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Vertiefende Gedanken: Lyrik im Alten Testament


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Vertiefende Gedanken

Lyrik im Alten Testament

Von Genesis bis Ester finden sich im Alten Testament vor allem Geschichten, also Berichte, in denen geschichtliche Ereignisse aus einer geistigen Perspektive geschildert werden. Noach baut die Arche, Mose befreit Israel, Hanna betet um einen Sohn und so weiter. Ab dem Buch Ijob findet sich nun ein anderer Stil. In diesen Büchern vermitteln die Verfasser tief empfundene Gefühle oder epochale Prophezeiungen einprägsam in dichterischer Sprache.

Einige Beispiele für Lyrik finden sich auch in den Geschichtsbüchern des Alten Testaments, doch ab dem Buch Ijob herrscht dieses Genre vermehrt vor. Die Bücher Ijob, Psalmen und Sprichwörter sind fast durchgehend in Gedichtform verfasst, und auch die Prophetenbücher wie Jesaja, Jeremia und Amos enthalten viele lyrische Elemente. Weil Lyrik anders gelesen werden muss als etwa eine Geschichte, bedarf es zum Verständnis des Gelesenen oftmals einer anderen Herangehensweise. Hier sind einige Gedanken, die Ihnen helfen können, der Lyrik im Alten Testament mehr Bedeutung zu entnehmen.

Grundsätzliches zur hebräischen Dichtkunst

Zunächst ist es hilfreich, zu wissen, dass die hebräische Lyrik im Alten Testament nicht, wie wir das sonst von Gedichten oft kennen, in Reimform gehalten ist. Und obwohl Rhythmus, Wortspiele und sich wiederholende Klänge in der hebräischen Dichtkunst häufig dazugehören, geht so etwas im Zuge der Übersetzung meistens verloren. Ein Element wird Ihnen allerdings auffallen, und das ist die Wiederholung von Gedanken und Konzepten. Dieses Stilmittel wird manchmal „Parallelismus“ genannt. Hier ein einfaches Beispiel von Jesaja:

Bekleide dich mit deiner Macht, Zion!

Bekleide dich mit deinen Prunkgewändern, Jerusalem[!] (Jesaja 52:1)

In Psalm 29 gibt es viele parallele Zeilen, zum Beispiel:

Die Stimme des Herrn voller Kraft,

die Stimme des Herrn voll Majestät. (Psalm 29:4)

Im folgenden Beispiel ist die Schriftstelle leichter zu verstehen, wenn man weiß, dass die zweite Zeile eine Parallele zur ersten darstellt:

Ich ließ euch hungern in all euren Städten,

ich gab euch kein Brot mehr in all euren Orten. (Amos 4:6)

In diesen Beispielen bringt der Dichter einen Gedanken in etwas abgewandelter Form ein zweites Mal zum Ausdruck. Auf diese Weise ist es möglich, den wiederholten Gedanken zu betonen und durch die Unterschiede umfassender zu beschreiben und herauszuarbeiten.

Bei einer anderen Art wird durch die beiden einander ähnlichen Parallelformulierungen ein Gegensatz herausgestrichen, beispielsweise:

Eine sanfte Antwort dämpft die Erregung,

eine kränkende Rede reizt zum Zorn. (Sprichwörter 15:1)

Diese Art von Parallelismus entstand nicht einfach zufällig. Der Dichter verwendete ihn bewusst. Dadurch konnte er geistige Empfindungen oder Wahrheiten sowohl kraftvoll als auch in schöner Form zum Ausdruck bringen. Wenn Sie im Alten Testament also auf einen Parallelismus stoßen, dann sollten Sie sich fragen, inwiefern dieses Stilmittel die Botschaft des Verfassers klarer heraustreten lässt. Was will Jesaja vielleicht damit sagen, dass er „Macht“ mit „Prunkgewändern“ [in der King-James-Bibel: „beautiful garments“] gleichsetzt und „Zion“ mit „Jerusalem“? (Jesaja 52:1.) Wie lässt sich der Ausdruck „sanfte Antwort“ deuten, wenn „kränkende Rede“ als Gegenteil davon bezeichnet wird? (Sprichwörter 15:1.)

Ein Verfasser des Alten Testaments mit Feder und Schriftrolle

Meine Lebenskraft bringt er zurück, Darstellung von Walter Rane

Hebräische Lyrik ist wie eine neue Freundschaft

Man kann sich Lyrik so vorstellen, als würde man jemanden Neuen kennenlernen. Wenn man Lyrik im Alten Testament liest, ist es so, als treffe man jemanden aus einem fernen Land und einer fremden Kultur, der eine andere Sprache spricht als wir – und der nebenbei auch noch über zweitausend Jahre alt ist. Wir verstehen wahrscheinlich erst einmal nicht, was dieser Mensch sagt, aber das bedeutet nicht, dass das, was er zu sagen hat, keinen Wert für uns hat. Wir müssen einfach Zeit mit diesem Menschen verbringen und versuchen, das eine oder andere von seinem Standpunkt aus zu betrachten. Vielleicht merken wir ja sogar, dass wir eigentlich auf derselben Wellenlänge sind. Und mit etwas Geduld und Einfühlungsvermögen kann unser neuer Bekannter allmählich ein lieber Freund werden.

Wenn Sie also eine Textstelle aus dem Buch Jesaja lesen, dann betrachten Sie das so, als ob Sie jemandem Neuen vorgestellt worden seien. Fragen Sie sich: „Was ist mein Eindruck im Allgemeinen?“ Was bewirkt die Textstelle in Ihnen – selbst wenn Sie nicht jedes Wort verstehen? Dann lesen Sie sie nochmals – möglichst sogar mehrmals. Vielleicht lesen Sie die Schriftstelle laut vor – manch einer findet auf diese Weise eine zusätzliche Bedeutung. Schenken Sie bestimmten Wörtern, die Jesaja verwendet hat, Beachtung, und dabei besonders denen, die Sie sich gleich bildhaft vorstellen. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie dieses Bild vor Augen haben? Was sagt es über Jesajas Gefühle aus? Je mehr Sie sich in die Lyrik der Verfasser im Alten Testament vertiefen, desto mehr fällt Ihnen auf, dass Wortwahl und Stilmittel bewusst gewählt wurden, um eine tiefgründige geistige Botschaft zu übermitteln.

Zwei Frauen lesen in den heiligen Schriften

Gedichte können zu wunderbaren Freunden werden, weil sie uns in die Lage versetzen, Gefühle und Erlebnisse einzuordnen. Die Gedichte aus dem Alten Testament sind hierbei besonders wertvoll, weil sie uns unsere wichtigsten Gefühle und Erlebnisse verdeutlichen, nämlich die, die mit unserer Beziehung zu Gott zu tun haben.

Bedenken Sie immer, wenn Sie sich mit der Dichtkunst des Alten Testaments befassen, dass das Schriftstudium dann von höchstem Wert ist, wenn es uns zu Jesus Christus hinführt. Suchen Sie nach Symbolen, Bildern und Wahrheiten, die Sie im Glauben an ihn bestärken. Achten Sie beim Lesen auf Inspiration durch den Heiligen Geist.

Die Bücher der Lehrweisheit

Die sogenannten „Bücher der Lehrweisheit“ machen einen großen Teil der Dichtkunst im Alten Testament aus. Zu diesen Büchern zählen beispielsweise Ijob, Sprichwörter und Kohelet. In den Psalmen werden Emotionen wie Lobpreis, Kummer und Gottesverehrung zum Ausdruck gebracht. In den Büchern der Lehrweisheit werden tiefgründige philosophische Fragen erörtert wie auch zeitlose, allgemeingültige Ratschläge gegeben. Im Buch Ijob etwa wird die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes und dem Sinn hinter dem Leiden gestellt. In den Sprichwörtern sind Ratschläge für ein gutes Leben enthalten, darunter auch Lebensweisheiten, die über Generationen weitergegeben wurden. Und im Buch Kohelet wird die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Wo findet man den wahren Lebenszweck, wenn doch alles so veränderlich und dem Zufall unterworfen scheint? Betrachten Sie die Bücher der Lehrweisheit als tiefgründiges Gespräch mit einem inspirierten Mentor, der einige seiner Betrachtungen in Bezug auf Gott und die von ihm erschaffene Welt an Sie weitergeben möchte und Ihnen diese Gedanken vielleicht ein wenig näherbringen kann.