„Präsident Russell M. Nelson: Prophet und Apostel“, Liahona, November 2025
Zum Gedenken
Präsident Russell M. Nelson: Prophet und Apostel
„Ich bezeuge, dass Gott unser Vater ist. Jesus ist der Messias. Seine Kirche wurde auf der Erde wiederhergestellt. Seine Wahrheit, seine Bündnisse und seine Verordnungen befähigen uns, Angst zu überwinden und der Zukunft mit Glauben zu begegnen!“
Im Jahr 1979 besuchte Dr. Russell M. Nelson, Facharzt für Thoraxchirurgie und Präsident der Sonntagsschule der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, eine Versammlung, bei der Präsident Spencer W. Kimball (1895–1985) die Anwesenden aufrief, mehr zu tun, um das Evangelium in alle Länder zu tragen, vor allem auch nach China. „Wir sollten ihre Sprache lernen. Wir sollten für sie beten und ihnen helfen“, forderte Präsident Kimball die Anwesenden auf.
Dr. Nelson nahm die Aufforderung an. Bald schon lernten er und seine Frau Dantzel Mandarin. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, mehr zu tun, wollte er bereit sein.
Noch im gleichen Jahr ergab sich eine Gelegenheit. Bei einem Ärztekongress lernte Dr. Nelson einen bekannten chinesischen Chirurgen kennen. Dank seiner Mandarinkenntnisse konnte Dr. Nelson mit ihm ein Gespräch auf Chinesisch beginnen. Die beiden Männer verstanden sich gut, und Dr. Nelson lud den chinesischen Arzt zu einem Besuch in Utah ein. Seinerseits wurde Dr. Nelson eingeladen, als Honorarprofessor für Chirurgie nach China zu kommen.
Im Laufe der Zeit reiste Dr. Nelson oft nach China. Er wurde sogar gebeten, eine berühmte chinesische Opernsängerin zu operieren. Die Menschen, denen er begegnete, achteten ihn nicht nur wegen seiner medizinischen Fachkenntnis. Sie wussten auch zu schätzen, dass er sich in ihrer eigenen Sprache mit ihnen unterhielt. Die Beziehungen, die er mit vielen Chinesen aufbaute, trugen viel dazu bei, zwischen der Kirche und der chinesischen Regierung ein gutes Verhältnis herzustellen. All dies war möglich, weil er der Aufforderung des Propheten gefolgt war.
Später erklärte Präsident Nelson einmal im Rückblick auf Präsident Kimballs Aufruf: „Ich habe ihn nicht sagen hören: ‚Alle außer Bruder Nelson sollen das tun.‘ Also glaubte ich ihm. Ich machte mich daran, Mandarin zu lernen, und Dantzel schloss sich mir an.“ Er vertraute auf die Worte des Propheten und ging zuversichtlich ans Werk.
Die Bereitschaft, gehorsam zu sein, war ein Wesensmerkmal, das sich durch Präsident Nelsons Leben zog. Er wusste, dass es Segnungen mit sich bringt – und zwar jedes Mal –, wenn man göttlicher Weisung folgt, auch wenn man die Segnungen vielleicht jahrelang nicht sieht.
Der junge Russell Nelson (vorn in der Mitte) mit seinen Eltern und Geschwistern
Glaube bereits in jungen Jahren
Russell Marion Nelson wurde am 9. September 1924 als Sohn von Marion C. Nelson und Edna, geb. Anderson, geboren. Über seine Eltern sagte er: „Sie sorgten dafür, dass Liebe der vorherrschende Einfluss in unserer Familie war. … Wir lasen, sangen, spielten und arbeiteten miteinander.“
Bei Familie Nelson ging es fröhlich und liebevoll zu und man unterstützte einander. Marion und Edna Nelson legten großen Wert auf Bildung. Präsident Nelson erzählte: „Sie waren bereit, jegliches Opfer zu bringen, damit wir Kinder das erreichen konnten, was wir aus uns machen wollten. … Ohne ihren Ansporn, ohne ihre felsenfeste Überzeugung, dass Bildung und der Dienst am Mitmenschen ein wertvolles Gut sind, wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“
Russells Eltern unterstützten ihn in seinem aktiven Kirchenleben, waren selbst aber im kommunalen Leben aktiver als in der Kirche. Der junge Russell machte sich Sorgen, seine Familie werde vielleicht nie aneinander gesiegelt. Er vertraute aber darauf, dass der Herr seine Gebete für seine Familie erhören werde. Und nach vielen Jahren wurden sie auch erhört. Am 26. März 1977 wurden Marion und Edna Nelson und ihre Kinder im Provo-Utah-Tempel aneinander gesiegelt. Präsident Nelson sagte, dies sei das größte Geschenk gewesen, das seine Eltern ihren Kindern jemals gemacht hätten.
Frühe Vorbereitungen
Russell M. Nelson entschied sich schon sehr früh dafür, Medizin zu studieren. Er wollte das Unbekannte erforschen, und er wollte seinen Mitmenschen helfen. Im Rückblick auf diese Entscheidung erklärte er: „Der schönste Beruf, den ein Mensch ergreifen kann, war für mich der einer Mutter. … Der zweitschönste war der eines Mediziners. Da konnte ich jeden Tag Menschen helfen und sie anleiten.“
Nach dem Highschool-Abschluss 1941 begann Russell M. Nelson daher ein vormedizinisches Studium an der University of Utah. Wegen der Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg zwängte er das vierjährige Studium in drei Jahre. Obwohl ihn das Studium sehr beanspruchte, nahm er sich Zeit, bei Theateraufführungen und sonstigen gesellschaftlichen Veranstaltungen mitzuwirken. Bei einer Aufführung lernte er die junge Frau kennen, die später die Seine wurde. Als er Dantzel White bei einer Probe zum ersten Mal sah, fragte er: „Wer ist denn das schöne Mädchen, das da oben auf der Bühne singt?“
Russell M. Nelson und seine spätere Frau Dantzel an der University of Utah, 1942
Russell und Dantzel heirateten am 31. August 1945 im Salt-Lake-Tempel. „Es ist zweifellos das Allerwichtigste, was ich jemals getan habe“, sagte er 1982. „Sie hat mir zur Seite gestanden, hat uns zehn wundervolle Kinder geschenkt und mich als meine Ehefrau auf wunderbare, unbegreifliche Weise darin unterstützt, nach Erfüllung und Selbstlosigkeit zu streben.“
Als er im Juni 1945 seinen Bachelor-Abschluss erhielt, hatte er schon fast das erste Jahr seines eigentlichen Medizinstudiums hinter sich. Er absolvierte auch dieses vierjährige Studium in nur drei Jahren. Im August 1947 schloss er mit 22 Jahren sein Medizinstudium mit höchster Auszeichnung ab.
Russell M. Nelson schloss im August 1947 an der University of Utah sein Medizinstudium ab
Gehorsam gegenüber Gottes Gesetzen
Nachdem Dr. Nelson sein Studium abgeschlossen hatte, zog er mit seiner Frau nach Minnesota. Dort schloss er sich einem Forscherteam an, das eine Herz-Lungen-Maschine entwickelte. Das Team entwarf und baute jedes einzelne Teil selbst.
Bei seiner Forschungsarbeit wurde Dr. Nelson von dem Wissen beflügelt, dass Gehorsam gegenüber den Gesetzen Gottes entscheidend ist. Er wusste, dass „allen Reichen … ein Gesetz gegeben [ist]“ (Lehre und Bündnisse 88:36), und dazu gehörte „auch der Segen, dass es den Herzschlag gibt“. Wenn sein Forschungsteam diese Gesetze verstand, konnte man sie zum Nutzen Kranker anwenden.
„Meiner Meinung nach bedeutete dies, dass wir bei unserer wissenschaftlichen Forschung herausfinden konnten, welche Gesetze dem Herzschlag zugrunde liegen, wenn wir bloß fleißig arbeiteten, forschten und die richtigen Fragen stellten. Heute kennen wir einige dieser Gesetze und wissen, dass man den Herzschlag anhalten, feinste Reparaturen an beschädigten Klappen oder Gefäßen vornehmen und dann das Herz wieder zum Schlagen bringen kann.“
Pionier und Führungskraft
Nach seiner Arbeit an der Herz-Lungen-Maschine setzte Dr. Nelson seine Forschungen zur Frage fort, wie sich Operationen am offenen Herzen noch weiter verbessern ließen. 1955 führte er in Utah die erste erfolgreiche Operation am offenen Herzen unter Verwendung einer Herz-Lungen-Maschine durch.
Trotz dieses Erfolgs waren Operationen am offenen Herzen nach wie vor Neuland. Dr. Nelson hörte von einer Familie, deren erstgeborener Sohn an einem angeborenen Herzfehler gestorben war. Nun hatte eine Tochter das gleiche Leiden. Ihr Zustand war ernst, doch er versprach, nichts unversucht zu lassen, um ihr zu helfen. Leider starb das Kind nach der Operation. Später brachte die gleiche Familie eine weitere Tochter zu ihm, die auch mit einem Herzfehler zur Welt gekommen war. Wieder operierte er, aber auch dieses Kind starb. Dr. Nelson war zutiefst erschüttert. Er schwor sich, nie wieder einen Menschen am Herzen zu operieren.
Seine Frau teilte seinen Schmerz, doch klugerweise erklärte sie ihm, wenn er jetzt aufgebe, müssten andere erst mühsam das erlernen, was er schon wisse. „Ist es nicht besser, es weiterhin zu versuchen, als jetzt aufzugeben? Sonst müssen doch andere den gleichen Kummer durchmachen, um das zu lernen, was du bereits weißt!“
Daraufhin kehrte Dr. Nelson ins Labor und an den OP-Tisch zurück und arbeitete fleißiger denn je. Schließlich wurde er einer der besten Herzchirurgen der Vereinigten Staaten. Allein im Jahr 1983 – dem Jahr vor seiner Berufung zum Apostel – führte er 360 Operationen durch.
Dr. Nelson widmete seine Talente der Forschung, der Lehrtätigkeit und der Chirurgie. Er bekleidete auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene viele einflussreiche Positionen. So war er etwa bei den Dachverbänden „American Board of Surgery“ und „American Board of Thoracic Surgery“ approbiert und war dann selbst sechs Jahre lang im Vorstand letzteren Verbands tätig. Dr. Nelson war zudem Vorsitzender des Verbands der leitenden Ärzte für Thoraxchirurgie, der Gesellschaft für Gefäßchirurgie und der Ärztekammer von Utah. Außerdem war er Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Dachverbands für Thoraxchirurgie.
Am LDS Hospital war er Vorsitzender der Abteilung Thoraxchirurgie und stellvertretender Vorsitzender des Direktoriums. Er erhielt viele Auszeichnungen. Unter anderem wurde er von der Amerikanischen Herzgesellschaft für seinen Einsatz in aller Welt geehrt und erhielt von der American Academy of Achievement die Auszeichnung „Golden Plate Award“. Von drei Universitäten in der Volksrepublik China wurde ihm zudem eine Honorarprofessur verliehen.
Familie Nelson im Jahr 1982
Ein liebevolles Zuhause
Mit den Jahren vergrößerte sich die Familie. Das Ehepaar Nelson bekam neun Töchter und einen Sohn. Wegen seines vollen Terminkalenders und seiner vielen Aufgaben konnte Russell M. Nelson nicht immer zuhause bei seiner Familie sein. Seine Frau Dantzel sagte jedoch über ihn: „Wenn er zuhause ist, ist er zuhause!“ Seine Liebe zu seiner Familie stand für die Seinen zweifelsfrei fest.
Im Hause der Nelsons wurde musiziert und gelacht und man half einander. Sie achteten auf das gemeinsame Schriftstudium und den Familienabend. Sie machten Ausflüge und besuchten gemeinsam Sportveranstaltungen.
Russell und Dantzel Nelson erzogen ihre Kinder mit viel Liebe und Geduld. Nur ganz selten kam es vor, dass Russell Nelson seinen Töchtern die Treppe hinunter zurief: „Mädels, könntet ihr vielleicht ein bisschen leiser sein? Es gibt Menschen, deren Leben davon abhängt, dass euer Vater heute Nacht gut schlafen kann!“
Da er häufig zu Ärztekongressen reiste, nahm er normalerweise mindestens ein Kind mit, damit er allen seinen Kindern nahe blieb. Ein Führer der Kirche hatte ihm einmal gesagt, dies sei „eine kluge Investition“. Präsident Nelson erklärte: „Mein Leben lang habe ich vielerlei Titel getragen – darunter Doktor, Hauptmann, Professor und Elder. Die Titel, die mir jedoch am meisten am Herzen liegen, lauten Ehemann, Vater und Großvater.“
Als die Familie immer größer wurde und die Kinder aus dem Haus zogen, fanden sie dennoch Möglichkeiten, einander nahe zu bleiben. Sie riefen die Nelson News ins Leben, eine monatliche Zeitung mit einem Artikel von jedem Familienmitglied und einem Kalender mit wichtigen Familienereignissen. Jeden Monat trafen sie sich zu einer Familienfeier, um alle Geburtstage und Jahrestage des Monats zu feiern. Wer nicht dabei sein konnte, wusste stets, dass man an ihn dachte.
Der Glaube, dem Herrn zu dienen
Auch wenn Dr. Nelson als angesehener Chirurg sehr eingespannt war, kamen bei ihm die Familie und der Dienst in der Kirche an erster Stelle. Ehe er als Apostel berufen wurde, war er Pfahlpräsident, Regionalrepräsentant und Präsident der Sonntagsschule der Kirche.
Präsident Harold B. Lee (links) und Präsident N. Eldon Tanner (rechts) von der Ersten Präsidentschaft mit der neuen Präsidentschaft der Sonntagsschule – Präsident Russell M. Nelson (Mitte) mit seinen Ratgebern Joseph B. Wirthlin und Richard L. Warner, alle samt ihrer Familie
Als Elder Spencer W. Kimball (1895–1985) Dr. Nelson 1964 zum Pfahlpräsidenten berief und einsetzte, sagte er augenzwinkernd: „Alle, die ich hier interviewt habe, sagen, Sie seien sicher eine gute Wahl, hätten aber nicht die Zeit dazu. Haben Sie denn die Zeit dazu?“
„Das weiß ich nicht“, erwiderte Russell Nelson, „aber ich habe den Glauben dazu!“
Er vertraute Elder Kimball an, dass er vor allem bei Operationen zum Austausch der Aortenklappe unter großem Druck stehe. Die Sterbeziffer war bei dieser Operation hoch, und jeder Patient musste über Stunden oder sogar Tage hinweg intensiv betreut werden.
„In dem Segen, den er mir an jenem Tag gab“, erzählte Präsident Nelson, „segnete er mich ausdrücklich damit, dass die Sterbeziffer bei Operationen an der Aortenklappe zurückgehen werde und dass das ganze Prozedere nicht mehr so viel meiner Zeit und Energie aufzehren werde wie bisher. Im folgenden Jahr nahm der Zeitaufwand bei dieser Operation tatsächlich ab, und ich hatte Zeit für diese und andere Berufungen. Die Sterbeziffer sank sogar auf den heute noch bestehenden Stand – sie ist sehr gering und liegt in einem akzeptablen, vertretbaren Bereich. Interessanterweise führte ich acht Jahre später genau diese Operation an Präsident Kimball durch.“
Das Herz eines Propheten
In seiner Zeit als Amtierender Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel litt Präsident Kimball an einer schweren Herzerkrankung. Er wusste, dass er daran sterben konnte. 1972 trafen Präsident Kimball und die Erste Präsidentschaft mit Dr. Nelson zusammen, um seinen medizinischen Rat einzuholen. Wegen Präsident Kimballs hohem Alter konnte Dr. Nelson die in diesem Fall notwendige Operation nicht befürworten.
Präsident Kimball stimmte ihm zu und sagte: „Ich bin ein alter Mann und bin bereit zu sterben.“
Da stand Präsident Harold B. Lee (1899–1973) auf, klopfte auf den Tisch und sagte: „Spencer, du bist berufen worden! Du wirst nicht sterben! Du musst alles Nötige tun, um für dich zu sorgen und weiterzuleben.“ Daraufhin beschloss Präsident Kimball, sich operieren zu lassen.
Vor dem Eingriff gab die Erste Präsidentschaft Dr. Nelson einen Segen. Darin wurde ihm versichert, die Operation werde gut verlaufen und er brauche seine Unzulänglichkeiten nicht zu fürchten, denn er sei „vom Herrn dazu erweckt und vorbereitet worden, diese Operation durchzuführen“.
Die Operation verlief problemlos, und Dr. Nelson wusste, dass er diesen Erfolg dem Herrn zu verdanken hatte. Kurz vor Ende der Operation empfing er die machtvolle Eingebung, dass der Mann, den er gerade operiert hatte, eines Tages Präsident der Kirche werden sollte.
Als Präsident Kimball 1973 zum neuen Präsidenten der Kirche ordiniert wurde, schrieb ihm Dr. Nelson einen Brief und versicherte ihm als sein Chirurg, dass sein Gesundheitszustand ihn in seiner neuen Berufung nicht beeinträchtigen werde. Dies war nur eine von vielen Gelegenheiten, bei denen er Angehörigen des Kollegiums der Zwölf Apostel mit seinem ärztlichen Fachwissen beistehen konnte.
Elder Russell M. Nelson begrüßt Präsident Spencer W. Kimball; rechts im Bild ist Präsident Gordon B. Hinckley
Eine neue Berufung
Als ihn Präsident Spencer W. Kimball am 7. April 1984 ins Kollegium der Zwölf Apostel berief, wurde aus Dr. Nelson Elder Nelson. Seine Berufung war für seine Familie zunächst ein solcher Schock, dass bei einer seiner Töchter, die damals gerade schwanger war, die Wehen einsetzten. Elder Nelson wertete die Bekanntgabe der Berufung als „Hilfestellung“ bei der Geburt des 22. Enkelkindes.
Ungeachtet seiner umfassenden Ausbildung und Erfahrung als Arzt wusste Elder Nelson, dass die größte Macht von Gott kommt und dass man kein größeres Werk verrichten kann, als ihm zu dienen.
„Ein Mensch kann von sich aus sehr wenig tun, um einen kranken oder geschundenen Körper zu heilen“, sagte Elder Nelson. „Mit einer Ausbildung vermag er ein wenig mehr; mit fortgeschrittener medizinischer Spezialisierung vermag er noch ein wenig mehr. Die wahre Macht des Heilens ist jedoch eine Gabe von Gott.“
Kurz nachdem Elder Nelson zum Apostel berufen worden war, wurde auf einem Ärztekongress erzählt, Dr. Nelson werde nicht mehr als Herzchirurg arbeiten, „weil ihn seine Kirche zum ‚Heiligen‘ gemacht“ habe.
Zu dieser Geschichte erklärte Elder Nelson: „Manche halten den Begriff Heiliger irrtümlich für eine Art Seligsprechung oder den Ausdruck der Vollkommenheit. Das stimmt nicht! Ein Heiliger ist jemand, der an Christus glaubt und um dessen vollkommene Liebe weiß. … Ein Heiliger dient anderen und weiß: Je mehr er dient, desto besser kann der Geist heiligen und reinigen.“
Nachdem Elder Nelson 31 Jahre lang Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel gewesen war, wurde er im Juli 2015 nach dem Tod von Präsident Boyd K. Packer als Präsident des Kollegiums eingesetzt.
Das Leben ist nicht leicht
In einer Konferenzansprache sagte Präsident Nelson einmal, es sei „gar nicht vorgesehen, dass das Leben leicht ist. … Nur diejenigen gehen als Sieger hervor, die den Glauben aufbringen, sich nicht vom Weg, nämlich dem engen und schmalen Pfad, abbringen zu lassen.“
Präsident Nelson hat ganz gewiss seinen Anteil an Herausforderungen bewältigen müssen. 1991 wurde bei seiner Tochter Emily Krebs festgestellt. Bald darauf wurde bei seiner Frau ein Lymphom diagnostiziert. Dantzel erholte sich nach einiger Zeit, doch Emily verstarb nach einem langen Kampf gegen den Krebs.
2005 verstarb Dantzel plötzlich und völlig unerwartet. Bei der Generalkonferenz, die einige Wochen später stattfand, sagte Präsident Nelson: „Dantzel war nicht nur eine geliebte und liebevolle Gefährtin. Sie war eine Lehrerin. Durch ihr gutes Beispiel lehrte sie Glauben, Tugend, Gehorsam und Barmherzigkeit. Sie hat mich gelehrt, wie man zuhört und liebt. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich all die Segnungen, die ein Ehemann, Vater und Großvater erfahren kann, kenne.“
Anfang 2019 kam es zu einem weiteren traurigen Ereignis, als auch eine zweite Tochter, Wendy, den Kampf gegen den Krebs verlor. „Unsere Tränen der Trauer werden sich in Tränen der Vorfreude verwandeln, wenn wir uns einen ewigen Blickwinkel aneignen“, sagte Präsident Nelson bei ihrer Beerdigung.
Geistliches Wirken und Reisen
Präsident Nelson gab häufig Zeugnis dafür, wie gut sich die ihm vertrauten Wissensgebiete mit der Schöpfung und dem Plan Gottes, den er bekräftigte, zusammenfügen. Einmal sprach er über die Wunder des menschlichen Körpers und sagte: „Manche [meinen] fälschlicherweise, diese wundersamen körperlichen Eigenschaften seien zufällig entstanden oder auf einen Urknall zurückzuführen. Fragen Sie sich: ‚Könnte durch eine Explosion in einer Druckerei ein Wörterbuch entstehen?‘“ Seine Erfahrungen in Studium und Beruf untermauerten seinen Glauben daran, dass diese Konzepte im Einklang miteinander stehen.
Er brachte immer wieder seinen Respekt für Frauen zum Ausdruck und sprach darüber, welche Kraft von den Frauen im Evangelium ausgeht. Einmal erklärte er, was er von Eva über das Priestertum und über die Partnerschaft von Mann und Frau gelernt hatte. Er rief den Mitgliedern ins Bewusstsein, dass „Mann und Frau die höchsten heiligen Handlungen im Haus des Herrn gemeinsam und in gleicher Weise empfangen“. In einer Ansprache bei der Herbst-Generalkonferenz 2015 bat er die Frauen der Kirche, „vorzutreten! Nehmen Sie bei sich zuhause, in Ihrem gesellschaftlichen Umfeld und im Reich Gottes Ihren rechtmäßigen und Ihnen zustehenden Platz ein – und zwar in größerem Ausmaß, als Sie es bisher getan haben.“
2006 heiratete Präsident Nelson Wendy L. Watson, Professorin und Klinikerin für Ehe- und Familientherapie. Beim Weltkongress für die Familie 2009, wo er und seine Frau sprachen, sagte er: „Ich weiß auch, was es bedeutet, dass mir der Vater im Himmel den Segen gewährt hat, wieder zu heiraten. Noch einmal habe ich eine mitfühlende und großherzige Frau an meiner Seite, die meinen Familienkreis vervollständigt.“ Präsident Nelson und seine Frau haben im treuen Dienst für den Herrn die Welt bereist.
Präsident Russell M. Nelson und seine Frau Wendy im Jahr 2018
Sein geistliches Wirken umspannte wahrhaft die ganze Welt. Er weihte den Sapporo-Tempel in Japan, den Concepción-Tempel in Chile sowie den Rom-Tempel in Italien und nahm an weiteren Tempelweihungen in aller Welt teil, darunter die des Payson-Utah-Tempels, die des Kiew-Tempels in der Ukraine und die des Accra-Tempels in Ghana. Außerdem weihte er im April 2015 das Life Sciences Building der Brigham Young University. Er weihte 31 Länder für die Verkündigung des Evangeliums. Er half mit, das Evangelium in die Länder Osteuropas zu tragen, und erlebte im Laufe seines geistlichen Wirkens mit, wie mindestens 30 Länder die Kirche offiziell anerkannten.
Wohin seine Reisen Präsident Nelson auch führten – den Kindern schenkte er stets besondere Aufmerksamkeit. Als er in British Columbia in Kanada zu über 4000 Mitgliedern der Kirche sprach, wollte er gern die Kinder sehen, die bei ihren Familien saßen. Bei seiner Ansprache bat er daher die Kinder, sich auf ihren Stuhl zu stellen, die Arme hochzustrecken und zu winken. Präsident Nelson lächelte, als inmitten der Menge plötzlich die Kinder auftauchten und begeistert winkten. „O ja!“, stellte er fest. „Jetzt kann ich euch sehen.“ Seine Freundlichkeit und seine positive Ausstrahlung haben Millionen Kinder Gottes in aller Welt berührt – Jung und Alt.
Präsident Nelson und seine Frau im April 2018 mit einer Familie im historischen Gemeindehaus Hyde Park in London
Er lebte, was er verkündete
Die Art und Weise, wie Präsident Nelson gelebt hat, war das größte Zeugnis für den Erlöser, das er geben konnte.
Das zeigte sich etwa daran, als sein Mitapostel Joseph B. Wirthlin (1917–2008) eine seiner letzten Ansprachen auf der Generalkonferenz hielt. Elder Wirthlin sprach über Nächstenliebe als die Eigenschaft, die uns als Mitglieder der Kirche Jesu Christi auszeichnen soll. Während er sprach, begann er unkontrolliert zu zittern. Elder Nelson trat ruhig neben ihn, legte den Arm um ihn und stützte ihn bis zum Ende seiner Ansprache. Mit dieser Geste predigte er still und dennoch überzeugend, wie wir einander Liebe erweisen sollen.
„Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, den wunderbaren, lieblichen Einflüsterungen des Heiligen Geistes zu folgen – den starken Eingebungen, einen Rat zu befolgen“, erklärte Präsident Nelson. „Es versetzt uns einen Dämpfer, wenn wir erkennen, dass wir selbst zwar vielleicht mit dem bisherigen Stand unseres Lebens zufrieden sind, der Herr aber etwas aus uns machen will, was unsere kühnsten Vorstellungen übersteigt. Er verlangt von uns nur, dass wir uns vorbereiten – dass wir versuchen, unsere Unvollkommenheiten auszubügeln, und uns jeden Tag anstrengen, ein wenig mehr zu sein, als wir sonst eigentlich wären.“
Präsident Nelson achtete immer auf die starken Eingebungen des Heiligen Geistes. Die Erinnerung an die zwei kleinen Mädchen, die er zu Beginn seiner Karriere operiert hatte, aber nicht hatte retten können, bedrückte ihn jahrelang, vor allem als er hörte, dass die Familie ihm und der Kirche gegenüber noch immer Groll hegte. Fast 60 Jahre lang betrauerte er den Verlust und empfand tiefes Mitgefühl mit der Familie. Mehrmals versuchte er, mit ihr Kontakt aufzunehmen, jedoch ohne Erfolg.
2015 erwachte er eines Nachts und spürte die Anwesenheit der beiden kleinen Mädchen, die sich an ihn wandten. Er beschrieb es so: „Ich konnte sie zwar nicht mit meinen körperlichen Sinnen sehen oder hören, aber ich spürte ihre Gegenwart. Im Geiste vernahm ich ihr Flehen. Die Botschaft war knapp und eindeutig: ‚Bruder Nelson, wir sind an niemanden gesiegelt! Können Sie uns helfen?‘“
Präsident Nelson versuchte erneut, den noch lebenden Vater und den jüngeren Bruder zu kontaktieren. Dieses Mal war er erfolgreich. Er kniete sich vor den Vater, erzählte ihm von der Bitte seiner Töchter und bot ihm an, selbst die Siegelung vorzunehmen. Er erklärte auch, dass es Zeit und Mühe kosten werde, da der Vater und der Bruder ja nie das Endowment empfangen hatten. Als der Heilige Geist den Raum erfüllte, versprachen Vater und Bruder, die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Präsident Nelson weinte vor Freude, als er später im Payson-Utah-Tempel die Siegelung der Familie durchführen konnte.
Auf dem Weg der Bündnisse bleiben
Als Präsident Thomas S. Monson (1927–2018) Anfang Januar 2018 verstarb, kam das Kollegium der Zwölf Apostel gebeterfüllt zusammen, um im Hinblick auf die Berufung eines neuen Propheten vom Herrn Weisung zu empfangen. Russell M. Nelson wurde am 14. Januar 2018 als Prophet und 17. Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eingesetzt.
Seine erste öffentliche Erklärung als Präsident gab er vom Nebengebäude des Salt-Lake-Tempels aus ab. Er forderte die Mitglieder der Kirche dabei auf, auf dem Weg der Bündnisse zu bleiben, und sprach diese machtvolle Verheißung aus: „Wenn Sie sich verpflichten, dem Erretter nachzufolgen, indem Sie Bündnisse mit ihm eingehen und diese auch halten, öffnet sich Ihnen die Tür zu jeder geistigen Segnung und zu jedem Anrecht, die Männern, Frauen und Kinder überall offenstehen.“
Er verkündete, die neue Erste Präsidentschaft werde „bereits am Anfang das Ende vor Augen“ haben, und erklärte: „Das Ende, auf das wir alle hinarbeiten, besteht darin, im Haus des Herrn mit Macht ausgestattet zu werden, als Familie gesiegelt zu werden und den Bündnissen, die man im Tempel eingeht, treu zu sein, damit wir der größten Gabe Gottes würdig sind: ewiges Leben.“
Dann sprach er erneut über den Weg der Bündnisse und forderte diejenigen, die den Weg verlassen haben, auf, zurückzukommen. Er versicherte ihnen: „Es gibt in dieser Kirche – der Kirche des Herrn – einen Platz für Sie.“
Die Erste Präsidentschaft und das Kollegium der Zwölf Apostel im März 2019 im Besucherzentrum des Rom-Tempels
Inspiration empfangen und entsprechend handeln
Den Mitgliedern der Kirche wird wohl noch lange in Erinnerung bleiben, wie aufregend die erste Generalkonferenz war, bei der Präsident Nelson als Prophet und Präsident den Vorsitz führte. Bei dieser Konferenz gab Präsident Nelson bekannt, man werde in jeder Gemeinde die Hohen Priester und die Ältesten in ein Kollegium zusammenfassen, „damit das Werk des Herrn noch besser vollbracht wird“. Er gab ebenfalls das Ende der Heim- und Besuchslehrarbeit bekannt sowie die Einführung eines neuen, heiligeren Ansatzes, „sich anderer anzunehmen und für sie zu sorgen“ – eine Änderung, mit der ein neues „Kapitel in der Geschichte der Kirche“ aufgeschlagen werde. Am Ende der Konferenz kündigte Präsident Nelson sieben neue Tempel an.
Elder Jeffrey R. Holland vom Kollegium der Zwölf Apostel sprach wohl für alle, als er nach Präsident Nelsons zweiter Ankündigung sagte: „Die denkwürdigsten Augenblicke im Leben sind jene, in denen wir den Ansturm der Offenbarung spüren. Präsident Nelson, ich weiß nicht, wie viele ‚Anstürme‘ wir an diesem Wochenende zusätzlich noch verkraften können.“
Fortdauernde Offenbarung zeichnete Präsident Nelsons geistliches Wirken als Prophet, Seher und Offenbarer auch weiterhin aus. Nach dieser ersten Konferenz reisten Präsident Nelson und seine Frau Wendy um die ganze Welt und sprachen zu den Mitgliedern der Kirche, mit denen sie zusammenkamen – darunter auch an den Orten, wo die gerade erst von ihm angekündigten Tempel gebaut werden sollten.
Im Oktober 2018 begrüßen Präsident Russell M. Nelson, seine Frau Wendy und Elder Gary E. Stevenson vom Kollegium der Zwölf Apostel Heilige der Letzten Tage in Peru
Bei einer weltweiten Andacht riefen er und seine Frau die Jugend der Kirche dazu auf, sich an der größten Herausforderung, der größten Sache und dem größten Werk auf Erden zu beteiligen, nämlich an der Sammlung Israels.
Kurz darauf wies er in einer Erklärung darauf hin, wie wichtig es ist, den richtigen Namen der Kirche zu verwenden. Er sagte: „Der Herr hat mir [dies deutlich] bewusst gemacht.“
Bei der Herbst-Generalkonferenz 2018 hob Präsident Nelson weiter hervor, wie wichtig es ist, den vollständigen Namen der Kirche zu nennen. Außerdem verkündete er, das Evangelium solle wieder verstärkt zuhause gelehrt und gelernt werden: „Es ist an der Zeit für eine auf das Zuhause ausgerichtete Kirche, die von dem, was in den Gebäuden unserer Zweige, Gemeinden und Pfähle geschieht, unterstützt wird.“ Im Rahmen dieses auf das Zuhause ausgerichteten Plans, bei dem der Kirche eine unterstützende Rolle zukommt, wurde die Versammlungszeit am Sonntag von drei auf zwei Stunden verkürzt und ein neuer Lehrplan für das Schriftstudium in den eigenen vier Wänden eingeführt. Am Ende der Konferenz kündigte Präsident Nelson zwölf weitere Tempel an – nie zuvor waren so viele Tempel auf einmal angekündigt worden.
Als Prophet zeigte uns Präsident Nelson, was es bedeutet, den Willen des Herrn in Erfahrung zu bringen und Offenbarung rasch in die Tat umzusetzen, und er forderte alle Mitglieder der Kirche auf, dies ebenfalls zu tun:
„Ich bitte Sie dringend, über Ihre jetzige geistige Fähigkeit, persönliche Offenbarung zu empfangen, hinauszuwachsen …
Es gibt noch so viel mehr, was der Vater im Himmel Sie erkennen lassen möchte. …
Ich verheiße Ihnen: Wenn Sie weiterhin gehorsam sind, … werden Ihnen das Wissen und Verständnis, nach denen Sie streben, zuteil. Jede Segnung, die der Herr für Sie bereithält, ja, auch Wunder, werden folgen.“
Präsident Nelson winkt im August 2019 den Heiligen der Letzten Tage in Guatemala-Stadt zu
Ein heiliges Versprechen
In seiner ersten Konferenzansprache als Apostel erwähnte Elder Nelson die Bündnisse, die er im Tempel geschlossen hatte, und sagte: „Heute bekräftige ich erneut das Versprechen, alles, was ich habe, zum Aufbau des Gottesreiches auf der Erde beizutragen. Ich nehme die Berufung an, wobei mir bewusst ist, dass mir damit Anforderungen, Aufgaben und Schlüssel übertragen werden und dass auch Turbulenzen und Widrigkeiten kommen werden, und ich verpflichte mich, meine Anstrengung, meine Energie und alles, was ich habe, einzusetzen.“
Jahre später und zwei Tage nachdem er als Prophet eingesetzt worden war, gab Präsident Nelson ein ähnliches Versprechen: „Ich bin Gott, unserem ewigen Vater, und seinem Sohn Jesus Christus ergeben. Ich kenne sie, ich liebe sie, und ich verspreche, ihnen – und Ihnen allen – mit jedem Atemzug, der mir noch bleibt, zu dienen.“
Präsident Nelson hielt dieses heilige Versprechen bis ans Ende. Allen, die ihn kannten oder ihn reden hörten, war klar, dass er voll und ganz darauf vertraute, dass Gehorsam gegenüber dem Herrn die Segnungen des Herrn mit sich bringt. Präsident Nelson hielt Bündnisse wahrlich vorbildlich. Er hielt seine Bündnisse „präzise“.
Auf einer Generalkonferenz sagte Präsident Nelson einst: „Wenn Sie auf dem vom Herrn vorgezeichneten Pfad der Rechtschaffenheit wandeln, werden Sie gesegnet, in seiner Güte zu verbleiben und seinem Volk ein Licht und ein Erretter zu sein.“
Das Leben von Präsident Russell M. Nelson war ein solches Licht – und wird es auch weiterhin bleiben.