Das Buch Lehre und Bündnisse auf dein Leben beziehen
Du hast heikle Fragen auf dem Herzen? Empathie hilft!
Wenn wir unseren Nächsten so sehen, wie Christus ihn sieht, können wir selbst angesichts heikler Fragen zur Geschichte oder zur Lehre der Kirche inneren Frieden verspüren
Wer schon mal versucht hat, anhand einer noch im Entstehen begriffenen Anleitung ein Raketentriebwerk zusammenzubauen, kann vielleicht nachvollziehen, wie sich die Mitglieder in der Anfangszeit der Kirche in ihrem Bestreben, das Gottesreich auf Erden aufzubauen, gefühlt haben mögen.
Wer wie ich manchmal aufrichtige Fragen zu Vorkommnissen in der Geschichte der Kirche hat, ist gut beraten, sich der Sache so zu nähern, als ginge es um einen guten Freund – mit dem Wunsch, die Betreffenden wirklich zu verstehen und zu ergründen, warum sie so und nicht anders gehandelt haben. Mit anderen Worten: Bemühe dich zunächst um Mitgefühl.
Zusammenhänge können das Verständnis fördern
Thomas B. Marsh hatte sich als einer der Ersten der wiederhergestellten Kirche angeschlossen. Nicht einmal fünf Jahre nach seiner Taufe war er bereits Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel. Er war erst dabei zu lernen, wie man Gebote Gottes befolgt. Zudem hatte Gott ihm seine Aufgaben noch nicht in allen Einzelheiten erläutert.
Als Präsident ging er wahrscheinlich davon aus, er sei derjenige, der entscheidet, welche Aufgaben andere Apostel übernehmen. Als Joseph Smith dann zwei Apostel berief, das Evangelium in England zu verkünden, war Präsident Marsh verärgert darüber, zu dieser Entscheidung nicht hinzugezogen worden zu sein.
Als ich diese Geschichte das erste Mal hörte, überraschte mich das. Ein von Gott berufener Apostel war sauer auf den Propheten?
Mit Propheten und Aposteln komme ich heute vor allem anlässlich offizieller Übertragungen in „Berührung“. Das verschleiert mir manchmal den Blick darauf, dass sie zwar von Gott dazu berufen sind, zu führen und zu dienen, aber dennoch zugleich einfach menschlich sind.
Jona lief vor seiner Berufung davon (siehe Jona 1). Nephi beklagte seine Unvollkommenheit, bezeichnete sich als unglückselig und bedauerte, dass Versuchungen und Sünden ihn so leicht bedrängten (siehe 2 Nephi 4:17,18).
Das sind Beispiele aus der weit zurückliegenden Geschichte. Die jüngere Geschichte lehrt uns etwa: Joseph Smith erlaubte Martin Harris, die 116 Manuskriptseiten an sich zu nehmen, die später verlorengingen (siehe Lehre und Bündnisse 3).
Wie können wir anhand dieser Begebenheiten also einordnen, wie wir heutige Maßnahmen im Vergleich zu Maßnahmen wahrnehmen, die damals ergriffen worden sind?
Ich denke, wir können den gleichen Ansatz verfolgen wie der Herr, der seinem Diener Thomas B. Marsh als Reaktion auf dessen Zorn versicherte: „Ich habe deine Gebete vernommen.“ (Lehre und Bündnisse 112:1; Hervorhebung hinzugefügt.)
Mit anderen Worten: Wir können erst einmal zuhören.
Mitgefühl entsteht durch Zuhören
Niemand kann sich besser in andere einfühlen als der Erretter. Er hat ja das Leid eines jeden Menschen durchgemacht (siehe Alma 7:11,12). Wenn es jemanden gibt, der uns beibringen kann, unsere Mitmenschen besser zu verstehen und einfühlsam zuzuhören, dann ist er es.
Thomas Marsh wurde durch Joseph Smith vom Herrn noch mehr offenbart: „Ich kenne dein Herz und habe deine Gebete in Bezug auf deine Brüder vernommen.“ (Lehre und Bündnisse 112:11.) Der Herr wies Thomas zwar weiterhin zurecht, ließ ihn aber wissen – und das halte ich für wichtig –, dass er seine Gebete vernahm.
Im selben Vers ermahnt ihn der Herr: „Sei nicht parteiisch gegen [deine Brüder], indem du sie mehr liebst als viele andere, aber lass deine Liebe zu ihnen so sein wie zu dir selbst; und lass deine Liebe für alle Menschen und für alle, die meinen Namen lieben, reichlich vorhanden sein.“
Der Erretter versteht uns unter anderem deswegen vollkommen, weil er uns auf vollkommene Weise liebt. Wenn wir wirklich verstehen wollen, was sich in der Geschichte der Kirche zugetragen hat, hilft uns Nächstenliebe dabei, wirklich zuzuhören.
Stolz zerstört Beziehungen
Die Geschichte zurückverfolgen zu können, ist für uns von großem Vorteil, denn wir überblicken alles vom Anfang bis zum Ende. Wir können die Folgen sehen, die vielleicht erst Monate, Jahre oder sogar Jahrzehnte später eingetreten sind.
Da lässt sich leicht das Vorgehen eines anderen kritisieren und man sagt sich: „An seiner Stelle wäre ich ganz anders vorgegangen.“
Uns sind längst nicht alle geschichtlichen Fakten bekannt. Es mag Zusammenhänge geben, die wir vielleicht nie ganz erfassen werden, weshalb wir uns auch kein umfassendes Urteil über damalige Geschehnisse erlauben können.
Damit sage ich nicht, dass wir alles, was wir nicht verstehen, rechtfertigen oder schönreden sollen. Fragen sind wichtig. Sie lassen unser Verständnis wachsen. Es ist aber auch wichtig, dass wir durch Schriftstudium und Gebet nach Antworten suchen und uns dabei das Gebot vor Augen halten, das Thomas vom Herrn erhielt: „Erhöht euch nicht selbst.“ (Lehre und Bündnisse 112:15.) Ich verstehe diese Aussage so: „Meine nicht, dass du besser seist als andere.“
Für viele Situationen (etwa bei Beziehungen) ist dies ein ausgezeichneter Rat – und ebenso auch für das Einordnen geschichtlicher Ereignisse. Ich darf nicht davon ausgehen, dass ich es anstelle von Thomas B. Marsh, Joseph Smith oder sonst jemandem besser gemacht hätte. Möglicherweise hätte ich nicht so gehandelt wie sie, hätte aber höchstwahrscheinlich einen ähnlichen oder anderen Fehler begangen.
Vertrau auf den Herrn
Willst du deine Vorbehalte einordnen können, sodass du inneren Frieden erlangst, musst du aufrichtig den Wunsch haben, Gottes Willen zu tun, und dich auf seine ewige Perspektive stützen. „Sei demütig“, heißt es in der Offenbarung des Herrn an Thomas weiter, „dann wird der Herr, dein Gott, dich an der Hand führen und dir auf deine Gebete Antwort geben.“ (Lehre und Bündnisse 112:10.)
Thomas B. Marsh fiel zwar für einige Zeit von der Kirche ab, kehrte später aber zurück und wurde wieder aufgenommen. Jahre zuvor hatte ihn der Herr wissen lassen: „Weil du dich erniedrigt hast, sollst du erhöht werden; darum sind dir alle deine Sünden vergeben.“ (Lehre und Bündnisse 112:3.)
Mögen wir füreinander etwas von dem Verständnis aufbringen, das Christus uns gegenüber aufbringt.