Weihnachtsandachten
An Weihnachten bin ich daheim


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An Weihnachten bin ich daheim

Weihnachtsandacht der Ersten Präsidentschaft 2025

Sonntag, 7. Dezember 2025

Vor vielen Jahren – mittlerweile vor sehr vielen Jahren – wurde ich zum ersten Mal Vater und wollte meiner lieben Frau bei den Vorbereitungen auf die Geburt unseres ersten Kindes, eines Sohnes, helfen. Ich war so nervös, dass ich kaum wusste, wo mir der Kopf stand. Pat meinte einmal: Als sich die Anzeichen für die anstehende Geburt endlich mehrten, schnappte ich mir das Kissen, auf dem ich geschlafen hatte, und ging zur Tür – aber ohne sie und auch ohne Hemd und Hose, die ich statt meines Schlafanzugs besser hätte anziehen sollen.

Vielleicht war es ihre anziehende Persönlichkeit, die mich davon abhielt, zur Tür zu gelangen. Und wer weiß? Vielleicht sorgte auch die liebevolle Geborgenheit, die sie ausstrahlte, dafür, dass das Baby noch ein paar Stunden länger in seinem warmen, gemütlichen Zuhause blieb.

Auf jeden Fall ist Weihnachten die Zeit im Jahr, in der wir am liebsten zuhause sind. Zu den beliebtesten Weihnachtsliedern zählt „I‘ll Be Home for Christmas“ – „An Weihnachten bin ich daheim“. Und wenn wir nicht daheim sein können, schnürt uns dies ein wenig die Kehle zu, selbst wenn wir schon erwachsen und dem Spielzeug und Lametta aus Kindertagen längst entwachsen sind.

Derzeit, so sollte uns bewusst sein, gibt es fast 85.000 Missionare, die irgendwo auf der Welt tätig sind, zumeist fern ihrer Heimat.

Die meisten Studenten, die nicht mehr zuhause wohnen, treffen Vorkehrungen, um an Weihnachten bei ihrer Familie zu sein, doch einige schaffen es nicht, weil sie sich die Reise möglicherweise nicht leisten können.

Es gibt so viele tragische Kriege auf der ganzen Welt, dass man kaum abschätzen kann, wie viele Soldaten dieses Jahr zu Weihnachten nicht daheim sein werden, aber es werden Hunderttausende sein.

Jesus, Maria und Josef wussten, wie es war, in dieser besonderen Nacht allein und fern von daheim zu sein. Auch zweitausend Jahre später noch singen wir darüber: „Seine Wiege war die Krippe, wie sein Leben karg und schlicht[,] doch die Welt erkanntʼ ihn nicht. Allen, die bedrängt er sah, war der Heiland helfend nah.“

Nur wenige Jahre später war jenes Kind wieder ganz auf sich gestellt. Der Herr erklärte, er „habe die Weinkelter allein getreten … und niemand war bei [ihm]“. In den Tiefen seines Leidens bemächtigte sich seiner die Angst, dass er völlig verlassen worden war, ja, sogar von seinem Vater im Himmel. Aber wozu all das diente, wurde später offenbar, und so ist die Weihnachtsnacht nun eine Nacht voller Freude und Verheißungen, eine Nacht der Engel, der Sterne und der Errettung, eine Nacht, in der man mit seinen Lieben zusammen ist, so es denn möglich ist.

Darf ich Sie auffordern, in dieser Weihnachtszeit – und sei es auch nur für einen Augenblick – eine Familie zu sein für jemanden, der sonst allein wäre? Einsamkeit ist etwas äußerst Schmerzliches. Ich weiß, dass viele einsamer waren als ich – aber für mich waren die letzten drei Weihnachtsfeste doch sehr schmerzlich. Mir fehlte das Zusammensein mit jener vollkommenen Mutter, von der ich eingangs sprach.

In dieser Zeit ist für mich jedoch auch etwas Erlösendes geschehen. Es war eine Zeit, um mehr nachzusinnen, mehr Demut an den Tag zu legen, mehr Dankbarkeit zu zeigen. Vielleicht können wir dieses Jahr zu Weihnachten jemandem, der gerade noch allein ist, auf eine Weise ein Segen sein, dass er für einen Moment oder bei einer Mahlzeit oder an einem Nachmittag das Gefühl hat, er habe es geschafft, Weihnachten daheim zu sein.

Ich war einige Male zu Weihnachten nicht daheim. Das erste Mal war es wohl, wie bei Präsident Farnes, während des manchmal einsamen, aber doch immer lohnenden Dienstes als Vollzeitmissionar.

Dazu hier ein paar innige Gedanken eines anderen Missionars, der auf sehr reife Art und Weise über diese Sehnsucht schreibt. Es ist der Brief, von dem wir uns alle wünschen, wir hätten ihn mehr als einmal geschrieben.

„Lieber Papa, dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Weihnachten nicht zuhause verbringe. Ich sitze vor einem Feuer in einer Pension … und schaue dabei zu, wie die Flammen den Kamin hochsteigen. Dabei steigen auch Erinnerungen an andere Weihnachtstage hoch. Ich denke an den Weihnachtsmorgen, an dem wir im Schlafanzug die Treppe hinuntereilten. Und danach rannten wir ganz begeistert die Treppe wieder hinauf, um euch all unsere Geschenke zu zeigen – Äpfel, Orangen und selbstgemachte Süßigkeiten. Du und Mutter schient aus irgendeinem Grund noch sehr müde zu sein, aber ihr habt mit uns gespielt und uns mit einem Kuss ins Bett zurückgeschickt, ehe der Tag dann anbrach. Tagsüber hast du uns auf dem neuen Schlitten, den wir vorher noch gar nicht entdeckt hatten, die Straße rauf und runter gezogen, und wir wussten, dass du der Größte und Stärkste auf der ganzen Welt bist. … Gestern Abend habe ich die riesige Freude vermisst, dass nun der Weihnachtsmann kommt. Auch heute Morgen kam er nicht. Ich vermisse dich, Papa. Doch durch die noch ungewohnte Entfernung zwischen uns beginne ich, in deinem Leben den wahren Geist der Weihnacht zu erkennen. … Gott segne dich, Papa, und er erhalte dich mir für immer im Herzen. Alles Liebe, Gordon“ – nämlich unser Gordon Bitner Hinckley.

Frohe Weihnachten von unserem Vater im Himmel, der nie müde wird und uns nie im Stich lässt, und von seinem einziggezeugten Sohn, seinem Kind – diesem Kind, unserem Bruder –, der aufwuchs, um unsere Krankheit zu tragen, unsere Schmerzen auf sich zu laden und wegen unserer Sünden zermalmt zu werden. Wir danken unserem Vater im Himmel für den verheißenen Messias, dem allergrößten Geschenk zu Weihnachten. In seinem Namen, ja, im Namen Jesu Christi. Amen.

Anmerkungen

  1. „Once in Royal Davidʼs City“, Hymns, Nr. 205

  2. Lehre und Bündnisse 133:50

  3. Gordon B. Hinckley an Bryant S. Hinckley, 25. Dezember 1933, zitiert in: Sheri L. Dew, Go Forward with Faith: The Biography of Gordon B. Hinckley, Deseret Book, Salt Lake City 1996, S. 76

  4. Siehe Jesaja 53:4,5