Junge Erwachsene
Ich ging nicht mehr in die Kirche. Warum also wollte mein Mann sich ihr anschließen?
Wenn sich mein Mann taufen ließe, wie würde sich das dann auf mich auswirken?
Als mir mein Mann Joe sagte, er wolle sich taufen lassen, war ich keineswegs begeistert. Ich war in der Kirche aufgewachsen. Aber im Laufe der Jahre fand ich bestimmte Vorstellungen und Richtlinien problematisch. Als junge Erwachsene hörte ich schließlich auf, in die Kirche zu gehen. Ich begann, mich mit anderen Religionen und nicht-religiösen Lebensweisen zu beschäftigen.
In dieser Erkundungsphase lernte ich Joe kennen, und wir zogen zusammen. Meine Familie machte sich um mich zwar viele Gedanken, doch wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Joe und ich besuchten häufig Familienfeiern und religiöse Veranstaltungen, um die Familie zu unterstützen. Vier Jahre lang lebten wir so – und ich war zufrieden mit dem Stand der Dinge.
Schließlich heirateten Joe und ich, und schon bald wurde ich schwanger. Zu dieser Zeit besuchten wir ein Verwandtschaftstreffen, das meine Seite der Familie ausrichtete. Das Treffen dauerte mehrere Tage, und jeden Tag gab es eine Andacht, wobei jede Familie einen Gedankenaustausch leitete oder Zeugnis gab. In einer Andacht ging es darum, welch erstaunliches Leben meine Großeltern geführt hatten – und welch wichtige Rolle die Kirche dabei gespielt hatte. Viele erzählten auch, wie das Evangelium Kraft und Freude in ihr Leben gebracht hatte.
Er musste es selbst herausfinden
Als wir nach Hause zurückkehrten, war Joe fest entschlossen, sich mit den Missionaren zu treffen. Auf meine Frage nach dem Grund entgegnete er: „Ich muss selbst herausfinden, worüber deine Familie gesprochen hat.“ „Nur zu“, meinte ich. Ich dachte, er würde sich oberflächlich mit der Kirche befassen und es dann bald wieder gut sein lassen. Aber nach drei Lektionen wollte sich Joe taufen lassen!
„Das geht ein bisschen zu schnell“, gab ich zu bedenken. „Bist du sicher, dass du verstanden hast, was es bedeutet, der Kirche anzugehören?“
„Es bedeutet, dass wir in die Kirche gehen und es herausfinden werden“, antwortete er lächelnd.
Ich war nicht sonderlich begeistert. Aber wir einigten uns darauf, dass er sich weiter unterweisen lassen sollte. Taufen würde er sich jedoch erst lassen, wenn ich damit einverstanden war.
Einige Wochen später hatte sich meine Haltung zur Kirche noch nicht verändert. Doch Joe hatte sich verändert. Er hatte für sich den Glauben und das Gebet entdeckt. Er verspürte ein nie zuvor gekanntes Gefühl inneren Friedens und der Zuversicht. Es war wunderbar, diesen Wandel mitzuerleben. Ich beschloss, ihm keine Steine in den Weg zu legen – egal, was ich selbst empfand. Wir beschlossen, dass wir diese Reise gemeinsam antreten sollten, wenn er nun schon dazu bereit war. Also ließ sich Joe taufen.
Viele der Anwesenden bei der Taufe wussten, dass ich in der Kirche aufgewachsen war. Sie nahmen an, ich sei begeistert. Aber ich hatte gemischte Gefühle. Ich war stolz auf Joe, weil er so mutig war, und zugleich hatte ich Angst davor, wie sich seine Entscheidung auf unser gemeinsames Leben auswirken würde.
Unser Maßnahmenplan
Ich begann, mit Joe in die Kirche zu gehen, und wir machten einen Plan, wie wir meine Bedenken ausräumen könnten. Der erste Schritt bestand darin, herauszufinden, was genau mich am Evangelium störte. Wir kauften ein kleines Notizbuch, das ich jeden Sonntag mitnahm. Wann immer jemand eine Bemerkung machte, die mich irritierte, eine Schriftstelle aus einem Blickwinkel betrachtete, der mir seltsam erschien, oder über eine Richtlinie sprach, die mir gegen den Strich ging, hielt ich meine Gefühle schriftlich fest.
Monatelang führte ich dieses Notizbuch. Darin standen Aussagen wie: „Ich hasse es, wenn Leute sagen …“, „Überprüft denn niemand die Fakten?“ oder „Das ergibt für mich keinen Sinn“. Weil ich mir meine Gefühle unmittelbar bewusst machte, konnte ich sie besser verstehen und verarbeiten. Hatte mich früher etwas gestört, trug ich das Gefühl den ganzen Tag mit mir herum. Das hatte meine Erfahrungen in der Kirche negativ beeinflusst. Doch das Notizbuchschreiben gab mir den Raum, die Kirche mehr zu genießen und nicht nur auf die kleinen Momente zu schauen, in denen ich innerlich den Kopf schüttelte. Lange Zeit hatte mir die Kirche nichts bedeutet – doch jetzt konnte ich ihr etwas abgewinnen.
Nachdem ich nun herausgefunden hatte, was mich störte, war der nächste Schritt, herauszufinden, warum mich diese Punkte nervten. Beim sonntäglichen Abendessen besprachen Joe und ich meine Notizen. Manchmal konnte ich dazu nur sagen: „So empfinde ich das halt. Keine Ahnung, warum.“ Um dem auf den Grund zu gehen, musste ich oft innere Einkehr halten, viel diskutieren und beten. Seit jeher bin ich überzeugt davon, dass das Gebet die wichtigste und genaueste Informationsquelle für so ziemlich alles ist.
Joe und ich haben bei unseren Gesprächen etwas herausgefunden: Wenn man weiß, wer man ist und woran man glaubt, bildet sich ein Schutzwall um das eigene Herz herum. So schrieb ich eine Weile in mein Notizbuch und diskutierte mit Joe und dem Vater im Himmel darüber – und schließlich schwand meine Kritik an der Kirche.
Angelina und Joe Hui mit ihren Kindern
Wie wär’s mit dem Tempel?
Nun war fast ein Jahr seit Joes Taufe vergangen. Da fragte er, wie es denn mit einem Tempelbesuch wäre. Wieder war meine Reaktion: „Hoppla! Langsam! So weit bin ich noch nicht.“
Mein geduldiger Mann gab mir Zeit. Ab und zu streute er Andeutungen in unsere Gespräche wie: „Liebling, ich habe da einen tollen Artikel über den Tempel gelesen. Willst du den lesen?“, oder „Hey, Schatz, ich habe da ein wunderbares Video über den Tempel entdeckt. Magst du dir das mit mir anschauen?“ Sein Enthusiasmus war liebenswert, brachte mich aber dem Tempel keinen Schritt näher. Schließlich fragte er mich eines Tages direkt, warum ich mich so unvorbereitet fühlte.
„Du weißt, dass ich als Jugendliche Probleme mit der Kirche hatte“, sagte ich. „Aber in den Tempel bin ich wirklich gerne gegangen. Am liebsten mochte ich die Taufen. Ich habe mich im Tempel so herrlich wohlgefühlt. Es war so ruhig und friedlich. Aber ich weiß kaum etwas über alles andere im Tempel. Was ist, wenn jemand etwas sagt oder tut, was mich stört? Was ist, wenn mir das den Tempelbesuch vermiest? Aber welchen Sinn hätte es, Mitglied der Kirche zu sein, wenn man nicht in den Tempel gehen kann? Deshalb will ich mir erst sicher sein, dass mich nichts mehr erschüttern kann.“
Zahlreiche Erkenntnisse
Für die meisten meiner Probleme fand ich eine Lösung. Doch es gab ein Thema, mit dem ich noch immer zu ringen hatte: Wie konnte ich denn einer Kirche angehören, mit der ich nicht immer einverstanden war? Dies führte mich zum letzten Schritt, den ich meinem Notizbuch entnahm. Mir wurde klar, dass ich versuchen musste zu verstehen, warum andere Menschen glauben, woran sie glauben, und sagen, was sie sagen. Ich wollte wissen, wieso Gott die Kirche so gestaltet hat, wie sie heute ist.
Mein Mann half mir dabei, auf diese Frage Antwort zu finden. Als er begann, das Buch Mormon zu lesen, fiel ihm eine Zeile aus dem Titelblatt besonders ins Auge: „Und wenn darin Mängel sind, so sind es die Fehler von Menschen; darum verurteilt nicht, was von Gott kommt.“ Joe hatte dies immer wieder zitiert, aber jetzt zog ich noch mehr Schlüsse daraus.
Mir wurde klar, dass die Kirche in einer unvollkommenen Welt existiert, die von unvollkommenen Menschen bewohnt wird – inklusive meiner selbst. Wir alle machen zuweilen Dinge falsch, bevor wir sie richtig machen. Ich erkannte, dass ich aufhören musste, andere zu verurteilen, so wie auch ich nicht wollte, dass man mich verurteilt. Wir alle befinden uns auf einem Weg des Lernens und des Wachsens.
Ich erkannte auch, dass es die Kirche des Herrn ist. Sie ist in seiner Hand. Ja, er arbeitet mit unvollkommenen Menschen, aber er lenkt sein Werk. Er weiß, was notwendig ist, und wann es zu geschehen hat.
Als mich diese Erkenntnis traf, war ich bereit, in den Tempel zu gehen! Beglückt stellte ich fest, dass es sich noch genauso gut anfühlte wie Jahre zuvor, als ich Taufen durchgeführt hatte. An unserem dritten Hochzeitstag gingen mein Mann und ich erneut in den Tempel, um uns aneinander und unseren Sohn an uns siegeln zu lassen. Es war so ein berührendes, herzerwärmendes Ereignis. Immer wieder dachte ich: Alle Familien sollen so sein – ewig. Und ich hatte eine weitere Erkenntnis: Es mag zwar Richtlinien oder Lehren geben, mit denen ich mich intensiver auseinandersetzen muss, aber es gibt auch außergewöhnliche und schöne Wahrheiten im wiederhergestellten Evangelium Jesu Christi. Eine davon ist, dass jeder von uns tatsächlich mit dem Vater im Himmel sprechen und Antworten erhalten kann. Eine andere Wahrheit ist, dass der Heiland durch lebende Propheten Orientierung für unsere Zeit gibt.
Aus Erfahrung weiß ich nun wirklich, dass Offenbarung für die Kirche (die wir durch die Führer der Kirche erhalten) und persönliche Offenbarung für jeden von uns es dem Vater im Himmel ermöglichen, uns durch unsere Fehler und unsere Errungenschaften zu führen. Wenn wir seinem Plan für unser Leben folgen, können wir großes Glück darin finden, ihn und seinen Sohn Jesus Christus zu erkennen (siehe Johannes 17:3). Ich bin stolz darauf, der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anzugehören.
Die Verfasserin lebt in Indiana.