Liahona
NEUE WEGE
Liahona, März 2026


NEUE WEGE

Ebnat (KDR): Als ich am Ende meines ersten Hochschulstudiums stand, musste ich mich zehn Prüfungen unterziehen. Dabei sah ich schon vorher viel Stress auf mich zukommen. Nicht nur, weil ich diese innerhalb von drei Wochen abzulegen hatte. Vielmehr auch, weil ich das Studium so gut wie möglich abschließen wollte. Deshalb fastete und betete ich oft, der Herr möge mir dabei helfen.

Acht Monate vor den Abschlussprüfungen befand ich mich im vorletzten Semester. An einem dieser Tage stand ich wie jeden Morgen unter der Dusche. Da kam mir plötzlich die Idee: Warum nicht eine der Prüfungen ein halbes Jahr früher schreiben? Ich gewänne dadurch mehr Zeit, um für die anderen Examina zu lernen. Und ich hätte weniger Stress.

Gedacht, getan – am Tag, an dem sich die Studenten dafür anmeldeten, begab auch ich mich zur Hochschulverwaltung. Dort sagte ich zu dem zuständigen Angestellten: „Ich würde gern schon jetzt eine Abschlussprüfung schreiben.“ Der, völlig überrascht, weil die Studenten solche gewöhnlich erst im letzten Semester ablegten, antwortete: „Das geht nicht.“ Ich: „Und wieso nicht?“ Er: „Weil es das noch nie gegeben hat.“ Ich: „Das mag ja sein. Aber in der Prüfungsordnung gibt es nichts, was dagegen spricht.“ Er: „Das muss ich abklären“, ging zu seinem Schreibtisch und rief den zuständigen Professor an. Denn in der Tat: So etwas hatte es an dieser Hochschule noch nie gegeben. Es war, juristisch gesprochen, ein Präzedenzfall. Drei Minuten später kam er zurück und sagte: „Ist gut, Sie können die Prüfung schreiben.“

Danach bereitete ich mich auf diese vor. Ich schrieb sie. Und ich erzielte die Note „Sehr gut“. Dieser Erfolg spornte mich an, mich auch auf die anderen neun noch bevorstehenden Prüfungen gut vorzubereiten. Das Endergebnis war: Nicht nur gute und sehr gute Noten, sondern auch Geld. Der deutsche Staat hatte mir nämlich für dieses Studium mehr als 30.000 Deutsche Mark geliehen und davon aufgrund guter Studienleistungen rund 20.000 erlassen.

Bemerkenswert aber war: Ich hatte jene Idee, eine Prüfung vorzuziehen, erst gar nicht als eine Eingebung erkannt. Ich fand sie gut, weil sie mir Stressminderung verhieß. Erst später wurde mir klar: Sie musste vom Herrn gekommen sein, weil sie so ungewöhnlich war. Denn welcher Student kommt schon auf die Idee, eine Prüfung früher zu schreiben? Darüber hinaus gab es einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Ich wollte die Abschlussprüfungen so gut wie möglich bestehen. Ich fastete und betete oft. Und der Herr machte mir einen Vorschlag.

Hätte ich wie andere Studenten die Prüfungs-vorbereitungen so lange wie möglich vor mir hergeschoben, wäre ich für den Gedanken, eine davon vorzuziehen, nie offen gewesen. So aber hatte mich der Herr aufgrund meiner Lernbereitschaft mit einer Idee gesegnet, die mir Stress ersparte und mich zugleich erfolgreich sein ließ. Außerdem regte er mich dadurch zu einem Tun an, das zwar außergewöhnlich, aber nicht außerhalb meiner Möglichkeiten lag. Außergewöhnlich, weil ich vorher nie daran gedacht hatte, und außergewöhnlich, weil kein anderer Student vor mir daran gedacht hatte – jedenfalls nicht von der Hochschule, an der ich damals studierte.

So, meine ich, kann uns der Herr helfen, erstrebenswerte Ziele zu erreichen. So kann er uns Lösungen vorschlagen, die genau auf unsere Bedürfnisse, Bedingungen und Belastungen zugeschnitten sind. Und so kann er uns auf Wege führen, die wir noch nie beschritten haben – Wege, die zwar das Gegebene, Gewöhnliche und Genormte sprengen, die aber unsere Handlungsmöglichkeiten erweitern, weil sie vortrefflicher als alle bisherigen sind.