„Flucht aus Vietnam“, Liahona, Juli 2025
Geschichten aus der Reihe Heilige, Band 4
Flucht aus Vietnam
Als die vietnamesischen Heiligen unter Krieg, Evakuierung, Internierungslager und Trennung von der Familie zu leiden hatten, hielten sie dennoch am Glauben fest.
Illustration von David Green
Im vom Krieg erschütterten Vietnam betrat an einem strahlend schönen Sonntag Nguyen Van The, der Präsident des Zweiges Saigon, das örtliche Gemeindehaus. Sofort umringten ihn die Mitglieder des Zweiges. Ihre Gesichter spiegelten Enttäuschung wider – doch zugleich Hoffnung. „Präsident The! Präsident The!“, riefen sie. „Haben Sie Neuigkeiten?“
„Ich werde Ihnen alles, was ich weiß, nach der Abendmahlsversammlung erzählen“, sagte er. Er forderte alle Anwesenden auf, Ruhe zu bewahren. „Alle Ihre Fragen werden beantwortet.“
Nguyen Van The, Präsident des Zweiges Saigon, nimmt 1973 eine Zehntenspende entgegen; das war etwa zwei Jahre bevor die Mitglieder gezwungen waren, wegen des Krieges Saigon zu verlassen
Vietnam war jahrzehntelang ein geteiltes Land gewesen. Der Konflikt war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ausgebrochen. Amerikanische Streitkräfte hatten fast ein Jahrzehnt lang an der Seite der Südvietnamesen gegen die kommunistische Regierung Nordvietnams gekämpft, doch die hohen Verluste führten dazu, dass sich die Amerikaner aus dem Krieg zurückzogen. Die nordvietnamesischen Streitkräfte näherten sich nun der im Süden gelegenen Hauptstadt Saigon.
Als Präsident The die Kapelle betrat und vorne im Raum Platz nahm, konnte er das Grollen von Artilleriefeuer hören. Der Krieg, der so viele vietnamesische Heilige mit dem wiederhergestellten Evangelium bekanntgemacht hatte, zerriss nun den Zweig.
Nach der Versammlung teilte Präsident The den Heiligen mit, dass die US-Botschaft bereit sei, die Mitglieder der Kirche zu evakuieren. Die Mitglieder des Zweiges bestanden darauf, dass Präsident Thes Familie sofort ausreise, damit er sich voll und ganz auf die Evakuierung der anderen konzentrieren könne.
Einige Stunden später flogen seine Frau Lien und die drei Kinder zusammen mit Liens Mutter und ihren Schwestern aus Saigon ab.
Am nächsten Tag schwangen sich Präsident The und ein weiterer Heiliger namens Tran Van Nghia auf ein Motorrad, um zum Internationalen Roten Kreuz zu fahren und dort um Hilfe zu bitten. Doch schon bald stießen sie auf einen Panzer mit einer großen Kanone, der rasch auf sie zurollte.
Nghia fuhr von der Straße ab, und er und Präsident The sprangen in einen Graben, wo sie sich versteckten. Der Panzer rumpelte an ihnen vorbei.
Saigon war nun in nordvietnamesischer Hand.
Eine Woche später, im Mai 1975, stieg Le My Lien aus einem überfüllten Bus. Sie war in einem Militärlager in der Nähe von San Diego in Kalifornien an der Westküste der Vereinigten Staaten angekommen. Vor ihr erstreckte sich eine weitläufige Zeltstadt, in der 18.000 vietnamesische Flüchtlinge untergebracht waren.
Lien hatte kein Geld und sprach kaum Englisch. Und sie musste sich um ihre drei Kinder kümmern, während sie auf Nachrichten von ihrem Mann in Vietnam wartete.
In der ersten Nacht im Lager tat Lien ihr Bestes, um es ihren Kindern bequem zu machen. Das Lager hatte ihr nur ein Feldbett zur Verfügung gestellt, Decken gab es keine. Ihre Söhne Vu und Huy drängten sich auf dem Bett zusammen, während das Baby in einer Hängematte schlief, die Lien aus einem Laken und Gummiriemen gebastelt hatte.
Lien selbst konnte sich nirgends hinlegen, also schlief sie, auf dem Rand des Feldbetts sitzend, an eine Zeltstange gelehnt. Die Nächte waren kalt, und ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich. Bald wurde bei ihr Tuberkulose diagnostiziert.
Lien betete unablässig, dass ihr Mann stark bleiben möge. Sie glaubte, wenn sie ihre Tortur überleben könne, werde er auch seine überstehen. Seit dem Abflug aus Saigon hatte sie nichts mehr von ihm gehört.
Als Lien jeden Morgen ihr weinendes Baby wiegte, weinte auch sie. „Bitte“, flehte sie den Herrn an, „lass mich bloß diesen einen Tag überstehen.“
1976 war Präsident The in Thành Ông Năm inhaftiert. Er wartete verzweifelt auf Nachrichten von seiner Frau und seinen Kindern, aber alles, was er über den Verbleib seiner Familie wusste, stammte aus einem Telegramm des Präsidenten der Hongkong-Mission: „Lien und Familie wohlauf. Bei Kirche.“
Jetzt, mehr als ein Jahr später, fragte sich The, wann er je wieder frei sein würde.
Das Leben im Gefangenenlager war entwürdigend. Seine Mitgefangenen und er waren in rattenverseuchten Baracken untergebracht. Sie schliefen auf Betten aus Stahlplatten. Unzureichende, verdorbene Nahrung und unhygienische Bedingungen im Lager machten die Männer anfällig für Krankheiten wie Ruhr und Beriberi.
Zur Umerziehung nach den Prinzipien der neuen Regierung gehörten auch körperliche Schwerstarbeit und politische Indoktrination. Wer gegen die Lagerregeln verstieß, musste mit brutalen Schlägen oder Einzelhaft rechnen.
The hatte bisher überlebt, indem er sich bemühte, nicht aufzufallen, und an seinem Glauben festhielt. Eine Zeit lang dachte er darüber nach, aus dem Lager zu fliehen. Doch er spürte, dass ihn der Herr zurückhielt. „Hab Geduld“, flüsterte der Heilige Geist. „Alles wird gut, gemäß der vom Herrn bestimmten Zeit.“
Einige Zeit später erfuhr The, dass seine Schwester Ba ihn im Lager besuchen dürfe. Wenn er ihr einen Brief an seine Familie zustecken könnte, würde sie ihn wohl weiterleiten.
Am Tag von Bas Besuch wartete The in der Schlange, während die Wärter eine vollständige Leibesvisitation der Gefangenen vor ihm durchführten. Er hatte die Nachricht hinter dem Stoffband an der Innenseite seines Hutes verborgen. Dann steckte er ein kleines Notizbuch und einen Stift in den Hut. Mit etwas Glück würde das Notizbuch die Wachen ablenken.
Sie begutachteten den Stift und das Notizbuch und ließen ihn dann passieren.
Bald darauf sah The seine Schwester und drückte ihr den Brief in die Hand. Er weinte, als Ba ihm etwas Essen und Geld gab. Er vertraute darauf, dass sie seinen Brief an Lien weiterleiten würde.
Sechs Monate später kehrte Ba mit einem Brief ins Lager zurück. Darin befand sich ein Foto von Lien und den Kindern. Er spürte, er konnte nicht länger warten.
Er musste einen Weg aus dem Lager und in die Arme seiner Familie finden.
Nguyen Van The und seine Frau Le My Lien mit ihrem Sohn im Jahr 1973. Lien und die drei Kinder fanden Zuflucht in den Vereinigten Staaten, doch The musste in ein Gefangenenlager. Später sagte er: „Ich konnte das ‚Umerziehungslager‘ überleben, weil … ich Glauben an Jesus Christus hatte.“
Im Rahmen des Fürsorgeauftrags für Familien hatte der Sozialdienst der Kirche bereitwillige Mitglieder in den Vereinigten Staaten damit beauftragt, sich um etwa 550 vietnamesische Flüchtlinge zu kümmern, von denen die meisten nicht der Kirche angehörten. Lien und ihre Familie wurden von Philip Flammer, einem Professor an der Brigham-Young-Universität, und seiner Frau Mildred unterstützt. Die beiden halfen der Familie, von Kalifornien nach Provo in Utah umzuziehen.
Zunächst hatte Lien Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Philip nahm sie in einen Secondhand-Laden mit, wo sie sich um eine Stelle als Hausmeisterin bewarb. Doch während des Vorstellungsgesprächs riss der Ladenleiter ihr Oberschulzeugnis mittendurch und sagte: „Das gilt hier nicht.“
Schon bald fand Lien in einer nahegelegenen Obstplantage Saisonarbeit als Kirschenpflückerin. Dann fand sie einen Job als Näherin und verdiente sich mit dem Backen von Hochzeitstorten etwas dazu. Mit Philips Hilfe verdiente sie auch Geld mit dem Tippen von Referaten für BYU-Studenten.
So schwierig die familiäre Situation auch war: Lien blieb dem Herrn treu. Sie lehrte ihre Kinder die Macht des Gebets, weil sie wusste, dass es sie durch Prüfungen hindurchtragen konnte.
Ende 1977 erfuhr Lien dann, dass sich ihr Mann in einem Flüchtlingslager in Malaysia befand. Ihm war es gelungen, Vietnam auf einem alten Fischerboot zu verlassen, nachdem er endlich aus Thành Ông Năm freigelassen worden war. Jetzt wollte er sich endlich mit seiner Familie vereinen. Doch er brauchte einen Geldgeber.
Lien arbeitete noch mehr, um das Geld zusammenzubekommen, damit The in die Vereinigten Staaten reisen konnte.
Im Januar 1978 saß Le My Lien nervös in einem Auto auf dem Weg zum internationalen Flughafen von Salt Lake City. Sie war auf dem Weg zu ihrem Mann. Zum ersten Mal seit fast drei Jahren würde sie ihn wiedersehen.
Nach ihrer Ankunft am Flughafen gesellte sich Lien zu anderen Freunden und Mitgliedern, die gekommen waren, um The zu begrüßen.
Kurz darauf entdeckte Lien The, wie er die Rolltreppe herunterkam. Er sah blass aus und blickte unsicher umher, als sei er verloren. Doch als er Lien sah, rief er nach ihr. Starke Gefühle überwältigten Lien.
Sie umarmte The fest. „Gott im Himmel sei Dank“, flüsterte sie, „endlich bist du zuhause!“