2025
Für alle, die meinen, im Leben ins Hintertreffen geraten zu sein
September 2025


Aus Neu für junge Erwachsene

Für alle, die meinen, im Leben ins Hintertreffen geraten zu sein

Auch wenn manch selbstgesteckte Ziele bisher unerreicht sind, habe ich mich doch die ganze Zeit über weiterentwickelt und dazugelernt

Illustration eines Mannes, der ein Hindernis übersteigen will

Hast du manchmal das Gefühl, dass du ins Hintertreffen gerätst?

Seit ich 20 bin, habe ich meinen Fortschritt immer an konkreten Meilensteinen gemessen. Ziele und Wegpunkte waren im Voraus festgelegt und dienten mir als Beweis dafür, dass ich erreicht habe, was ich erreichen wollte.

Dieses Jahr bin ich nun 30 geworden, und viele Meilensteine – vor allem beruflicher Natur – stehen noch aus. Deswegen habe ich das Gefühl, ins Hintertreffen zu geraten – hinter meinen Altersgenossen zurückzubleiben, hinter gesellschaftlichen Erwartungen und leider auch hinter dem, was ich mir vorgenommen hatte.

Schon als Teenager war mir klar, dass ich Arzt werden wollte. Jahrelang habe ich darauf hingearbeitet. Würde ich das Leben zurückdrehen können und meinem damaligen Ich nun gestehen müssen, wie weit ich hinter meinem Plan zurückliege, wäre es wahrscheinlich entsetzt.

Aber glücklicherweise hat mein 30-jähriges Ich nun eine umfassendere Sicht auf das Leben.

Ein endloser Kreislauf

Mit 18 verlief mein Leben in jeder Weise hervorragend. Ich zog meines Studiums wegen ins Ausland und schaffte die Anpassung an einen neuen Lebensmittelpunkt. Ich wählte das Hauptfach, das auch die anderen Studenten vor ihrem Medizinstudium belegten, und hatte gute Noten.

Auch danach verlief alles reibungslos: Ich unterbrach mein Studium, ging auf Mission, und ein paar Jahre später heiratete ich dann.

Das war der Punkt, wo alles etwas komplizierter wurde.

Zuerst pausierte ich an der Uni ein Jahr lang, weil meine Frau, die ein paar Jahre jünger ist als ich, erst ihre Ausbildung abschließen musste. Im Jahr darauf bewarb ich mich an einer Uni in meinem Heimatland und wurde dort auch aufgenommen – doch ich schlug den Platz dann aus, da wegen der Coronapandemie die Grenze geschlossen wurde und sich für meine Frau eine unerwartete berufliche Chance auftat. Im Jahr darauf bewarb ich mich erneut, diesmal allerdings in dem Land, in dem wir gerade lebten. Ich hatte allerdings keinen Erfolg, weil ich dort ja keinen ständigen Wohnsitz hatte.

An meinem 27. Geburtstag hatte ich vollends den Mut verloren. Eigentlich hätte ich doch nun schon das halbe Medizinstudium hinter mir haben sollen! Ehemalige Kommilitonen hatten nun ihren Abschluss in der Tasche und ihr Leben ging weiter, während ich gefühlt in einem endlosen Kreislauf von Bewerbungen und Absagen feststeckte.

Unterschiedliche Arten, Fortschritt zu machen und zu messen

Aus meiner Sicht trat ich auf der Stelle und kam nicht voran. Ich war ziemlich niedergeschlagen und von mir enttäuscht, weil es mir nicht gelungen war, jene Meilensteine zu erreichen, die ich mir als Teenager gesetzt hatte.

Allerdings gibt es ganz unterschiedliche Arten, Fortschritt zu machen und zu messen. Im Nachhinein ist mir klar, dass ich dennoch die ganze Zeit über gewachsen bin und dazugelernt habe.

Meine erste Auszeit? Dadurch konnte ich meiner Frau zeigen, dass mir ihre Ausbildung wichtig ist, und weiter Erfahrungen sammeln, die aus mir später einen besseren Arzt machen werden.

Die Auszeit im zweiten Jahr, als ich einen Studienplatz ablehnte? Dadurch konnten wir miteinander beten und uns darüber beraten, wie wir unvereinbare Prioritäten doch in Einklang bringen und das Leben aufbauen, das wir uns beide vorstellen.

Und jenes letzte Jahr, als ich mich einer Situation hilflos ausgeliefert fühlte, die außerhalb meiner Kontrolle lag? Da konnte ich mich um persönliche Offenbarung bemühen und vom Vater im Himmel die Bestätigung erhalten, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde – selbst als ich in meiner Mutlosigkeit nicht sehen konnte, was die Zukunft bereithält.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, die jahrelange Warterei sei leicht gewesen. In dieser Warteschleife war ich oft frustriert, hatte das Gefühl, nichts gehe weiter, und verlor den Mut. Und doch – die Zukunft sieht besser aus, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich bin nun im zweiten Jahr meines Medizinstudiums. Meine Frau arbeitet in ihrem Traumberuf und kann finanziell für uns sorgen. Nach all den Jahren, in denen ihre Arbeit und ihre Ausbildung Vorrang hatten, ist sie nun in der Lage, mich beim Studium zu unterstützen, und unsere Beziehung ist so stark, dass sie auch die anstrengenden Tage, vollgepackt mit medizinischer Ausbildung, überstehen kann.

Auf das besinnen, was am allerwichtigsten ist

Ich freue mich immer noch auf den Tag, da ich mich Arzt nennen darf. Aber wie Präsident Russell M. Nelson, selbst ja Arzt, betont hat, gibt es Identitäten, die wichtiger sind.

Wenn ich an meine Identität als Kind Gottes, als Kind des Bundes und als Jünger Christi denke, hilft mir das in Zeiten, in denen ich mich abstemple als „jemand, der hinterherhinkt“ – wozu viele junge Erwachsene heutzutage ja neigen.

Vielleicht geht es dir so wie mir und du bezeichnest dich wegen beruflicher Umwege als Versager. Oder vielleicht läuft die Karriere wirklich gut, doch du hast dir das Etikett „Single“ umgehängt oder ringst mit dem Etikett „psychisch krank“ oder sonst etwas anderem.

Sei dir ungeachtet deiner derzeitigen Lebensumstände bewusst, dass es viele Arten gibt, um zu wachsen, dazuzulernen und Fortschritt zu machen. Miss dich nicht am Leben anderer oder an den Erwartungen deines Umfelds – auch nicht an den Erwartungen deines früheren Ichs.

Halte dir stattdessen vor Augen, was am wichtigsten ist: „unsere Beziehung zum Vater im Himmel und zu seinem geliebten Sohn, unsere Beziehungen in der Familie und zu unseren Mitmenschen und dass wir uns in diesen Beziehungen vom Geist des Herrn führen lassen“.

Ich bin zwar noch nicht Arzt, aber ich bin ein Sohn Gottes. Ich bin jemand, der seinen Bund hält. Ich bemühe mich sehr, ein guter Ehemann zu sein.

Und das ist doch seit jeher wesentlicher als jeder willkürliche Zeitplan.