2025
Der König, mein Großvater
Unser Freund, November 2025


„Der König, mein Großvater“, Unser Freund, November 2025, S. 20f.

Der König, mein Großvater

Großvater erzählte Gift Geschichten von ihren Vorfahren.

Eine wahre Geschichte aus Nigeria

Ein Mädchen umarmt seinen Großvater unter einem Baum; der Mond steht am Himmel

Gift (Englisch = Geschenk) lehnte sich an den Rand des Bootes und beobachtete staunend, wie das Wasser gegen die Seiten schlug. Sie streckte die Hand hinunter zu den Wellen. Das hochspritzende Wasser kitzelte ihr die Arme. Diese Reise unternahm sie am liebsten! Sie war nämlich mit ihrer Familie auf dem Weg ins Dorf ihres Großvaters, und mit jedem Augenblick näherte sie sich einer Welt, die wilder und freier war als die Stadt, die sie gerade hinter sich gelassen hatte.

In der Stadt war Gift eine von vielen – eine von Millionen. Manchmal war das auch in Ordnung so. Sie konnte einfach sie selbst sein und niemanden kümmerte es, welche Kleidung sie trug oder was sie gerade machte. Im Dorf ihres Großvaters war das aber anders. Dort war Gift unverwechselbar. Sie war nämlich eine Prinzessin – die Enkelin eines weisen Königs.

Nach zwei Stunden legte das Boot an. Der längste Teil der Fahrt, sechs Stunden mit dem Bus, stand allerdings noch bevor. Gift würde erschöpft sein, aber sie würde auch bald ihren Großvater wiedersehen. Das war die ganze Anstrengung wert!

Der Bus holperte dahin. Gift vertrieb sich die Zeit und beobachtete die Wolken in ihren verschiedenen Formen und betrachtete die schöne Landschaft, die an ihr vorüberzog. Als die Sonne unterging, hielt der Bus schließlich an. Endlich! Großvater! Gift sprang aus dem Bus und rannte zur Hütte.

Drinnen suchte sie nach Großvater. Sie schaute in den Innenhof, wo ihre Mutter als Kind Ziegen gehalten hatte. Sie schaute in die Schlafzimmer, wo sie nachts immer die Fenster schließen musste, damit keine Mücken hereinkamen. Sie schaute auf den Hof hinter der Hütte, wo sie schon in königlichen Gewändern – bunten Schals und einer Papierkrone – am Dorfrat teilgenommen hatte.

Und dort war er tatsächlich! Gifts Großvater saß still auf einer Bank und schaute auf den Garten. Gift lächelte.

„Großvater!“, rief sie.

Großvater stand auf und breitete die Arme aus. „Mein liebes Mädchen“, flüsterte er und umarmte sie herzlich. „Setz dich zu mir und ruh dich aus.“

„Ich habe dich vermisst“, sagte Gift.

„Ich hab dich auch sehr vermisst! Ich freue mich, dass du jetzt hier bist.“ Großvater hielt einen Augenblick inne. „Weißt du eigentlich, wie besonders dieser Garten ist?“, fragte er dann.

Gift schüttelte den Kopf.

Großvater zeigte auf den Baum vor ihnen. „Das ist der Familienbaum“, erklärte er. Gift bemerkte, dass er alt und stark wirkte.

„Auf den Bodenfliesen rund um den Baum stehen die Namen unserer Vorfahren. Wir dürfen unsere Familie niemals vergessen!“

Viele der Namen auf den Fliesen kannte Gift gar nicht. Wie sollte sie jemanden nicht vergessen können, den sie gar nicht kannte? „Erzähl mir von ihnen, Großvater“, bat Gift.

Großvater las die Namen einen nach dem anderen vor und erzählte Gift Geschichten von ihren Vorfahren. Gift hatte den Eindruck, dass es bei den Geschichten in gewisser Weise auch um sie selbst ging. Sie hatte viel gemeinsam mit diesen Angehörigen, die sie nie kennengelernt hatte.

In diesem Augenblick begriff Gift etwas Wichtiges. Es waren nicht nur die Wellen und das Dorf, weswegen sie sich hier so frei fühlte. Es war die Verbindung zu ihrer Familie, die sie hier bei ihrem Großvater spürte.

Großvater erzählte ihr Geschichten, bis die Sterne am Himmelszelt zu sehen waren.

Schließlich seufzte Großvater. „Lass uns lieber reingehen.“

„Nur noch eine Minute!“, bettelte Gift.

Sie ging zum Baum und berührte sanft dessen Rinde. Dann schaute sie auf die Bodenfliesen und dachte an die Geschichte eines jeden Vorfahren. Eines Tages würde sie im Tempel die heiligen Handlungen für sie verrichten. Dank ihnen war sie nun hier auf der Erde! Sie wollte ihren Teil tun und das Geschenk erwidern, das sie ihr gegeben hatten.

Großvater streckte ihr die Hand entgegen, und Gift ergriff sie. Nach einem letzten Blick auf den Familienbaum ging Gift ins Haus, wo schon weitere Angehörige warteten und sie begrüßten.

Geschichte (PDF)

Illustration von Audrey Day