Missionarserlebnisse
Dankbares Wiedersehen nach 45 Jahren
Im Frühjahr des Jahres 1979 klopfen zwei Missionare an meine Wiener Wohnungstür. Sie sagen, sie wollen mit mir über Gott sprechen. Das ist für mich okay – und ich lasse sie zum Gespräch herein.
Sie heißen, wie sich herausstellt, Elder Alan Mitchell aus Oregon und Elder Kelvin Crezee aus Texas. Ich werde in der Folge belehrt und mit der Herausforderung konfrontiert, für mich selbst herauszufinden, ob die Botschaft der Missionare vor Gott wahr ist.
Ich nehme an – und erlange nach ernsthaftem Gebet mein erstes spirituelles Zeugnis. Drei Monate nach dem ersten Kontakt werde ich von Elder Mitchell in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage getauft und als Mitglied der damaligen Gemeinde Wien 3 bestätigt.
Beide Missionare werden bald danach versetzt. Von Bruder Crezee habe ich nie wieder etwas gehört. Mit Bruder Mitchell bleibe ich in sehr loser Verbindung.
Als er etwa zwanzig Jahre danach einmal in meiner Heimatgemeinde Graz vorbeikommt, treffen wir einander wieder und wandern gemeinsam hinauf zur stillen Martinswarte am Plabutsch. Bei dieser Bergwanderung bitte ich ihn als den ersten Überbringer der Evangeliumsbotschaft an mich erneut um eine Botschaft – diesmal für mich persönlich. Ich habe seine exakten Worte nicht in Erinnerung, aber sie bringen mir Trost und die Gewissheit, dass – in einer Zeit der Suche nach Antworten – der Himmel um mich Bescheid weiß. Ich frage Alan bei dieser Begegnung auch, ob er etwas von Elder Crezee wisse. Nein, sagt er, er habe vergeblich versucht, ihn ausfindig zu machen, und selbst nichts über seinen Verbleib in Erfahrung bringen können. Sehr schade, denke ich mir; ich befürchte, er ist als Mitglied nicht mehr aktiv tätig.
Es vergehen weitere zwanzig Jahre, bis ich erfahre, dass im Herbst 2024 eine „Missionary Reunion“ derjenigen Missionare und Missionarinnen geplant ist, die in den 80er Jahren in Graz (beziehungsweise allgemein in Österreich) gedient haben. Da läutet eines Tages im September mein Mobiltelefon und ich vernehme: „Stephan, hier spricht Kelvin Crezee …“ – Mir fehlen die Worte!
Nun, Ende September kommt es zur Wiederbegegnung mit „meinen“ beiden Ex-Missionaren. Schwer zu beschreiben, welche Gefühle sich einstellen, als die beiden am Parkplatz des Grazer Gemeindehauses aus dem Auto steigen und wir einander nach 45 Jahren wieder gegenüberstehen – und uns umarmen.
Es ist Sonntag. Nach den Versammlungen fahren wir zusammen mit einigen anderen „Veteranen“ zu mir in die Südsteiermark. Wir besichtigen dort unter anderem einen seit mehreren hundert Jahren bestehenden Weinkeller. Das Ganze hat für mich etwas von einem Märchen an sich.
Ich treffe Alan Mitchell noch einmal zwei Tage darauf. Meine beiden „Elders“ haben bemerkt, dass ich mich gerade in einer belasteten Lebenslage befinde, und bieten einen Priestertumssegen an.
Ich erhalte diesen – von jenem Bruder, dem ich meine gesamte Mitgliedschaft in der Kirche und die Gemeinschaft der Heiligen zu verdanken habe. Welch eine tender mercy meines Erretters – für mich; und für ihn.
Dann trennen wir uns, und erneut liegt ein ganzer Ozean zwischen unseren Kontinenten. Was wir drei in dieser sehr kurzen Zeit erlebt haben, geht mir nahe – und lässt mich die Weisheit, die Weitsicht, die Fürsorge und Liebe unseres himmlischen Vaters und des Sohnes Gottes für mich und für alle seine Kinder in großer Dankbarkeit erkennen und annehmen.