2025
„Brüder, ihr müsst lernen, auf den Geist zu hören!“
August 2025


Stimmen von Heiligen der Letzten Tage

„Brüder, ihr müsst lernen, auf den Geist zu hören!“

Ravensburg (AM): In der Zeit um 1970, ich war gerade 16 Jahre alt, hatten wir in dem kleinen Zweig Ravensburg, meiner Heimatgemeinde nördlich des Bodensees, das große Glück, dass das Rentnerehepaar Friedrich und Herta Fischer von Leipzig aus in den Westen ausreisen durfte. Nach einigen Umwegen haben sie sich schließlich auf der Galgenhalde in Ravensburg niedergelassen. Nicht lange danach wurde Friedrich Fischer auf einer Distriktskonferenz in Hilzingen zum Zweigpräsidenten für Ravensburg berufen.

Er war ein sehr sanfter Mann, der über tiefe Spiritualität, Mitgefühl und Liebe verfügte. Er nahm mich unter seine Fittiche und lehrte mich Nächstenliebe, Mitgefühl, Pflichterfüllung und das Hören auf den Heiligen Geist. Und weil ich seine tiefe Liebe und Zuneigung deutlich spüren konnte, war ich auch bereit, alle Unannehmlichkeiten auszuhalten und mit ihm zum Heimlehren zu gehen, selbst im Winter, bei nasskaltem Schneeregen. Keines der Gemeindemitglieder hatte damals ein Auto, mit Ausnahme von Fritz Kreißl. Alles wurde entweder zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Bus und Bahn, erledigt. Ich war vertraut mit dem langen Warten auf den kalten, zugigen Bahnhöfen ebenso wie mit den langen Fußmärschen.

Zu dieser Zeit berief mich dieser demütige Mann als Sonntagschullehrer für die Erwachsenenklasse. Das war eine große Herausforderung, obwohl mir das zuerst gar nicht bewusst war. Rückblickend wurde mir später bewusst, dass es Zeiten in meinem Leben gab, in denen ich mehr Vollmacht als Erkenntnis hatte, doch der Herr ließ das zu, damit ich lernen konnte. Und später war es dann auch umgekehrt, dass ich mehr Erkenntnis als Vollmacht hatte, und auch das ließ der Herr zu, damit ich Sanftmut lernen konnte. Die meisten der etwa 40 Mitglieder in Ravensburg waren einfache, aber gläubige Menschen, die bemüht waren, gut und rechtschaffen zu leben. Nur mit einem älteren Bruder hatte ich zu kämpfen. Allerdings nicht nur ich, sondern auch die jungen Vollzeitmissionare, sowohl die in Ravensburg als auch die in Friedrichshafen, die gelegentlich ebenfalls an den Versammlungen in Ravensburg teilnahmen. Dieser Mann, ein Bruder Reimer, war ein ehemaliger Kripobeamter, und er hatte mir das Leben schon manchmal schwergemacht, und das nicht nur als junger und unerfahrener Sonntagschullehrer.

Etwa ein Jahr, bevor ich selbst meine Vollzeitmission in Österreich, Wales und England antrat, berief mich Bruder Fischer als Ratgeber in die Zweigpräsidentschaft; Fritz Kreißl war sein Erster Ratgeber. Eines Tages sagte Bruder Fischer zu uns: „Wir müssen dringend eine ältere Schwester in Lindau besuchen.“ Diese Schwester konnte weder an den Versammlungen in Ravensburg teilnehmen noch an denen in der noch kleineren Nebengemeinde in Friedrichshafen, wo es nur die zwei Vollzeitmissionare und noch vier oder fünf weitere Mitglieder gab. Da Fritz Kreißl der Einzige war, der ein Auto hatte, fuhren wir mit ihm zusammen an einem Samstagmorgen dorthin. Wir parkten das Auto auf einem unbefestigten Wiesenparkplatz, nahe bei einem kleinen Flüsschen, und stiegen alle drei aus. Fritz Kreißl und ich unterhielten uns dann noch über das Autodach hinweg – er stand hinter der Fahrertür und ich auf der anderen Seite. Ich sagte so etwas wie: „So, und was machen wir jetzt? Ich denke, das Beste wird sein, dass wir uns erst mal einen Stadtplan besorgen!“

Erst nach diesem Gespräch bemerkten wir, dass unser Bruder Fischer gar nicht mehr bei uns war! Zu unserem großen Erstaunen sahen wir, dass er sich schon längst auf den Weg gemacht hatte. Er war schon gute 20 Meter von uns entfernt und war alleine in Richtung Stadt gegangen. Ich rief ihm hinterher: „Bruder Fischer, warten Sie doch, wir wissen doch noch gar nicht, wohin wir gehen müssen!“ Er blieb stehen, drehte sich zu uns um und sagte: „Kommen Sie nur – kommen Sie nur!“, und das unterstrich er mit einer Handbewegung. Etwas missmutig liefen wir ihm dann hinterher. Als wir ihn schließlich eingeholt hatten, drehte er sich zu uns um und sagte: „Brüder, ihr müsst lernen, auf den Geist zu hören!“

Diese Zurechtweisung hatte gesessen! Aber wir waren nicht verärgert darüber, weil sie in tiefer Liebe und Sanftmut ausgesprochen wurde. Von da an folgten wir ihm einfach – in tiefem Schweigen – der eine links, der andere rechts von ihm. So gingen wir – 10 Minuten, 15 Minuten. Schließlich führte uns die Straße in der Stadt einen ziemlich steilen Berg hinauf. Und als wir den Berg etwa zur Hälfte oben waren, da blieb Friedrich Fischer plötzlich und abrupt stehen. Er drehte sich nach rechts, zu einer Türe, und ging dann ganz nah zu der Tür hin, um den Namen bei der Türklingel lesen zu können, und dann drehte er sich wieder zu uns um. Jetzt liefen ihm die Tränen über die Wangen und er sagte zu uns, mit sanfter und leiser Stimme, aber mit einer Stimme, die uns durch Mark und Bein ging: „Brüder, ich habe euch doch gesagt, ihr müsst lernen, auf den Geist zu hören!“ Damit hatte er uns genau zur Haustür dieser Schwester geführt!

Natürlich hatten wir die Adresse, aber keiner von uns wusste, wohin wir damit gehen sollten, auch Bruder Fischer nicht – aber der Herr wusste es.