Das Buch Lehre und Bündnisse auf dein Leben beziehen
Richte in schweren, dunklen Zeiten den Blick auf das Licht
Dunkle Lebensphasen verschaffen uns die Gelegenheit, nach dem Licht des Herrn zu „fühlen“ und es schätzen zu lernen
Wollte ich ein Bild von einer der schwersten Zeiten meines Lebens malen, würde es wohl aussehen wie der Nachthimmel: hauptsächlich dunkel, doch dazwischen winzige, glitzernde Lichtpunkte.
Wenn ich diese Phase eine „dunkle Zeit“ nenne, meine ich das wortwörtlich so. Ich hatte häufig Kopfschmerzen und Migräne, die sich bei Lichteinwirkung verstärkten. Daher verbrachte ich viele Tage in meiner Wohnung, ohne je das Licht einzuschalten. Ich kochte bei dem spärlichen Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge an den Küchenfenstern hereinfiel. Für meine schriftlichen Arbeiten an der Uni stellte ich die Helligkeit des Bildschirms auf fast Null.
Die Welt fühlte sich – genau wie mein Sinn – grau und düster an.
Im Gegensatz dazu schien mir jeder Tag, an dem ich mich gesund fühlte, von unglaublicher Strahlkraft zu sein. Ich weiß noch, wie ich nach draußen in die pralle Sonne trat und kaum glauben konnte, wie pulsierend und lebendig die Welt doch war!
Die Finsternis, die dem Licht vorausgeht
Ich bin ja beileibe nicht die Einzige, die buchstäblich oder im übertragenen Sinn finstere Zeiten durchlebt. In seiner Vision vom Baum des Lebens sah Lehi einen überaus dichten Nebel von Finsternis (siehe 1 Nephi 8:23). Joseph Smith schilderte eine „dichte Finsternis“, die sich um ihn zusammenzog, als er sich um Antwort auf sein Gebet bemühte (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:15). Nach dem Kreuzestod des Erretters lag „Finsternis über dem Land“ (3 Nephi 8:19).
In jedem dieser Fälle ging einem bedeutsamen Augenblick voll Licht und Offenbarung, der alles veränderte, eine dunkle, schwierige Zeit voraus. Im Fall Lehis waren diejenigen, die es schon beinahe bis zum herrlichen Baum des Lebens geschafft hatten, von Finsternis umgeben. Joseph Smith wurde dadurch vom Widersacher befreit, dass „eine Säule aus Licht“ auf ihn herabkam, „heller als das Licht der Sonne“ (Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:16). Und am allerwichtigsten: Das Licht der Welt stand vom Tod auf und kehrte nach drei Tagen Finsternis auf die Erde zurück.
1833 machten die Heiligen aus der Anfangszeit der Kirche eine der dunkelsten Zeiten durch. Zusammengerottete Horden hatten sie aus ihren Häusern vertrieben, die Ernte vernichtet und Besitztümer zerstört und gegen viele sogar Morddrohungen ausgestoßen. Der Herr bezeichnete die Heiligen in ihren damaligen Lebensumständen als „bedrängt und verfolgt und … ausgestoßen“ (Lehre und Bündnisse 101:1).
Wo war das Licht, das sie brauchten?
„Fühlen“ wir nach dem Herrn?
In dunklen Zeiten gibt es einen sehr wichtigen Zwischenraum, ehe das Licht hervorbricht und uns Befreiung bringt – den Zwischenraum nämlich, in dem wir lernen, dem Herrn zu vertrauen und uns auf seine Macht zu stützen. In diesem schwierigen, doch maßgeblichen Zwischenraum entscheiden wir, ob wir bewusst Glauben ausüben und darauf harren, dass Gottes Arm offenbar werde (siehe Lehre und Bündnisse 123:17).
In den meisten Fällen können wir uns unsere Prüfungen nicht aussuchen. Doch wir entscheiden, wie wir darauf reagieren. Und „Erfolg und Glück im Menschenleben hängen jetzt und in der Ewigkeit in hohem Maße davon ab, wie der Mensch mit Schwierigkeiten umgeht“.
Wie haben die Heiligen damals auf ihre Prüfungen reagiert? Obwohl sie den Rat des Herrn „geringgeschätzt“ hatten, was letztlich zu dieser Prüfung führte, fühlten sie am Tag ihrer Beunruhigung „notgedrungen nach ihm“ (siehe Lehre und Bündnisse 101:8).
„Fühlen“ wir in dunklen, schweren Zeiten nach dem Herrn? Wenden wir uns seinem Licht zu oder wenden wir uns vom Herrn ab?
In Lehre und Bündnisse 98 gibt uns der Herr, so wie ich das sehe, drei Schritte an die Hand, wie wir uns ihm zuwenden und dunkle Zeiten überstehen können:
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Gebt in allem Dank (siehe Vers 1).
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Harrt geduldig auf den Herrn (siehe Vers 2).
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Glaubt daran, dass alles zu eurem Guten zusammenwirken wird (siehe Vers 3).
Und in Lehre und Bündnisse 101 macht der Herr denen, die ausharren, diese Verheißungen:
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„Die zerstreut worden sind, werden gesammelt werden“ (Vers 13).
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„Die getrauert haben, werden getröstet werden“ (Vers 14).
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„Diejenigen, die ihr Leben für meinen Namen hingegeben haben, werden gekrönt werden“ (Vers 15).
Das ist die Verheißung des Herrn: Prüfungen können in Freude umgewandelt werden. „Alle diejenigen, die Züchtigung nicht ertragen wollen, sondern mich leugnen, können nicht geheiligt werden.“ (Lehre und Bündnisse 101:5.) Die Finsternis der Widrigkeiten kann unsere Fähigkeit vergrößern, nach Licht zu streben und uns am Licht zu erfreuen.
In Prüfungen einen Sinn erkennen
Um auf meine Lichtempfindlichkeit und meine Kopfschmerzen zurückzukommen: Ich weiß noch, dass ich an dem Tag, als ich einen Segen erhielt, gerade die schlimmste Migräne meines Lebens hatte. Dieser Segen gab mir zwar Hoffnung, dass sich mein Zustand bessern werde, ich wurde jedoch auch mit Widerstandskraft, Weiterentwicklung, vermehrtem Mitgefühl und mehr Wissen darüber gesegnet, wie ich meine Kopfschmerzen in den Griff bekommen könne.
Das war letzten Endes das Licht, das ich damals brauchte – die Verheißung, dass die schweren Zeiten nicht umsonst waren. Das Evangelium Jesu Christi verheißt ja nicht, dass wir allen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen können, doch es verheißt uns, dass unsere Prüfungen einen Sinn haben. Dank Christus werden aus unseren Prüfungen Gelegenheiten, geheiligt zu werden.
Klammere dich also an die kleinen Lichtfunken. Lass dich in dunklen Zeiten von der Erinnerung an schöne, lichterfüllte Augenblicke tragen.
Und denk daran: Selbst wenn dunkle Zeiten unser Leben überschatten, ist das Licht Christi doch stets da.