2025
Die geheimnisvolle Dose
Mai 2025


„Die geheimnisvolle Dose“, Unser Freund, Mai 2025, Seite 18ff.

Die geheimnisvolle Dose

„Stempeln wir aber nicht manchmal andere Leute auch als etwas ab?“, fragte Mama.

Eine wahre Geschichte aus den USA

Ein Junge und ein Mädchen schauen auf eine riesige Dose

„Was ist das denn, Mama?“ Sadie holte hinten aus dem Regal eine große Konservendose hervor. „Die hat ja gar kein Etikett!“

„Ach, die habe ich ja völlig vergessen!“, erwiderte Mama. „Im Supermarkt hatten sich von ein paar Konserven die Etiketten gelöst, also wurden sie billiger verkauft. Ich hab eine mitgebracht. Es sind wahrscheinlich Erbsen!“

Sadie verzog das Gesicht. Erbsen aus der Dose! Die mochte sie überhaupt nicht.

Mama nahm die Dose und schaute auf den Boden. „Die laufen bald ab. Wir sollten sie heute essen!“ Sie stellte die Dose auf den Tisch.

„Was ist das denn?“, fragte Jason, Sadies älterer Bruder.

„Keine Ahnung“, erwiderte Sadie. „Mama denkt, es sind Erbsen.“

Jason schüttelte die Dose. „Klingt aber nicht nach Erbsen. Ich glaube, es sind Bohnen!“

Da hatte Sadie eine Idee. Sie nahm Klebeband und einen Stift. Dann schrieb sie auf einen Zettel „Erbsen“, auf einen anderen „Bohnen“. Sie klebte die Zettel an die Dose.

Dann überlegte sie kurz und schrieb „Tomatensoße“ auf einen weiteren Zettel.

Genau in dem Augenblick kam Papa in die Küche. „Was macht ihr denn da?“

„Wir spielen ein Spiel“, erklärte Mama. „Wir raten, was in der Dose sein könnte.“

Gedankenblase mit drei Konserven mit unterschiedlichem Etikett

Papa nahm die Dose, schüttelte sie und roch daran. „Pilze!“, verkündete er.

Alle stöhnten. „Bloß keine Pilze!“, meinte Sadie. Das wäre ja noch schlimmer als Erbsen, Bohnen und Tomatensoße zusammen! „Vielleicht sollten wir die Dose einfach wegwerfen.“

„Bist du nicht neugierig, was wirklich drin ist?“, fragte Mama.

Papa holte den Dosenöffner. „Ich schon!“

Während Papa die Dose öffnete, hielt sich Sadie die Augen zu. Doch als er den Deckel abnahm, war sie überrascht. Es war ein köstlicher Fruchtcocktail!

„Lecker!“, rief Sadie beim Anblick der kleingeschnittenen Birnen, Trauben, Kirschen und Pfirsiche.

Eine umgekippte Dose und ein lächelndes Mädchen mit einer Schüssel

Jason holte Schüsseln und Löffel. „Guten Appetit!“

Sadie füllte sich etwas von den Früchten in ihre Schüssel. „Ich kann es gar nicht glauben“, meinte sie. „Wir haben uns alle geirrt! Ich war mir sicher, dass da etwas Ekliges drin ist.“

„Stempeln wir aber nicht manchmal andere Leute auch als etwas ab?“, fragte Mama.

„Wie meinst du das?“, fragte Sadie.

Papa stellte seine Schüssel auf den Tisch. „Wir sehen nur das Äußere und meinen aber, dass wir auch ihr Inneres kennen.“

Sadie dachte darüber nach. „Als Samara neu an der Schule war, hab ich zuerst gedacht, dass sie nicht nett ist. Aber dann habe ich mitbekommen, dass sie ja unsere Sprache noch nicht gut spricht. Und jetzt spielen wir ganz oft miteinander!“

Zwei Mädchen spielen zusammen mit einem Ball

„Das ist ein gutes Beispiel“, meinte Mama.

„Manchmal fühle ich mich abgestempelt“, sagte Jason leise. „Die anderen aus meiner Klasse sagen, dass ich nur gute Noten bekommen, weil unsere Lehrerin mich mag. Dabei lerne ich viel und mache immer meine Hausaufgaben.“

„Es kann wehtun, wenn man abgestempelt wird, nicht wahr?“, sagte Papa.

Jason nickte.

Sadie nahm den letzten Bissen ihrer Früchte. „Aber alle Etiketten sind trotzdem nicht schlecht, oder? Im Supermarkt sind sie ja wichtig. Man muss doch wissen, was man kauft.“

„Das stimmt“, erwiderte Papa. „Wann ist ein Etikett also gut?“

Jason hielt seinen Löffel hoch. „Wenn darauf die Wahrheit steht!“

„Und wer weiß, wie es wirklich im Inneren eines Menschen ausschaut?“, fragte Mama.

„Der Vater im Himmel!“, riefen Sadie und Jason wie aus einem Mund.

„Jetzt habe ich es verstanden“, fügte Sadie hinzu. „Ich bin ein Kind Gottes. Dieses Etikett darf man mir gerne verpassen.“

„Mir auch!“, rief Jason.

„Und mir auch“, meinte Papa.

„Das gilt für alle!“ Mama lächelte. „Wir sollen also niemanden aufgrund dessen abstempeln, was wir sehen. Und wenn man uns ein falsches Etikett verpasst, brauchen wir nicht glauben, was darauf steht. Denn nur Gott weiß, wie es wirklich in uns aussieht.“

Sadie schrieb einen neuen Zettel und klebte ihn sich auf den Pulli. „Ein Kind Gottes“, verkündete sie. Sadie lächelte. Das war das allerbeste Etikett!

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Illustrationen von Róisín Hahessy