„Vertiefende Gedanken: Die Geschichtsbücher im Alten Testament“, Komm und folge mir nach! – Für zuhause und für die Kirche: Altes Testament 2026, 2026
„Die Geschichtsbücher im Alten Testament“, Komm und folge mir nach: Altes Testament 2026
Vertiefende Gedanken
Die Geschichtsbücher im Alten Testament
Die Bücher im Alten Testament von Josua bis Ester werden seit jeher als Geschichtsbücher bezeichnet. Das heißt nicht, dass andere Bücher im Alten Testament keine geschichtlichen Ereignisse enthalten. Die Geschichtsbücher werden vielmehr als solche bezeichnet, weil die Verfasser vorrangig zeigen wollten, wie in der Geschichte des Volkes Israel Gottes Hand sichtbar wird. Weder war es ihre Absicht, das Gesetz des Mose vorzustellen, wie dies bei Levitikus und Deuteronomium der Fall ist, noch war es ihre Absicht, Lobpreis oder Klagen in lyrischer Form auszudrücken wie in den Psalmen und den Klageliedern. Es war auch nicht ihre Absicht, die Worte von Propheten festzuhalten wie bei Jesaja und Ezechiel. Nein, die Geschichtsbücher erzählen Geschichten.
Eine Frage des Blickwinkels
Natürlich werden diese Geschichten aus einem bestimmten Blickwinkel erzählt. Man kann eine Blume, einen Stein oder einen Baum zu einem gegebenen Zeitpunkt jeweils nur von dem Standpunkt aus betrachten, wo man sich gerade befindet. Ebenso spiegelt ein historischer Bericht immer den Blickwinkel des Verfassers oder der Verfasser wider. In diese Ausrichtung fließen die nationale und ethnische Zugehörigkeit des Verfassers, die kulturellen Normen seiner Zeit sowie seine Weltanschauung ein. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir eher nachvollziehen, dass sich die Verfasser und Redaktoren der Geschichtsbücher auf bestimmte Einzelheiten konzentrieren, während sie anderes ausgelassen haben. Sie gehen auch von Annahmen aus, von denen andere nicht ausgehen würden. Aufgrund ihrer Auswahl an Einzelheiten und ihrer Annahmen gelangen sie zu bestimmten Schlussfolgerungen. Es gibt sogar unterschiedliche Blickwinkel zwischen den Büchern der Bibel (und manchmal auch innerhalb desselben Buchs). Je mehr uns diese Sichtweisen bewusst sind, desto besser können wir die Geschichtsbücher verstehen.
Ein Blickwinkel ist allen Geschichtsbüchern im Alten Testament jedoch gemeinsam: der Blickwinkel der Kinder Israel, des Bundesvolkes Gottes. Aufgrund ihres Glaubens an den Herrn erkannten sie seine Hand in ihrem Leben und seinen Einfluss in den Angelegenheiten ihrer Nation. Säkulare Geschichtsbücher haben diesen geistigen Blickwinkel in der Regel nicht. Unter anderem deswegen sind die Geschichtsbücher im Alten Testament so wertvoll für diejenigen, die ihren Glauben an Gott stärken wollen.
Kontext für den Rest des Alten Testaments
Die Geschichtsbücher beginnen, wo das Buch Deuteronomium aufhört, also kurz vor dem Ende der jahrzehntelangen Wanderung der Israeliten durch die Wüste. Im Buch Josua wird beschrieben, wie die Kinder Israel, die nun bereit sind, in das Land Kanaan – ihr verheißenes Land – einzuziehen, vom Land Besitz ergreifen. In den darauffolgenden Büchern Richter bis 2 Chronik wird das Leben Israels im verheißenen Land beschrieben, von der Zeit seiner Erstbesiedlung bis zur Eroberung durch Assyrien und Babel. Die Bücher Esra und Nehemia berichten davon, wie Jahrzehnte später verschiedene Gruppen von Israeliten in ihre Hauptstadt Jerusalem zurückkehren. Zum Schluss wird im Buch Ester eine Geschichte von Israeliten im Exil unter persischer Herrschaft erzählt.
An dieser Stelle endet die geschichtliche Abfolge der Ereignisse aus dem Alten Testament. Wer die Bibel zum ersten Mal liest, stellt möglicherweise überrascht fest, dass er die Geschichte des Alten Testaments bereits zu Ende gelesen hat, obwohl er gerade erst bei der Hälfte des Buches angekommen ist. Nach dem Buch Ester folgen kaum mehr Informationen zur Geschichte der Israeliten. Vielmehr sind die nachfolgenden Bücher – besonders die Prophetenbücher – in die Zeitspanne der Geschichtsbücher eingebettet. Der Prophet Jeremia wirkte beispielsweise zur Zeit der Ereignisse, die in 2 Könige 22 bis 25 aufgezeichnet sind (parallel dazu gibt es einen Bericht in 2 Chronik 34 bis 36). Dieses Wissen beeinflusst möglicherweise die Art, wie Sie die Geschichtsbücher und die Prophetenbücher lesen.
Wenn etwas nicht ins Bild passt
Wenn Sie das Alte Testament lesen, stoßen Sie wahrscheinlich – wie auch in anderen Geschichtsbüchern – auf Schilderungen von Menschen, die etwas getan oder gesagt haben, was Ihnen aus heutiger Sicht seltsam oder gar bedenklich vorkommt. Das ist zu erwarten, denn die Verfasser des Alten Testaments hatten in mancherlei Hinsicht ganz andere Ansichten als wir heute. Gewalt, die Beziehung zwischen ethnischen Gruppen und die Rolle der Frau sind nur einige Themen, zu denen damals andere Ansichten herrschten.
Was also tun, wenn wir in den heiligen Schriften auf Stellen stoßen, die Unbehagen in uns hervorrufen? Zunächst kann es helfen, die Stelle in einem erweiterten Kontext zu betrachten. Wie passt sie in Gottes Erlösungsplan? Wie passt sie zu dem, was Sie über das Wesen unseres Vaters im Himmel und das Wesen Jesu Christi wissen? Wie passt sie zu offenbarten Wahrheiten in anderen heiligen Schriften oder zu Lehren der lebenden Propheten? Und wie passt sie zu dem, was Ihnen der Geist in Herz und Sinn eingibt?
Es kann vorkommen, dass eine Stelle zu nichts davon wirklich zu passen scheint. Eine solche Stelle ist wie ein Puzzleteil, das nicht zu den bereits zusammengefügten Puzzleteilen zu passen scheint. Das Puzzleteilchen dann einfach mit Gewalt an eine Stelle drücken zu wollen, bringt nicht viel. Es ist aber auch nicht nötig, das Puzzle deswegen ganz wegzuwerfen. Vielleicht ist es das Beste, das Teil erst einmal zur Seite zu legen. Wenn Sie dann dazulernen und mehr Puzzleteile zusammensetzen, werden Sie im Laufe der Zeit besser erkennen, wie die Teile zusammengehören.
Man sollte auch nicht vergessen, dass historische Schriftstücke neben einem möglicherweise einseitigen Blickwinkel auch weiteren menschlichen Fehlern unterliegen. So wurde aus der Bibel im Verlauf der Jahrhunderte „viel Klares und Kostbares herausgenommen“, darunter wichtige Aussagen zur Lehre, zu den Verordnungen und zu den Bündnissen (1 Nephi 13:28; siehe auch Vers 26,29,40). Andererseits sollten wir uns auch eingestehen, dass unser Blickwinkel ebenfalls eingeschränkt ist: Es wird immer etwas geben, was wir nicht ganz verstehen. Es wird immer Fragen geben, auf die wir noch keine Antwort haben.
Manche Schriftstellen wirken wie Puzzleteile, deren Platz im Puzzle uns noch unbekannt ist
Schätze der Wahrheit
Doch unbeantwortete Fragen sollten uns nicht davon abhalten, im Alten Testament nach kostbaren Schätzen ewiger Wahrheit zu suchen – selbst wenn diese Schätze manchmal von beunruhigenden Ereignissen und schlechten Entscheidungen unvollkommener Menschen verdeckt sind. Die kostbarsten Schätze sind wohl die Begebenheiten und Schriftstellen, die von Gottes Liebe zeugen – vor allem jene, die unseren Sinn auf das Sühnopfer Jesu Christi lenken. Unabhängig vom Blickwinkel erstrahlen diese Schätze heute genauso hell wie damals. Und da diese Begebenheiten vom Bundesvolk Gottes berichten – von Männern und Frauen, die menschliche Schwächen hatten und dessen ungeachtet den Herrn liebten und ihm dienten – lassen sich in den Geschichtsbüchern im Alten Testament zahlreiche Schätze der Wahrheit finden.