„Das letzte Fleischbällchen“, Unser Freund, November 2025, S .18f.
Das letzte Fleischbällchen
Es war so gemein! Warum musste immer Alex den Kürzeren ziehen?
Eine wahre Geschichte aus den USA
Alex stampfte die Treppe runter und seufzte laut.
Mama schaute von ihrem Buch auf. „Was ist denn los?“
„Immer bin ich der Dumme!“, rief Alex. „Es ist so blöd, das mittlere Kind zu sein.“ Seine Brüder bekamen immer, was sie wollten. Das war total gemein!
„Wenn du deine Brüder freundlich fragst, kommst du bestimmt auch an die Reihe“, entgegnete Mama.
Alex verzog das Gesicht. „Ich hab aber schon freundlich gefragt!“
„Warum stellt ihr euch denn keinen Wecker? Dann spielt jeder genau gleich lang.“
„Hab ich auch schon gemacht!“, meinte Alex. „Am besten stelle ich einfach zwei Wecker.“ Er holte die Küchenuhr und lief wieder nach oben. Sein jüngerer Bruder David saß vor dem Fernseher und spielte ein Videospiel.
„Mama sagt, dass du mich auch drankommen lassen musst!“, rief Alex. Er stellte den Wecker auf fünf Minuten. „In fünf Minuten bin ich dran.“
Als Alex und sein älterer Bruder Jake am nächsten Tag beide an die Konsole wollten, stellte sich jeder einen Wecker auf 30 Minuten. Als David und Jake mit Bauklötzen spielen wollten, zählten sie sie ab, damit jeder genau gleich viele bekam. Und als David und Alex beide den letzten Schokokeks essen wollten, teilten sie ihn vorsichtig in zwei genau gleich große Hälften. Endlich war nicht mehr alles so unfair!
Zumindest bis zum Abendessen.
Es gab nämlich Spaghetti und Hackfleischbällchen. Jake füllte sich schon eine riesige Portion Pasta auf, bevor Alex überhaupt nach dem Löffel greifen konnte.
„Unfair!“, rief Alex. „Ich hab auch Hunger!“
Papa legte ihm die Hand auf die Schulter. „Alex, es gibt doch genug für alle. Ich gebe dir jetzt genau so viel, wie Jake hat.“ Papa füllte Alex eine große Portion auf den Teller.
Sie sprachen ein Tischgebet und begannen zu essen. Alex aß den ganzen Teller auf, hatte aber immer noch Hunger. Er warf einen Blick in den Topf auf der Mitte des Tisches. Auf der übrigen Pasta lag noch genau ein Fleischbällchen. Mit dem Löffel holte er es sich auf den Teller.
„Unfair!“, rief David. „Du hast das letzte genommen!“
Jake zeigte mit der Gabel auf das Fleischbällchen. „Ich will auch etwas abhaben! Teilen wir.“
„Teilen?“, meinte Alex. „Durch drei? Aber es ist doch so klein!“
Jake und David nickten. „Aber dann ist es fair!“
Jake nahm Alex den Teller weg und teilte das Fleischbällchen vorsichtig in drei Teile. Alex beobachtete, wie das Hackfleisch dabei immer kleiner wurde.
Mama lachte. „Die sind ganz schön winzig.“
Auch Papa lachte. „Vielleicht muss nicht immer alles total fair sein“, sagte er. „Wäre es nicht besser, auch dem anderen mal etwas zu gönnen, als immer alles ganz genau aufzuteilen?“
Alex schaute auf die kleinen Hackfleischstückchen. Das war echt ein bisschen albern. War ihm dieses Fleischbällchen denn wirklich so wichtig? Vielleicht musste er echt lernen, seinen Brüdern auch etwas zu gönnen.
Als Jake und Alex am nächsten Tag beide mit Bauklötzen spielen wollten, bauten sie etwas gemeinsam. Als David und Jake draußen waren, ließ Alex sie abwechselnd mit seinem Fahrrad fahren. Als alle drei an die Konsole wollten, stellte Alex keinen Wecker. Einander etwas zu gönnen, gemeinsam zu spielen und freundlich zu sein – das war ein schöneres Gefühl, als wenn alles ganz genau aufgeteilt war.
Beim Abendessen wollten Jake und Alex beide das letzte Brötchen essen. „Du kannst es haben“, beschloss Alex.
„Danke!“ Jake zwinkerte ihm zu. „Aber wir könnten es ja auch durch drei teilen!“
David und Alex lachten. „Sicher nicht!“
Illustration von Alyssa Petersen