Aus Neu für junge Erwachsene
Was du dir vor Augen führen kannst, wenn du unter Bindungsangst leidest
Trotz meiner Ängste, so wurde mir klar, überließ Gott vertrauensvoll mir die Entscheidung zur Heirat
So hatte ich mir eine Verlobung eigentlich nicht vorgestellt.
Mein Verlobter war rechtschaffen, würdig und zuvorkommend. Wir hatten die Entscheidung, ob wir heiraten sollten, gut abgewogen und deswegen gebetet. Aber was ich auch tat, ich konnte dieses furchtbare Angstgefühl einfach nicht abschütteln.
„Was ist, wenn er der Falsche für mich ist?“, fragte ich mich. „Was ist, wenn ich den Plan, den der Vater im Himmel für mich hat, vermassle, weil ich die falsche Entscheidung treffe?“
An manchen Tagen lastete die Angst wie ein riesiger Felsbrocken auf mir, den ich nicht wegzustemmen vermochte.
Wenn es das Richtige war, meinen Verlobten zu heiraten, warum war mir dann so zumute? Versuchte Gott, mir mitzuteilen, dass ich ihn nicht heiraten sollte?
Schließlich fand ich heraus, dass ich unter Bindungsangst litt, die es mir schwermachte, angesichts meiner Entscheidung ruhig und gelassen zu sein. Wenn ich die Uhr zurückdrehen und in der Verlobungszeit mit meinem ängstlichen Ich sprechen könnte, würde ich unter anderem Folgendes zum Ausdruck bringen:
Jede Liebesgeschichte ist anders, und das ist vollkommen in Ordnung
Ich weiß noch, dass ich mich immer schuldig fühlte, wenn ich in den sozialen Medien las, wie Freunde ihre Verlobung verkündeten. „Die einfachste Frage aller Zeiten!“, las ich da. „Ich habe keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass er der Richtige ist!“
Ich hingegen musste erst lernen, dass Angstzustände nicht bedeuteten, dass unsere Liebe zueinander nicht echt war – oder dass Gott uns nicht führte.
Letzten Endes kam es nicht darauf an, wie schnell wir uns ineinander verliebt hatten oder wie leicht uns die Entscheidung, zu heiraten, gefallen war. Worauf es ankam, war, dass wir in schwierigen Zeiten zusammengewachsen waren. Dass ich während der schwierigsten und beunruhigendsten Zeit meines Lebens die Liebe meines Verlobten spüren konnte, bestätigte mir, dass er aufrichtig und fest zu mir stand.
Furcht und Angst kommen nicht vom Heiligen Geist
Noch etwas brachte mich weiter: Ich lernte zu erkennen, wann der Heilige Geist zu mir sprach – und wann Ängste mich auf falsche Gedanken brachten. Als mir bei dem Gedanken, meinen Verlobten zu heiraten, ganz übel wurde, kam das dann von Gott? Oder beruhte das auf meinen Ängsten?
In Galater 5:22 steht: „Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue.“ Ich dachte an Situationen in meinem Leben zurück, als Gott durch seinen Geist zu mir gesprochen hatte, und mir ging auf, dass dies stets mit ermutigenden, friedvollen, stärkenden Gefühlen verbunden gewesen war. Er hatte mich nie in Angst und Schrecken versetzt.
Ich fand auch heraus, dass das ständige Übelkeitsgefühl tatsächlich ein typisches Symptom für eine Angststörung war. Und während geistige Eingebungen normalerweise leiser und sanfter Natur sind, war meine Angst sehr laut. Als ich meine ängstlichen Gedanken durch Bewältigungsstrategien besser in den Griff bekam, konnte ich besser innere Ruhe finden und die leisen Eingebungen sowie die Bestärkung durch den Heiligen Geist wahrnehmen.
Da diese friedlichen Momente manchmal rar waren, tat es mir gut, sie aufzuschreiben. Dann und wann klebte ich an den Badezimmerspiegel eine Haftnotiz mit einer Schriftstelle, die mir Trost spendete. Auch schrieb ich ins Tagebuch, wenn ich nach einem innigen Gebet von besonderer Ruhe erfüllt worden war. Mein Verlobter und ich nahmen sogar auf Video Gespräche miteinander darüber auf, wann wir in Bezug auf die Hochzeit Frieden verspürten. Wenn die Angst mich packte, schauten wir sie uns gemeinsam an und hielten uns vor Augen, wie Gott uns an den jetzigen Punkt geführt hatte.
Scheue dich nicht, jemanden um Hilfe zu bitten
Als meine Angstzustände besonders schlimm waren, hatte ich das Gefühl, der Vater im Himmel hätte mich verlassen. Ich las in den heiligen Schriften, ging in den Tempel, fastete und betete, und dennoch hatte mich die Angst im Griff. Warum half mir Gott nicht etwas mehr?
Rückblickend wird mir klar, dass er mir sehr wohl half – aber oft durch andere. Er half mir durch einen weisen Bischof, der mir zuhörte und mir empfahl, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Gott half mir durch meinen Therapeuten, der mir fachliche Einblicke gab und mir praktische Bewältigungsmethoden beibrachte. Später half mir mein Arzt, der mich beriet und mir ein Medikament gegen Angstzustände verschrieb.
Gott half mir auch durch Angehörige, die mich kannten und liebten. Als ich mich meinem Verlobten anvertraute und ihm sagte, wie es mir ging, erfuhr ich dank seinem Verständnis und seiner Unterstützung ein Gefühl der Geborgenheit. Und ich fand Trost in der Gewissheit, dass mein Erretter mich vollkommen verstand und in den schwersten Momenten für mich da war.
Gott überlässt vertrauensvoll dir die Entscheidung
Trotz aller stillen, bestätigenden Eingebungen befeuerten meine Angstgefühle immer wieder den Wunsch, ich möge doch eine sicherere Antwort erlangen. Noch immer ertappte ich mich dabei, wie ich betete, der Himmel möge sich öffnen und Gott möge mir ein unmissverständliches Zeichen dafür senden, dass mein Verlobter der Richtige für mich war.
Aber das geschah nicht.
Stattdessen lernte ich, dass Gott die Entscheidung vertrauensvoll mir überließ. So sehr ich mir auch wünschte, er würde mir einfach sagen, was ich tun sollte, lag die Entscheidung eben doch bei mir.
Präsident Thomas S. Monson gab einmal diesen Rat: „Wähle, wen du liebst; liebe, wen du wählst.“
Schließlich entschied ich mich dafür, meinen Verlobten zu heiraten. Wir wurden an einem herrlichen Sommertag im Tempel gesiegelt.
Achtung, Spoiler: Meine Angst verschwand nicht wie von Zauberhand.
Ich ging weiterhin zur Therapie, nahm meine Medikamente ein, bemühte mich um geistige Führung und sprach mit meinem Mann über meine Probleme. Und mit der Zeit ging es mir besser.
Mir gefallen diese Worte von Elder David A. Bednar vom Kollegium der Zwölf Apostel: „Wenn Sie und Ihr Ehepartner immerzu auf dem Weg der Bündnisse bleiben, erlangen Sie himmlische Hilfe, um die Art Ehe aufzubauen, die Sie sich erhoffen.“
Mein Mann und ich sind nun seit fünf Jahren verheiratet. Das Leben ist zwar nicht perfekt, aber wir sind so glücklich. Ich bin so dankbar, dass ich trotz meiner Ängste im Glauben gehandelt habe.
Wenn du unter Bindungs- oder Beziehungsängsten leidest, wende dich an den Herrn, an Führung durch Propheten, an die für dich zuständigen Führer der Kirche und bei Bedarf an Fachleute, um Hilfe zu bekommen. Der Vater im Himmel wird dich nie im Stich lassen. Er wird dich führen. Und wenn du bestrebt bist, ihm nachzufolgen, schenkt er dir den Mut, darauf zu vertrauen, dass du gute Entscheidungen treffen kannst.