Missionarserlebnisse
Heitere Erinnerungen an die Baumissionsjahre im deutschsprachigen Raum Mitteleuropas
Wie kam es zu der großen Zahl repräsentativer kirchlicher Gemeindehäuser in Mitteleuropa? Wie ist es zu der großen Zahl an wunderschönen, repräsentativen Kirchengebäuden in Mitteleuropa gekommen? Wer war unmittelbar am Bau beteiligt? Und konnte ein junger Mann, dem ein Predigtauftrag verwehrt war, sich hier engagieren?
1961 schließen sich in Deutschland fast 2.500 Menschen der Kirche an – so viele wie nie zuvor und danach. Innerhalb weniger Wochen und eingebettet in weltpolitische Ereignisse, die uns alle sehr bewegt haben, bildet die Kirche in Deutschland drei Zionspfähle und zwei Missionen. Sie spendet Schutz in einer Zeit der Unsicherheit und stärkt verängstigte Mitglieder durch die Kraft der Zuversicht.
Das kirchliche Wachstum in Deutschland in den ersten Jahren von 1960 bis 1963 war so beeindruckend, dass die Kirche in drei aufeinander folgenden Jahren jährlich mehr als 100.000 Bekehrte hinzugewinnt. Die besondere Entwicklung, welche die Kirche in Deutschland in diesen Jahren durchlief, führte dazu, dass dabei kurzfristig mehr als zehnmal so viele Kirchengebäude errichtet wurden wie in den vergleichbaren Jahren zuvor. Auch in den Nachbarländern Niederlande, Österreich und der Schweiz entstanden zahlreiche Kirchenbauten.
Öffentlich verkündet die Kirche 1960, sie werde ein Programm auflegen, nach dem in den nächsten drei Jahren jährlich 72 ansprechende Kirchengebäude in Europa gebaut werden sollen. Damit würde die Kirche eines ihrer größten Probleme in Deutschland lösen. Die bis dahin geltenden Richtlinien werden geändert: Anstelle der Haushaltsmittel der Zentralkirche und der großzügigen Spenden der in Deutschland stationierten Soldaten der US-Armee, ehemaliger Missionare und Missionspräsidenten sollte nun ein Fünftel der Baukosten von den örtlichen Mitgliederfamilien der Kirche aufgebracht werden. Elder Theodore M. Burton fasst es in die Worte: „I knew that we were not helping them by giving them aid which had been unearned.” (Dt. „Ich wusste, dass wir ihnen nicht helfen, wenn wir ihnen unverdiente Hilfe geben.“)
Das von der Kirche ins Leben gerufene Programm ermöglicht den „Baumissionaren“ eine dauerhafte duale Betätigung bei der Errichtung von Neubauten für kirchliche Gemeindezentren in zentraler Lage innerhalb von verdichteten Regionen eines Landes und zugleich die Chance zur Verkündigungsarbeit in den Abendstunden. Die Baumissionare formulieren selbstbewusst: „As we build churches, we will also build people.“ (Dt. „So wie wir Kirchen bauen, werden wir auch Menschen erbauen.“)
Es sind die meist jungen Brüder der Kirche, die sich als Baumissionare erwartungsvoll in den Dienst der Kirche stellen und zum ersten Mal für längere Zeit ihre Familien verlassen. Getragen von der Zuversicht, Teil eines großen und wunderbaren Werkes zu sein, erwarten sie keinen materiellen Lohn für ihre Arbeit. Der Wunsch, die Wahrheit zu empfangen und zu verkünden, hat sie schon früh geprägt, wie Jahrhunderte alte traditionelle Liedtexte zeigen: „Wenn du wie ein Maurer arbeitest, wenn du auf den Pfaden der Weisheit wandelst …“ In ihrer täglichen hingebungsvollen Arbeit erfahren sie, dass das Wesentliche ihres Dienstes in dieser göttlichen Weisheit zu finden ist, wie sie von Joseph, dem jungen Propheten, vor über 130 Jahren wiederhergestellt wurde und Wunder bewirken kann.
Die Gruppe dieser Baumissionare umfasst in dem groß angelegten kirchlichen Bauprogramm im deutschsprachigen Raum in einem Jahrzehnt weit über 150 junge Gemeindemitglieder als Arbeiter und Helfer. Bis zu fünf erwachsene Mitglieder einer Familie arbeiten gleichzeitig als Baumissionare für das jeweilige Projekt vor Ort. Die Baustellen befinden sich Anfang der 1960-er Jahre in Essen und Ebnat-Kappel (Kanton St. Gallen), Graz und Flensburg, Berlin-Neukölln und Hamburg-Wartenau. Die Projektleitung für die einzelnen Bauvorhaben im deutschsprachigen Raum liegt mit Ausnahme des österreichischen Architekten Franz Wallner von Gmunden am Mondsee in den Händen der US-Amerikaner. Mit den eingeweihten Versammlungshäusern verkürzen sich die Entfernungen und Wege der Kirchenfamilien zu ihren örtlichen Gemeindehäusern.
Zu den deutschsprachigen Beauftragten der ersten Stunde in leitender Stellung gehören damals Marianne und Heinz Jankowski aus Deutsch-Wagram, Brunhilde und Franz Wallner aus Gmunden und Werner Suppersberger aus Lienz (alle aus Österreich) sowie Siegfried Kutschke aus Dortmund, Harald Lipp aus Stadthagen, Peter Loscher, Rolf Ostermaier aus Soest und Reinhard Voigt und andere. Sie und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter wissen: Bauen ist kein Spaziergang. Jeder Erfolg steht und fällt mit dem Team. Humor hilft in der Branche. Hans Sachs, der mit den Zunftmeistern der großen Reichsstadt Nürnberg eng befreundet ist, weiß: „Das ist allein der zymmerman, / der durch sein schnur, masz und richtscheit / kann messen, hoch tieff, weit und preit.“ Im Mittelalter vertritt der Zimmermann auch das Schreinergewerbe. Jane Jensen, Ehefrau des Bauleiters Hans C. Jensen, erinnert daran: "Gottes Sohn war auch Zimmermann".
Und jeder, der bei Wind und Wetter draußen auf der Baustelle arbeitet, weiß, wie sehr Humor und Sprüche dazu beigetragen haben, den Teamgeist und die Begeisterung für die harte Arbeit auf der Baustelle entscheidend zu fördern. Sie schaffen eine positive Atmosphäre, die für eine gute Zusammenarbeit und effizientes Arbeiten unerlässlich ist. Die am Bau Beteiligten sind erfahrene Bauleiter, Stuckateure, Spezialisten für Elektroinstallation, Tischler, Lackierer, Monteure, Bauzeichner, Fliesenleger, Dachdecker und Zimmerer. In gewisser Weise finden sie einmalige Arbeitsbedingungen vor. Sie werden zum Essen eingeladen, genießen den Kontakt zu einer Familie, haben ein warmes Bett. Sie lernen nette Menschen - manche von ihnen ihre zukünftige ewige Lebensgefährtin – kennen.
Baumissionare lernen während ihres Dienstes neben ihrem erlernten Beruf auf der Baustelle weitere Gewerke kennen und zu beherrschen. Sie erfahren: Nicht das fertige Bauwerk macht zufrieden, sondern das gemeinsam Geschaffene. Goethe, der zu fast allem sein Wort beisteuert, sagt: „Des Maurers Arbeit geschieht wo nicht immer im Verborgnen, doch zum Verborgnen.“ Zimmermänner sprechen zwischen den aufgeschlagenen Dachbalken nach einem Bauabschnitt häufiger die Verse: „Nun war der Grund gelegt / und bald wird man das erste Stockwerk sehen.“ Und Uhland überliefert den Zimmerspruch: „Nun, Maurer, deckt und mauret aus! Der Segen Gottes ist im Haus.“
In der Gemeinschaft der Heiligen, nach der täglichen Arbeit und den Stunden der Verkündigung des Evangeliums in der Innenstadt, denken die Baumissionare in kleinen Gruppen darüber nach, welchen Sinn sie ihrem Leben geben wollen, dessen Sinn doch vor allem darin besteht, dass sie zu sich selbst finden. Sie erkennen, dass sie durch ihre Arbeit und ihren Dienst Wurzeln schlagen, Identität gewinnen und sich verändern können, Für ihr Leben erkennen sie Freundschaft daran, dass sie sich nicht enttäuschen lässt, und nehmen die wahre Liebe daran wahr, dass sie nicht gekränkt werden kann. Und sie sind sich inzwischen bewusst, dass sie in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu einer großartigen Generation gehören, die in kirchlicher Hinsicht von echtem innerem Wachstum geprägt ist.
In diesem Geist hören die Baumissionare von ihren Vorgesetzten: „Wir befinden uns auf der Welle einer neuen Ära. Wir sollten aus den Seitenstraßen herauskommen und uns in die besten Lagen begeben. Wir sollten Häuser bauen, auf die wir stolz sein können.“ Und so wächst mit der gezielten und raschen Versorgung mit zweckdienlichen und ansehnlichen modernen Raumeinheiten und einer angemessenen Ausstattung die Überzeugung in den Baumissionaren und Mitgliederfamilien, dass die Bauprojekte – die Arbeiten am Grundstück, dem Gebäude und seinen Anlagen – ja, an jedem Bestandteil und Zubehör sowie der gesamten Inneneinrichtung dieses Kirchengebäudes einen hohen Qualitätsstandard aufweisen müsse. Und dies zu einer Zeit, in der in Europa noch kein Pfahl Zions gegründet worden war.
Das einflussreiche US-amerikanische Nachrichtenmagazin TIME wird auf die kirchlichen Bemühungen aufmerksam und notiert vor mehr als sechzig Jahren: „Die in Amerika lebenden Mormonen machen bemerkenswerte Fortschritte in der Alten Welt.“ Die Baumissionare der Jahre 1961 bis 1967 – in diesen Jahren werden die meisten Projekte fertiggestellt – schließen sich im deutschsprachigen Raum zu einem Idealverein zusammen, dessen treibende Kraft Ulrich Köhn in Bensheim (Gemeinde Darmstadt) ist und der im Sommer 1963 zur ersten Konferenz am Tempel in Zollikofen einlädt.
Dem Geschichtsteam ist es ein Anliegen, dass die ehemaligen Baumissionare nicht vergessen werden. Sie denken dabei auch an die alleinstehenden Schwestern, die in den Baubüros und als Helferin auf der Baustelle eingesetzt sind. Vor einem Jahr konzentrieren die Spezialisten ihre Vorarbeiten auf umfangreiche Recherchen: Wer waren diese Baumissionare im deutschsprachigen Raum und ihre Angehörigen? Wo haben sie gewirkt, auf welche Gewerke waren sie spezialisiert? Wie hießen ihre Mitarbeiter? Wie sahen ihre Mission und ihr Leben aus? Welche Dokumente, Bilder, Tagebücher und schriftlichen Zeugnisse gibt es heute noch?
Eine Fülle von Informationen wird aus Archiven und der Zeitschrift „The Builder“ (dt. „Der Baumeister“) sowie durch viele mündliche Befragungen zusammengetragen. Der Autor liefert mit den Grunddaten zum Bauprogramm in Europa und der Baugeschichte eine namentliche Übersicht fast aller Baumissionare, die von Gabi Bast um Herkunft, Personenstandsdaten und aktuelle Kontaktdaten der Personen ergänzt wird. Sie zeichnet auch für Einladungen und Information verantwortlich. Seit Herbst 2023 arbeiten Ursula und Helmut Hartzheim, Gernot Hesselbarth, Kathleen Irving, Rainer Müller, Volker Molthan und Olaf Wenke neben den Genannten kontinuierlich an dem Projekt.
Der Rat der Beauftragten für die Geschichte der Kirche in Mitteleuropa beschließt in Absprache mit der Präsidentschaft, am 28. September 2023 eine Gedenkfeier für die ehemaligen Baumissionare im kirchlichen Verwaltungsgebäude im Phönixhaus in Frankfurt am Main durchzuführen. RAINER MÜLLER (Gemeinde Elmshorn), Regionsbeauftragter dieses Rates, begrüßt die Tagungsgäste und Referenten. Elder NIELS JENSEN von den Gebietssiebzigern präsidiert über die Veranstaltung. Anwesend sind PAUL D. HANSEN, Direktor für Zeitliche Angelegenheiten (DTA), MATTHEW ROBERTSON, Bereichsleiter der Hauptabteilung Einrichtung und CHRISTIAN H. FINGERLE, Bereichsleiter für Kirchengeschichte in Europa. Sie richten ihre Grußbotschaften an die Kongregation. Gabi Bast gibt eine Einführung in das Tagungsthema. Die Veranstalter empfehlen, sich die virtuelle Aufzeichnung des vielbeachteten authentischen Vortrags von Johann Schmidl aus Oberösterreich aus dem Kreis der ehemaligen Missionare anzuhören.
Dutzende von geladenen Teilnehmern verfolgen die Veranstaltung mit großem Interesse live, mehr als 120 sind vor Ort. Gemeinsam mit den Referenten fügen sie zusammen, was zusammen gehört, freuen sich auf ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten und Freunden aus der Vergangenheit, mit denen sie Erfahrungen, Fragen und Aufgaben des Bauens im Missionsdienst diskutieren.
Rainer Müller und Gabi Bast übernehmen die koordinierende Aufgabe, die dokumentierten Ergebnisse des gesamten Missionsprozesses von seinen Anfängen an vorzustellen. Sie präsentieren zu allen Ausstellungsthemen einzelne Gruppenbilder von abgeschlossenen Bauprojekten, den beteiligten Missionarsteams und ihrem Lebensumfeld sowie den Handreichungen der Helferinnen und Sekretärinnen. Die Pausen laden zu impulsgebenden und spannenden Gesprächen über bedeutungsstarke Augenblicke der Begegnung ein. Für das leibliche Wohl haben Tanja Müller und Sibylle Fingerle gesorgt. Anke Meissner und fast jeder Spezialist für Geschichte der Kirche spenden einen Kuchen.
Wir haben aus der Veranstaltung mitgenommen, dass die Aufarbeitung eines Themas nie abgeschlossen sein kann. Und das führt auch zum nächsten Schritt: Eine aussagekräftige Festschrift herauszugeben. Auch wenn sie nur einen Bruchteil des Ganzen beinhalten kann, wird es einen Unterschied machen! Es war uns ein großes Anliegen, allen Teilnehmern unseren Respekt und unsere Wertschätzung auszudrücken und den Baumissionaren, den reiferen Ehepaaren im Kirchendienst und anderen kirchlichen Mitarbeitern für ihren Einsatz in dieser fruchtbringenden Tätigkeit zu danken. Was uns vom Leitungsteam besonders berührt hat, war die Einheit und Herzlichkeit unter allen Anwesenden. Man hatte den Eindruck, dass wirklich jeder Einzelne vom Heiligen Geist berührt und durch die Weisheit des Herzens gesegnet worden war. So erfüllt sich die Erwartung an die Feier: den Dienst für Christus und Seine Kirche in den Mittelpunkt zu stellen und Nähe zum Heiland zu vermitteln. Er vollbringt auch heute inmitten von uns und anderen Sein Werk, ja Wunder.