Abenteuerspielplatz. Da die Familien jede freie Stunde, jedes Wochenende und auch den Jahresurlaub dort verbrachten, wurde die Baustelle für uns Kinder in jedem Winkel ein vertrautes Gelände. Bis heute kennen wir beispielsweise die im Boden des großen Saals verlaufenden Lüftungskanäle, weil wir selbst durch sie hindurchgekrochen sind.
Als das Gemeindehaus schließlich fertiggestellt war und für die Kirchenversammlungen genutzt werden konnte, sprachen wir Kinder, wenn es sonntags oder während der Wochentags-Aktivitäten zum Gemeindehaus ging, immer nur davon: „Wir fahren auf den Bau“.
Ich erinnere mich noch an die Wochen, in denen der Turm errichtet wurde. Schon damals war er mit einem Gerüst versehen, und die Versuchung war für uns Kinder groß, ihn zu besteigen. Auch heute spüre ich die Versuchung, auf das Gerüst zu klettern, da es anscheinend nicht sonderlich abgesichert ist. Aber ich halte mich zum Schutz der jungen Generation bewusst zurück.
Da der Turm aus Stampfbeton mit Stahlbewehrung errichtet wurde, musste ohne Unterbrechung – Tag und Nacht – im Winter 1964 Beton bereitgestellt und in die Verschalung eingefüllt werden. Die Verschalung wurde bei diesem Verfahren dann schrittweise nach oben verschoben. Um eine nahtlose Betonkonstruktion ohne Risse zu erhalten, durfte die Masse nicht antrocknen, bevor die nächste Füllung angesetzt wurde.
In den Geschichtsbüchern der Gemeinde habe ich glücklicherweise Fotografien aus dieser Phase des Bauprojekts gefunden. Auf den Fotos sieht man, dass die geschmeidige Masse mit einer kleinen Mischmaschine hergestellt wurde. Mittels einer einfachen Seilwinde wurde sie nach oben befördert.
Die Gruppe junger Baumissionare,, alles Männer im jungen Erwachsenenalter,, die damals berufen wurden – anstelle einer Verkündigungsmission –, in verschiedenen Städten Deutschlands und Österreichs Kirchengebäude zu errichten, hatten meist noch keine abgeschlossene Berufsausbildung. Sie standen nur unter der Anleitung eines erfahrenen Bauleiters. Unter ihnen war der heute noch lebende Horst Greiner aus Karlsruhe.
Und dann waren da noch die zwar handwerklich geschickten, aber doch nur „Freizeit“-Bauarbeiter unter den Gemeindemitgliedern, die in allen Bauabschnitten mithalfen, dieses große Gebäude zu errichten. Es waren die Väter, Mütter und Kinder der Familien Adler, Baumgart, Dieter (Metzner), Hadzik, Hosch, Hübler (Hosch), Meckel, Megner, Pilz, Storrs und Esterl (Litta).
Alleinstehende Frauen wie Josephine Keller, die als Witwe eines Dachdeckermeisters den Bitumenkocher für die Dacharbeiten bediente, oder Dora Dieter (Metzner) und Lydia Mrozek, die für mehrere Jahre Baumissionare bei sich zu Hause beherbergten, stehen stellvertretend für diese treuen Förderer unseres Gebäudes.
An Samstagen durfte ich meine Mutter immer auf die Baustelle begleiten, wenn sie den zuhause gekochten Eintopf in einem übergroßen Dampfdrucktopf der versammelten Bauarbeiterschar auftischte.
In einem Lebensabschnitt, in der sich viele gerne ein eigenes Häuschen gebaut hätten, verzichteten diese Familien zugunsten des Gemeinschaftsprojekts darauf und brachten all ihre Mittel und Arbeitskraft dafür auf.
Heute bewundere ich das damals geschaffene Turm-Ergebnis. Auch ohne moderne Lasertechnik gelang ein gerader, standsicherer Turm, wohl nur mit Wasserwaage und Senklot und sicherem Augenmaß.
Während der Bauzeit in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts diente Ludwig Hosch, der Vater von Dieter Hosch (und Großvater von Dennis Hosch) als Zweigpräsident. Er ließ es sich nicht nehmen, eine Erinnerungskapsel in den Beton im Spitzenbereich des Turmes einzulegen.
Eine Abschrift dieses Zeitdokuments ist bis heute
erhalten.