Missionarserlebnisse
Gemeindehäuser zu bauen, bedeutet zugleich Menschen zu erbauen
Essen (RHS): Bruder Johann Schmidl diente von 1963 bis 1965 als Baumissionar in Essen. Am 28. September 2024 fand eine Jubiläums- und Gedenkveranstaltung für ehemalige Baumissionare im deutschsprachigen Raum statt, bei der Bruder Schmidl die folgenden fünf Geschichten erzählte. Er ist damit auf viel Resonanz gestoßen und hat sie daher auch für die Leserschaft der Regionalen Umschau zu Papier gebracht.
Ein blitzschneller Segen
Der Turm des Gemeindehauses in Essen war bis auf einige Ergänzungen fertig. Bruder van Hulten war gerade unterhalb im Bereich des Sockels beschäftigt, während ich genau über ihm in ungefähr zehn Metern Höhe auf dem Turm stand, um einen Punkt auszuloten.
Dazu hatte ich ein sehr spitzes Lot, zirka 200 Gramm schwer, das an seiner Schnur gut befestigt war – wie ich annahm. Aber in dem Moment, als ich das Lot, das ich fest an der Schnur hielt, ausließ, sprang plötzlich der Knoten auf! Das Lot sauste auf Bruder van Hulten zu, der etwas kompliziert auf dem Boden hockte, und flog nur wenige Zentimeter – vielleicht sogar nur Millimeter – von seinem Kopf entfernt zwischen seiner linken Hand und dem linken Fuß in die Erde! Die Geschwindigkeit des Metallkegels muss rund 50 km/h erreicht haben, wie ich später errechnen konnte.
Es war ein ordentlicher Schock für mich! Bruder van Hulten hatte jedoch fast nichts von der Gefahr bemerkt, in der er sich befunden hatte. Es fiel ihm nur auf, dass plötzlich ein glänzend schönes Lot vor ihm im Boden steckte.
Sofort war mir bewusst, dass die lebensgefährliche Katastrophe in diesem Moment nicht durch einen Zufall abgewendet worden sein konnte, sondern nur durch das professionelle und präzise Eingreifen von Engeln. Ich glaube bis heute, dass es die Güte unseres Vaters im Himmel war, die meinen Mitarbeiter vor einer schweren körperlichen Verletzung und mich vor einer lebenslang schmerzenden seelischen Wunde bewahrt hat. Noch heute bin ich für diesen blitzschnellen Segen vom Himmel dankbar.
Eine inspirierte Suche
Der normalerweise besonnene, ruhige Bauleiter Bruder Streibel lief auf einmal nervös auf der Baustelle umher: Er war auf der Suche nach den Bauplänen.
Plötzlich sprang er in seinen VW-Transporter und raste, ganz gegen die Verkehrsordnung, nach Hause, sprang dort aus dem Auto und rannte die Treppe hoch. Und da sah er auf dem Dielen-Podest seine etwa vierjährige Tochter Jeanine auf dem Boden liegen – blau im Gesicht. „Erstickt!“, schoss es ihm durch den Kopf, und er hob sie an den Füßen hoch.
Zum Glück kollerte dabei das Bonbon, das sie vorher von ihrer Mutter erhalten hatte, aus der Luftröhre hervor und das Mädchen konnte wieder atmen. Und ihre Mutter war nur eine einzige geschlossene Türe entfernt in der Küche gewesen!
Welch lebensrettende Inspiration vom Himmel! Und was für ein Glück, dass Bruder Streibel diese Inspiration sogleich verstanden und entsprechend gehandelt hatte!
Die gesuchten Baupläne hatten übrigens zu diesem Zeitpunkt ordnungsgemäß im Gemeinschaftsraum auf dem halbhohen Kasten gelegen, auf dem auch der Elektrokocher stand.
Ein Bauleiter nach dem Vorbild Jesu Christi
Wir erfuhren, dass Bruder Ernst Offenbacher unser neuer Mitarbeiter werden sollte. Er war als „spezieller“ Baumissionar bekannt. Schon Wochen bevor er unsere Baustelle in Essen betrat, kursierten Gerüchte, dass er im Lederanzug daherkommen würde und möglicherweise irgendwo an seinem Gürtel einen Colt stecken habe; man wusste zu erzählen, dass er viele Wildwest-Hefte mit sich trug und sich bei den Mitarbeitern mit Bonbons einschmeichelte.
Doch diese Baustelle in Essen war bereits seine 13. Baustelle, weil die Mitarbeiter bisheriger Baustellen mit ihm einfach nicht zurechtkamen.
Unser Bauleiter Bruder Streibel jedoch galt als auffallend besonnener Typ. Er war im Alter von etwa 20 Jahren aus Deutschland nach Chilliwalk in Kanada ausgewandert und war dort sechs Jahre lang Bischof gewesen. Man hoffte, dass Ernst Offenbacher unter seiner Führung doch nicht vorzeitig nach Hause geschickt werden müsste.
Ernst kam, aber irgendwie ganz normal. Er brachte tatsächlich viele Wildwest-Romane mit, die aufgeschichtet einen gut vierzig Zentimeter hohen Stapel ergaben. Er behauptete, sie alle zu kennen. Das klang nach Angeberei und wir veranstalteten eine „Entlarvungsprüfung“: Wir holten beliebige Hefte aus dem Stoß und fragten ihn nach dem Inhalt!
Er antwortete schnell und aus unserer kritischen Sicht recht plausibel. Es ging um etwa zehn Hefte mit viel amerikanischer Geschichte. Wir waren verblüfft: Er hatte ein Hirn wie ein Computer.
Er wurde mir als „Mitarbeiter“ zugeordnet. Nun lernte ich ihn näher kennen und schätzen.
Er stammte aus Ostdeutschland. Das Bauerngut seiner Eltern war von der Kriegsbehörde konfisziert worden und sie waren nach Westdeutschland geflüchtet, und zwar nach Esslingen, wo er Mitglied der Kirche wurde. Mit der Zeit nervte seine „Lebendigkeit“ (ADHS?) die Gemeinde so sehr, dass sie nach einem akzeptablen Weg suchte, ihn loszuwerden. Obwohl er noch nicht Ältester war, kam man auf die Idee, ihn auf Baumission zu schicken.
Hier in Essen wurden Ernst und ich für die Verklinkerung der Fassaden eingeteilt.
Ein Problem mit den Klinkern war, dass sie sehr hart gebrannt waren und dadurch nur wenig Wasser vom Mörtel aufnehmen konnten. War der Mörtel zu weich, musste man sehr langsam auflegen, weil sie auch schwer waren. Ernst aber war ein sehr flotter Arbeiter!
Als das Gerüst an der Nordfassade schon etwa fünf Meter hoch war, kam der Bauleiter, um unsere Arbeit zu besichtigen, und sah bei Bruder Offenbacher, dass er bei dem weichen Mörtel doch zu schnell verlegt hatte, sodass die Reihen „durchhingen“. Das konnte so nicht bleiben!
Ganz in seiner ruhigen Art machte er Ernst darauf aufmerksam. Der schaute erschrocken erst auf seine durchhängenden Reihen, dann auf meine Reihen, und da doch er der „Maurer“ war, ich aber nur ein Tischler, wurde er – so meine ich – aus Enttäuschung wütend, schleuderte seine Kelle weg, stieß den Bauleiter so an, dass er fast vom Gerüst gestürzt wäre, kletterte springend das Gerüst hinunter, lief auf die Alfredstraße und verschwand.
Erst am dritten Tag kam er zurück. Bruder Streibel holte ihn sofort in sein „Büro“.
Uns, den klugen Baumissionaren, war natürlich klar, dass er jetzt leider vorzeitig nach Hause geschickt werden musste. Aber schon nach etwa zwanzig Minuten trat Bruder Offenbacher – irgendwie verklärt – wieder aus der Bürotür.
Was war geschehen? Wir erfuhren, dass Bruder Streibel ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, weil er wusste, dass auch Ernst genau wusste, was er falsch gemacht hatte. Bruder Streibel hatte ihm geradeheraus angeboten, im letzten halben Jahr seiner Mission noch Ältester zu werden! Wenn er das wolle, versprach er, ihm dabei zu helfen.
Ernst hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit einem so glücklichen Ausgang …
Diese Liebe und Weisheit veränderte Bruder Ernst Offenbacher für immer, denn Bruder Streibel hatte nach dem Vorbild Jesu Christi gehandelt. Und Ernst hatte Erfolg! Er blieb in Essen, wurde (nach mir) Ältestenkollegiumspräsident, heiratete bald Schwester Behnke und, sobald es möglich war, auch im Tempel. Leider blieb ihnen trotz Priestertumssegen Nachwuchs versagt.
Als er einige Jahre später von dieser Erde abberufen wurde, erzählte seine Witwe, dass ihr geliebter Mann ihr gegenüber immer liebevoll und feinfühlig gewesen sei.
Hier war das Motto zur Idee der Baumission wirklich großartig gelungen: Wenn wir Gemeindehäuser bauen, erbauen wir Menschen.
Wie wir Baumissionare einem Bauhüttendieb einen Streich spielten
Eines Tages war die Marmelade aus der Essenskiste in der Bauhütte verschwunden, kein Brot mehr zu finden, keine Butter. Peinlich – hatte sich da jemand an unserem Vorrat vergriffen?
Erst als wir entdeckten, dass das Fenster offenstand, begann unsere Fantasie zu blühen: ein Dieb! „Hurra“, riefen wir, „dem werden wir eine Lektion erteilen!“
Schnell waren wir uns auch einig, wie. Gegen Abend hoben wir eine Grube aus, etwa 50 Zentmeter tief und so breit wie das Fenster. Wir füllten sie mit einem weichen „Gatsch“ aus Lehm und Kalk, obendrauf legten wir Zweige, Gras und Blätter, sodass der Boden ganz normal aussah …
Wenn der Dieb das Fenster wieder öffnete, musste natürlich ein Eimer voll Wasser auf das Dach gekippt werden – eine richtig kalte Dusche!
Am nächsten Morgen sahen wir sofort, dass es perfekt funktioniert hatte! Auch der Eimer war leer, und wir sahen die Spuren, wo der Dieb mit seinen völlig vergatschten Füßen hingegangen war, und hörten ihn schon im zirka 1,20 Meter hohen „Montagekeller“ unter dem Klassentrakt schnarchen – gemütlich auf einer Matratze. Ganz vorsichtig machten wir ihm klar, dass er den falschen Schlafplatz gewählt hatte, und er verschwand brummend.
Wir waren so beeindruckt von unserem technischen Erfolg, dass wir ganz vergaßen, dass wir eigentlich auch Missionare waren: Hätten wir uns überlegt, den Dieb freundlich zu behandeln, ihm genug zu essen zu geben, ihn von hauptamtlichen Missionaren unterweisen zu lassen – vielleicht hätte er sogar Lust bekommen, ein bisschen mitzuarbeiten?
Zumindest hätte dieser Mensch dieses Gebäude sein Leben lang in angenehmer Erinnerung behalten – vielleicht sogar mehr als das …
Brand auf der Baustelle
Schließlich übersiedelten Bruder Offenbacher und ich aus unserer privaten Unterkunft in einen adaptierten Klassenraum im Rohbau des Essener Gemeindehauses.
An einem Sonntagmorgen waren wir etwas spät dran. Um Zeit zu sparen und mir die Möglichkeit zu etwas „Waschkultur“ zu geben, mich also mit warmem Wasser waschen zu können, stellte Ernst in unserem Gemeinschaftsraum unser Lavoir mit Wasser auf den Elektrokocher, der auf einem halbhohen Kasten stand.
Aber wir beide vergaßen darauf und gingen „kaltgewaschen“ ins alte Gemeindehaus zur vormittäglichen Sonntagsschule und am Nachmittag zur Abendmahlsversammlung. Zum Mittagessen waren wir bei Familie Jansen eingeladen.
Als wir in der Abenddämmerung zu unserer Baustellenwohnung zurückkehrten, bemerkten wir Brandgeruch, und am Holzschuppen rechts unten neben der Tür zum Gemeindesaal waren drei schwarze Brandlinien in der Verschalung.
Als wir die Tür öffneten, starrten wir in einen schwarzen Raum: Nichts war zu sehen, keine Lampe, kein halbhoher Kasten mit dem Elektrokocher und der Waschschüssel mit Wasser; alles war verschwunden, auch die Baupläne waren verbrannt.
Bei näherem Hinsehen fiel uns auf, dass die Plastikfolie, die raumseitig über die Lüftungsöffnung in der Wand gespannt war, unlogischerweise noch völlig intakt war! Wäre diese logischerweise durch die Brandhitze geschmolzen, wäre das Feuer durch die Frischluft angefacht worden und hätte auch die freiliegenden Deckenbalken samt der dünnen Dachschalung und damit große Teile des Daches mit verbrennen können. Sie waren aber nur geschwärzt.
Uns beiden war sofort klar: Hier hatte die „himmlische Feuerwehr“ geholfen, dass der Brand erstickt wurde!
Man könnte sagen, Bruder Offenbacher hatte zwar hauptsächlich den Brand verursacht, aber wegen seiner liebevollen Absicht, mir eine Freude zu bereiten, hatte ihn die Güte des Himmels rechtzeitig gelöscht.
Wenn ich alle Zeiten und Erlebnisse mit Ernst Offenbacher zusammenzähle, ist er mir ein Herzensfreund geworden, den ich immer in heiliger Erinnerung behalten werde.
Meine Baumission hat mich auch geistig ein Leben lang genährt. Auf Einladung des European Church Building Office in London verlängerte ich die Mission um drei Monate und heiratete ein Jahr später im Tempel. Meine Frau Brigitte und ich wurden mit acht lieben Kindern und bis heute 34 lieben Enkelkindern gesegnet – und wir sind seit 58 Jahren glücklich verheiratet.
Für mich war die Führung und das rechtzeitige Eingreifen des Herrn während meiner Baumission wie auch im weiteren Leben deutlich spürbar. Und ich bin dankbar für den großen Hirten und Hüter auch meiner Seele, Jesus Christus, und für seine Kirche mit all ihren Einrichtungen und Ämtern. Im Namen Jesu Christi, Amen.