Das Buch Lehre und Bündnisse auf dein Leben beziehen
Unsere Fehler bestimmen nicht, wer wir sind
Aus der Geschichte von William W. Phelps habe ich gelernt, dass mir meine Sünden durch die Liebe und das Opfer Jesu Christi vergeben werden können
Hast du schon einmal einen Fehler begangen, den du am liebsten wieder rückgängig machen würdest? Oder hast du etwas gesagt, was du gerne ungeschehen machen würdest? Oder hast du um Vergebung gebetet, aber das Gefühl gehabt, das sei nicht genug?
So ist es uns allen doch schon mal gegangen.
Es kommt gar nicht selten vor, dass ich den Vater im Himmel um Vergebung anflehe. Mitunter habe ich mich schon so geschämt, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass mir irgendjemand – auch nicht der Erretter – jemals vergeben könnte.
Als ich mich mit der Geschichte der Kirche befasste, wurde mir klar, dass es doch ziemlich wahrscheinlich auch anderen schon so ergangen war. Mich stimmte die Geschichte von William W. Phelps hoffnungsvoll. Er war in den Anfangstagen der Wiederherstellung Schriftsteller und Missionar; zudem zählte er zu den Führern der Kirche. Er war ein guter Mensch. Er predigte das Evangelium, wohin er auch reiste, und wurde in Missouri ein Mitglied des Hoherats, das viel Vertrauen genoss. William war außerdem ein guter Freund von Joseph Smith.
Deshalb war sein Verrat an Joseph besonders schmerzlich.
Vergeben wie dem verlorenen Sohn
1838 griffen aufgebrachte Horden und Milizsoldaten die Heiligen in Missouri an. Sie plünderten, zerstörten Häuser und prügelten auf alle ein, die Widerstand leisteten. Kurz darauf wurden Joseph Smith und andere Führer der Kirche wegen angeblicher Verbrechen verhaftet. Aus Angst vor einer Mitanklage verständigten sich William W. Phelps und einige andere mit dem Staatsanwalt darauf, dass sie gegen Joseph Smith aussagen und dafür freikommen sollten.
Unter Eid legte die Gruppe – darunter William – falsches Zeugnis gegen den Propheten ab. Nach der Gerichtsverhandlung wurden Joseph und weitere Führer der Kirche ins Gefängnis zu Liberty verbracht. Als William das Gerichtsgebäude als freier Mann verließ, lag ihm die Last seiner Taten schwer auf den Schultern. Einige Jahre später erhielt Joseph Smith von William einen Brief, worin dieser ihn um Vergebung bat.
„Ich bin wie der verlorene Sohn“, schrieb William. „Ich bin zutiefst erniedrigt und gedemütigt worden.“
Der Prophet antwortete ihm: „Ich glaube, dass dein Bekenntnis echt und deine Umkehr aufrichtig ist, und so wird es mich freuen, dir wiederum die rechte Hand der Gemeinschaft zu reichen, und ich werde über die Rückkehr des verlorenen Sohnes glücklich sein.“
Joseph Smith zeigte großes Mitgefühl für William. So wie im biblischen Bericht der Vater bei der Rückkehr des verlorenen Sohnes ein Fest feierte (siehe Lukas 15:11-32), nahmen die Heiligen auch William Phelps wieder in ihre Herde auf.
Was William vorher wahrscheinlich unmöglich erschienen war, war jetzt Wirklichkeit: Er war umgekehrt und hatte Vergebung erlangt. Und auch wir können das wirklich und wahrhaftig erleben!
Elder Uchtdorf vom Kollegium der Zwölf Apostel stellt uns folgende Fragen:
„Sind wir nicht alle schon einmal vom Pfad der Heiligkeit abgewichen in der törichten Annahme, wir könnten mehr Glück finden, wenn wir unseren eigenen ichbezogenen Weg gingen?
Wer von uns hat sich noch nie demütig, reuig und verzweifelt nach Vergebung und Barmherzigkeit gesehnt?“
Vielleicht schämen wir uns für unsere Fehler zu sehr und glauben, uns könne nicht vergeben werden. Doch Elder Uchtdorf versichert uns: „Unser Vater im Himmel wird zu uns laufen, weil ihm das Herz übergeht vor Liebe und Mitgefühl.“
Die Liebe Christi ist größer
Joseph Smith quittierte durchaus, dass William Leid verursacht hatte: „Wir haben infolge deines Verhaltens viel zu leiden gehabt – der bittere Kelch, schon voll genug für den Sterblichen, der ihn trinken muss, wurde wirklich zum Überfließen gebracht, als du dich gegen uns wandtest.“
Doch Joseph fuhr fort: „Immerhin, der Kelch ist geleert, der Wille unseres Vaters ist geschehen.“
Joseph begriff, dass der Preis für Williams Sünden schon bezahlt worden war – es gab keinerlei Grund, weshalb William noch länger leiden sollte. Williams Umkehr zum Vater im Himmel konnte ihn von seiner Schuld befreien.
Christus hat gesagt: „Ich habe aus jenem bitteren Kelch getrunken, den der Vater mir gegeben hat, und habe den Vater verherrlicht, indem ich die Sünden der Welt auf mich genommen habe.“ (3 Nephi 11:11.)
Der Erretter hat in seiner Liebe alles Leid ausgehalten, das notwendig war, um für unsere Sünden und Fehler zu bezahlen. Wenn wir umkehren und uns anstrengen, unser Leben zu ändern, möchte er daher, dass wir mit jener Freude vorwärtsgehen, die er uns zugesichert hat. Er will nicht, dass wir weiterleiden. Er hat den „bitteren Kelch“ getrunken, sodass unsere aufrichtige Umkehr genügt!
In Getsemani durchlebte Jesus Christus alles an Verrat, Scham, Beschämung und Schmerz, was ein Mensch in dieser Hinsicht je empfinden könnte. Ohne einen Freund, der ihm hätte zur Seite stehen können, trieb man ihn vor sich zur Kreuzigung. Er wusste, dass sein Opfer notwendig war, und ist deshalb bereitwillig für dich und mich gestorben. Doch am Ostermorgen stand er triumphierend wieder auf.
Jeffrey R. Holland, Amtierender Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel, hat gesagt: „Einer der tröstlichsten Gedanken in der Osterzeit ist, da Jesus einen so langen, einsamen Weg völlig allein gegangen ist, bleibt uns das erspart.“
Welche Sünden oder Fehler wir auch begangen haben mögen: Die Liebe Christi ist größer. Er hilft uns nicht nur, vorwärtszugehen, wenn wir aufrichtig umkehren (wie wir es von William W. Phelps lernen), sondern er kann uns auch helfen, jenen zu vergeben, die uns Unrecht getan haben (so wie Joseph Smith vergab).
In der Weltgeschichte wurde kein größerer Beweis der Liebe erbracht als das Sühnopfer Christi. Genau wie beim verlorenen Sohn nehmen uns unser Erretter und der Vater im Himmel jedes Mal freudig in Empfang, wenn wir zu ihnen zurückkehren.
Wenn du also meinst, Vergebung sei dir nicht möglich, dann geh auf sie zu. Sie warten auf dich.