„Manuel Navarro – Peru“, Geschichten aus der Reihe „Heilige“, 2024
Manuel Navarro – Peru
Ein junger Mann in Peru erlebt auf seiner Mission Bedrängnisse und wird davon befreit
Lerne Weisheit in deiner Jugend
Anfang 1986 war der sechzehnjährige Manuel Navarro Priester im Zweig San Carlos in Nazca, einer Kleinstadt im Süden Perus. Der Zweig San Carlos galt als „kleine Einheit“ der Kirche – eine Bezeichnung, die Ende der 1970er Jahre für Zweige in Gebieten geschaffen wurde, wo die Kirche noch neu war und erst wenige Mitglieder hatte. In einigen dieser Einheiten, so auch im Zweig San Carlos, kamen Jugendliche und Erwachsene sonntags gemeinsam in einer Klasse oder einem Kollegium zusammen.
Manuel saß in der dritten Stunde sehr gern mit den Trägern des Melchisedekischen Priestertums zusammen. In seinem Zweig gab es etwa zwanzig junge Träger des Aaronischen Priestertums, aber weniger als die Hälfte von ihnen kam regelmäßig. Zumindest hatte Manuel die Chance, in den Versammlungen mit den Ältesten etwas über die Pflichten des Aaronischen und des Melchisedekischen Priestertums zu lernen.
Manuel gehörte der Kirche bereits seit über zwei Jahren an. Er hatte sich gemeinsam mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester taufen lassen. Jetzt war sein Vater Zweigpräsident, und dessen Hingabe an den Erretter bestärkte Manuel wiederum in seiner Entschlossenheit. „Wenn Papa hier mitmacht“, sagte er sich, „dann deswegen, weil es gut ist.“
1986 war für die Kirche in Südamerika ein bedeutsames Jahr. Im Januar war in Lima und in Buenos Aires jeweils ein Tempel geweiht worden – der dritte und vierte Tempel auf dem Kontinent. Das Haus des Herrn in Lima stand nicht nur Manuel und den 119.000 Mitgliedern der Kirche in Peru offen, sondern auch den mehr als 100.000 Heiligen in Kolumbien, Ecuador, Bolivien und Venezuela. Unmittelbar nach der Weihung erhielten zweihundert Peruaner und zweihundert Bolivianer ihr Endowment.
Manuel begann bald sein zweites Jahr im Seminar – einem Programm, das die Kirche seit über einem Jahrzehnt in der ganzen Welt ausbaute. Zuvor hatte Manuels Zweig Seminarklassen in den Abendstunden angeboten. Aber 1986 hatte der Gebietskoordinator für das Bildungswesen der Kirche in Peru in den meisten der 298 Gemeinden und Zweige des Landes das tägliche Seminar am frühen Morgen eingeführt. Die peruanischen Mitglieder schätzten die Neuerung. Sie befürworteten es, dass die Klassen gleich am Wohnort der Schüler und ihrer ehrenamtlichen Lehrer stattfanden.
Die ersten Seminarklassen, die Manuel besuchte, fanden bei ihm zuhause statt, aber schließlich wurden sie in das vom Zweig angemietete Versammlungsgebäude verlegt. An jedem Schultag legte Manuel morgens etwa drei Kilometer zu Fuß zurück, um pünktlich um sechs Uhr beim Unterricht zu sein. Anfangs fiel ihm das frühe Aufstehen nicht leicht, aber dann fand er Gefallen daran, mit anderen Jugendlichen zum Seminar zu gehen. Dank der Ermutigung seines Lehrers gewöhnte er sich an, gleich nach dem Aufwachen am Morgen zu beten, auch wenn das für ihn bedeutete, noch früher aufstehen zu müssen.
Im Seminar erhielt Manuel einen Satz Karten mit Lernschriftstellen – Schriftstellen also, die als wichtig erachtet wurden und welche die Seminarschüler in aller Welt verinnerlichen sollten. Da Manuels Klasse in diesem Jahr das Buch Mormon durchnahm, war die erste Schriftstelle, die er lernte, 1 Nephi 3:7: „Ich will hingehen und das tun, was der Herr geboten hat.“
Zu den Seminarlehrern zählte auch Ana Granda. Von ihr erfuhren Manuel und die übrigen Schüler etwas über ihren ewigen Wert und ihre Bestimmung als Kind Gottes. In ihrem Unterricht hatte Manuel das Gefühl, dass er tatsächlich jemandem etwas bedeute, und er empfing das Zeugnis, dass sich Gott wirklich um seine Kinder kümmert.
Er sah auch, wie das Halten der Gebote ihn vor vielen Problemen bewahrte, die andere Jugendliche in seinem Alter hatten. Zwar spielte Manuel gern Fußball mit Freunden, die nicht der Kirche angehörten, doch seine besten Freunde waren Jugendliche in der Kirche. Mittwochs nahmen sie an sogenannten „Missionarsabenden“ teil, wo sie Spiele spielten und sich mit den Missionaren trafen, die im Gebiet tätig waren.
Manuels Freunde lernten mit ihm, unterstützten ihn und halfen ihm, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wenn sein Cousin und er samstagabends auf eine Party gingen, boten ihnen ihre Freunde außerhalb der Kirche niemals Alkohol an. Sie wussten ja, dass sie Heilige der Letzten Tage waren, und respektierten ihren Glauben.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Die Mission kommt zuerst
Eines Tages kam Manuel Navarro mit einer enttäuschenden Nachricht heim zu seinem Vater. Die letzten Monaten hatte er in Lima verbracht und fleißig studiert, um an einer angesehenen Universität in der Stadt aufgenommen zu werden. Doch trotz aller Bemühungen war ihm das nicht gelungen. Für die nächste Aufnahmeprüfung müsste er ein weiteres halbes Jahr lernen.
„Manuel“, fragte sein Vater, „willst du dich weiter auf die Universität vorbereiten – oder willst du dich auf eine Mission vorbereiten?“
Manuel wusste, dass der Prophet jeden würdigen, dazu fähigen jungen Mann in der Kirche aufgefordert hatte, auf Mission zu gehen. Auch stand in seinem Patriarchalischen Segen etwas von einer Mission. Er hatte jedoch geplant, erst nach seiner Einschreibung an der Universität auf Mission zu gehen, denn er meinte, dass es für ihn einfacher wäre, nach der Mission an die Universität zurückzukehren, wenn er schon vor der Abreise immatrikuliert war. Nun war er sich nicht sicher, was er tun sollte. Sein Vater sagte ihm, er solle sich etwas Zeit für seine Entscheidung nehmen.
Kurzerhand griff Manuel zum Buch Mormon, las darin und betete. Dabei spürte er, wie der Geist seine Entscheidung leitete. Schon am nächsten Tag hatte er die Antwort auf die Frage seines Vaters. Er wusste, dass er auf Mission gehen musste.
„In Ordnung“, sagte sein Vater. „Dann unterstützen wir dich dabei.“
Zunächst suchte sich Manuel einen Job. Er nahm an, dass er in einer Bank in der Nähe werde arbeiten können, da sein Vater einige Angestellte dort kannte. Stattdessen fuhr ihn sein Vater in die Innenstadt zur Baustelle des künftigen Gemeindehauses des Zweiges. Er fragte den Bauleiter, ob es im Bautrupp eine Stelle für Manuel gäbe. „Ganz bestimmt“, sagte dieser. „Wir werden schon Arbeit für ihn finden.“
Manuel kam im Juni zum Bautrupp. Jedes Mal, wenn er seinen Lohn bekam, erinnerte ihn der Vorarbeiter, sobald er ihm den Scheck gab, daran, ihn für die Mission zu verwenden. Manuels Mutter half ihm ebenfalls dabei, den Großteil seines Lohns für seinen Missionsfonds und den Zehnten beiseitezulegen.
Eine Mission war kostspielig, und die angeschlagene Wirtschaft in Peru machte es vielen Heiligen dort schwer, ihre Mission vollständig selbst zu finanzieren. Jahrelang waren alle Vollzeitmissionare auf sich selbst, ihre Familie, ihre Gemeinde und sogar auf die Großzügigkeit von Fremden angewiesen gewesen, um ihre Mission zu finanzieren. Nachdem Präsident Kimball alle in Frage kommenden jungen Männer aufgefordert hatte, eine Mission zu erfüllen, bat die Kirche ihre Mitglieder, in einen allgemeinen Missionsfonds für diejenigen einzuzahlen, die finanzielle Unterstützung benötigten.
Mittel vor Ort sollten allerdings zumindest ein Drittel der Kosten für die Mission abdecken. Und wenn ein Missionar den Rest nicht selbst aufbringen konnte, durfte er auf den allgemeinen Fonds zurückgreifen. In Peru und anderen südamerikanischen Ländern organisierten die Führer der Kirche zudem, dass die Missionare bei einheimischen Mitgliedern täglich eine Mahlzeit bekamen, was ihnen wiederum half, Geld zu sparen. Manuel schaffte es, die Hälfte der Kosten für seine Mission zu erarbeiten, und seine Eltern kamen für den Rest auf.
Nach etwa sechs Monaten Arbeit erhielt Manuel seine Missionsberufung. Sein Vater sagte, sie könnten den Brief entweder sofort öffnen oder bis Sonntag warten und ihn dann in der Abendmahlsversammlung verlesen. So lange konnte Manuel die Spannung nicht aushalten – doch er wollte wenigstens abwarten, bis seine Mutter am Abend von der Arbeit heimkam.
Als sie endlich zuhause war, öffnete Manuel den Umschlag, und sein Blick fiel zuerst auf die Unterschrift von Präsident Ezra Taft Benson. Dann begann er, das Berufungsschreiben zu lesen, und sein Herz schlug mit jedem Wort schneller. Als er sah, dass er in der Peru-Mission Lima Nord dienen werde, war er überglücklich.
Manuel Navarro in der Peru-Mission Lima Nord, etwa 1990 (Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City)
Schon immer war es sein Wunsch gewesen, in seinem Heimatland eine Mission zu erfüllen.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Eine Explosion
Am späten Nachmittag des 7. Juni 1990 gingen Manuel Navarro und sein Mitarbeiter Guillermo Chuquimango zurück zu ihrer Unterkunft in Huaraz in Peru. Manuel hatte im März 1989 seine Mission in der Missionarsschule in Lima angetreten – einer von vierzehn Missionarsschulen weltweit. Er mochte das ausgelastete Leben eines Missionars und hatte Freude daran, unterschiedliche Regionen seines Heimatlandes kennenzulernen und Menschen zu Jesus Christus zu führen.
Sein derzeitiges Einsatzgebiet war nachts jedoch nicht ungefährlich. Eine revolutionäre Gruppe namens Sendero Luminoso – Leuchtender Pfad – bekriegte seit mehr als einem Jahrzehnt die peruanische Regierung. In letzter Zeit waren ihre Angriffe aggressiver geworden, da in dem südamerikanischen Land die wirtschaftlichen Probleme zugenommen hatten und die Inflation gestiegen war.
Manuel und Guillermo, der ebenfalls gebürtiger Peruaner war, kannten die Gefahren, denen sie jeden Morgen beim Verlassen ihrer Unterkunft ausgesetzt waren. Gruppierungen wie der Sendero Luminoso nahmen zuweilen Mitglieder der Kirche ins Visier, weil sie die Kirche mit der Außenpolitik der Vereinigten Staaten in Verbindung brachten. In den spanischsprachigen Ländern zählte die Kirche inzwischen mehr als eine Million Mitglieder, davon etwa 160.000 in Peru. In den letzten Jahren hatten Revolutionäre in ganz Lateinamerika Missionare angegriffen und Gemeindehäuser bombardiert. Im Mai 1989 hatten Revolutionäre in Bolivien zwei Missionare erschossen. Seitdem hatte sich das politische Klima noch weiter verschärft, und die Angriffe auf die Kirche nahmen zu.
Die fünf Missionen in Peru hatten auf die Attacken reagiert, indem sie Ausgangssperren einführten und die Missionare anwiesen, ihrer eigentlichen Tätigkeit nur tagsüber nachzugehen. Aber an diesem Abend waren Manuel und Guillermo gut gelaunt und gesprächig. Sie hatten gerade jemanden im Evangelium unterwiesen und sollten in etwa fünfzehn Minuten wieder zuhause sein.
Als sie so nebeneinander hergingen und sich unterhielten, sah Manuel etwa einen Häuserblock weit weg zwei junge Männer. Sie schoben ein kleines, gelbes Auto und sahen aus, als könnten sie Unterstützung brauchen. Manuel überlegte noch, ob er nicht helfen solle, doch da starteten die Männer schon den Wagen und fuhren weg.
Kurze Zeit später näherten sich die Missionare einem Park gleich bei ihrer Wohnung. Nicht einmal zwei Meter von der Stelle entfernt, an der sie sich gerade befanden, parkte auf dem Bürgersteig das gelbe Auto. In der Nähe befand sich ein Truppenstützpunkt.
„Sieht fast aus wie eine Autobombe“, sagte Guillermo. Manuel sah Leute wegrennen – und im nächsten Augenblick explodierte auch schon das Auto.
Die Druckwelle erfasste Manuel, und er wurde durch die Luft geschleudert. Granatsplitter zischten an ihm vorbei. Als er auf dem Boden aufschlug, hatte er panische Angst. Er dachte an seinen Mitarbeiter. Wo war der nur? Hatte er die ganze Wucht der Explosion abbekommen?
In diesem Moment spürte er, wie Guillermo ihn vom Boden hochzog. Der Park glich einem Kriegsschauplatz. Soldaten des Stützpunkts – der offensichtlich Ziel der Bombe gewesen war – feuerten ihre Gewehre hinter den schwelenden Überresten des Autos ab. Gestützt auf seinen Mitarbeiter schaffte Manuel den Rest des Heimwegs zu Fuß.
Dort ging er ins Bad und sah sich im Spiegel an. Sein Gesicht war blutverschmiert, aber er konnte am Kopf keine Verletzung entdecken. Ihm war einfach nur schwindlig.
„Gib mir einen Segen“, bat er seinen Mitarbeiter. Guillermo, der nur leichte Verletzungen davongetragen hatte, legte Manuel die zitternden Hände auf und gab ihm einen Segen.
Kurz darauf kam die Polizei. Die Beamten hielten die Missionare für jene jungen Männer, welche die Bombe gelegt hatten, nahmen sie fest und brachten sie aufs Revier. Dort erkannte einer der Beamten Manuels Zustand und sagte: „Der hier macht es nicht mehr lange. Bringen wir ihn auf die Gesundheitsstation.“
Der dortige Dienststellenleiter erkannte die Missionare wieder. Erst vor kurzem hatte Manuel mit ihm ein Taufinterview geführt. „Das sind keine Terroristen“, erklärte er seinen Kollegen. „Das sind Missionare.“
Unter der Obhut des Dienststellenleiters wusch sich Manuel das Gesicht und entdeckte schließlich eine tiefe Wunde unter dem rechten Auge. Sobald der Dienststellenleiter das sah, beorderte er Manuel und Guillermo ins Krankenhaus. „Ich kann hier nicht helfen“, meinte er.
Kurze Zeit später fiel Manuel aufgrund des Blutverlusts in Ohnmacht. Er benötigte dringend eine Bluttransfusion. Mitglieder der Kirche aus Huaraz kamen zum Krankenhaus in der Hoffnung, ihm Blut spenden zu können, doch keiner hatte die richtige Blutgruppe. Zu guter Letzt nahmen die Ärzte auch an Guillermo eine Blutuntersuchung vor und stellten fest, dass er genau dieselbe Blutgruppe hatte wie Manuel.
Zum zweiten Mal an diesem Abend rettete Guillermo seinem Mitarbeiter das Leben.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Falls finstere Zeiten kommen
Am Tag nach der Explosion in Huaraz verlegten die Ärzte Manuel Navarro in eine Klinik in Lima. Dort wurde er von Enrique Ibarra, dem Missionspräsidenten, besucht und erhielt von Elder Charles A. Didier, einem Mitglied der Gebietspräsidentschaft, einen Segen. In dem Segen verhieß Elder Didier, Manuel werde die Klinik bald verlassen und in sein Missionsgebiet zurückkehren können.
Nachdem die Ärzte Manuels sonstige Verletzungen behandelt hatten, konzentrierten sie sich auf die Rekonstruktion seines Gesichts. Granatsplitter hatten das Jochbein durchschlagen und den Sehnerv des rechten Auges durchtrennt. Das Auge musste daher entnommen werden. Seine Eltern, die nach Lima gekommen waren, überbrachten ihm die Nachricht. „Mein Sohn“, sagte seine Mutter, „man wird dich operieren.“
Manuel war entsetzt. Er spürte keinen Schmerz im Auge und hatte bislang nicht gewusst, warum es verbunden war. Seine Mutter tröstete ihn. „Wir sind hier“, versicherte sie ihm. „Wir sind bei dir.“
Manuel musste sich drei Operationen unterziehen, die in vollem Umfang von der Kirche getragen wurden. Sein Auge wurde entfernt und die beschädigte Augenhöhle wurde wieder instand gesetzt. Er würde lange brauchen, um sich von diesen Eingriffen zu erholen. Einige Verwandte waren der Meinung, er solle nach der Entlassung aus dem Krankenhaus gleich in seine Heimatstadt zurückkehren. Doch Manuel weigerte sich, seine Mission aufzugeben. „Mein Vertrag mit dem Herrn läuft zwei Jahre – und die sind noch nicht um“, sagte er zu seinem Vater.
Während sich Manuel in der Klinik erholte, erhielt er Besuch von Luis Palomino, einem Freund aus seiner Heimatstadt, der gerade in Lima studierte. Obwohl es Manuel aufgrund seiner Verletzungen schwerfiel, mit Luis zu sprechen, begann er, mit seinem Freund die Missionarslektionen durchzunehmen. Luis war überrascht und beeindruckt von Manuels Entschluss, seine Mission bis zum Ende durchzuziehen.
„Ich frage mich, was dich antreibt“, wollte Luis wissen. „Wieso hast du solch einen großen Glauben?“
Sechs Wochen nach der Explosion durfte Manuel die Klinik verlassen und wurde zunächst im Missionsbüro in Lima eingesetzt. Die Bedrohung durch den Terrorismus war immer noch präsent, und jedes Mal, wenn er ein gelbes Auto sah, überkam ihn Angst. Ohne Medikamente konnte er nachts kaum schlafen.
Jeden Tag wechselte einer der Missionare im Missionsbüro Manuels Verbände. Manuel konnte es nicht ertragen, in den Spiegel zu schauen und die leere Augenhöhle zu sehen. Etwa drei Wochen nach seiner Entlassung aus der Klinik erhielt er ein Glasauge.
Missionare Guillermo Chuquimango (links), Manuel Navarro und Brian Haws in Peru, etwa 1991 (Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City)
Eines Tages kam Luis bei ihm im Missionsbüro vorbei. „Ich möchte mich taufen lassen“, erklärte er. „Was muss ich tun?“ Das Missionsbüro befand sich unweit von Luis’ Wohnung. So konnten Manuel und sein Mitarbeiter in den darauffolgenden Wochen mit ihm die noch fehlenden Lektionen in einem Gemeindehaus gleich in der Nähe durchgehen. Manuel machte es Freude, seinen Freund im Evangelium zu unterweisen, und Luis erfüllte eifrig alle Ziele, die er sich gemeinsam mit den Missionaren gesetzt hatte.
Am 14. Oktober 1990 wurde Luis von Manuel getauft. Die Verletzung machte ihm zwar noch zu schaffen, aber immerhin hatte die ganze Tortur dazu geführt, dass er einen Freund aus seiner Heimatstadt taufen konnte – und damit hatte er auf Mission in keinster Weise gerechnet. Als Luis aus dem Wasser hervorkam, umarmten sie einander, und Manuel verspürte den Heiligen Geist sehr stark. Er wusste, dass auch Luis ihn spüren konnte.
Zur Feier des Tages schenkte Manuel seinem Freund eine Bibel. „Falls finstere Zeiten kommen“, schrieb Manuel auf die Umschlaginnenseite, „erinnere dich einfach an diesen Tag – den Tag deiner Wiedergeburt.“
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Auf den Herrn vertrauen
Als Manuel Navarro im März 1991 seine Mission beendete, kamen seine Eltern nach Lima, um ihn abzuholen. Da sein Wohnort nicht in einem Pfahlgebiet lag, hatte ihn der zuständige Missionspräsident bereits als Missionar entlassen. Doch Manuel war noch nicht gänzlich bereit, nach Nazca, seiner Heimatstadt im Süden Perus, zurückzukehren. Er hatte nämlich einer Freundin der Kirche aus seinem letzten Einsatzgebiet versprochen, zu ihrer Taufe zu kommen, und so blieben seine Eltern und er noch eine Woche in der Stadt.
Eines Morgens gingen Manuel und sein Vater los, um Brot für das Frühstück zu kaufen. Sein Vater merkte, dass er vergessen hatte, Geld mitzunehmen, also drehte er um und ging wieder ins Haus. „Warte hier auf mich“, meinte er.
Manuel stand stocksteif da. Nachdem er so lange einen Mitarbeiter gehabt hatte, war es ein seltsames Gefühl, allein auf der Straße zu stehen. Nach einem Moment der Unsicherheit beschloss er, ruhig stehenzubleiben. „Ich bin jetzt kein Missionar mehr“, dachte er.
Selbst nach der Rückkehr nach Nazca fiel es Manuel schwer, sich an das Leben nach der Mission zu gewöhnen – vor allem wegen seines Handicaps. Das eingeschränkte räumliche Sehen machte zum Beispiel das Händeschütteln schwieriger. Er bewegte die Hand immer wieder an der anderen vorbei. Doch dann begann ein Bruder aus seinem Zweig, mit ihm Tischtennis zu spielen. Das Fixieren des kleinen, weißen Balls mit einem Auge half ihm, eine bessere Tiefenwahrnehmung zu entwickeln.
Im April zog Manuel nach Ica, einer größeren Stadt, um dort an der Universität Fahrzeugmechanik zu studieren. Ica lag keine hundertfünfzig Kilometer von Nazca entfernt, und er hatte dort Bekannte und Verwandte. Im Haus seiner Tante hatte er ein Zimmer für sich allein. Seine Mutter machte sich jedoch Sorgen um ihn und rief ihn fast jeden Abend an. „Mein Sohn“, mahnte sie ihn oft, „vergiss nie zu beten!“ Und wann immer er Kummer oder Schmerzen hatte, betete er um Kraft und fand Zuflucht beim Herrn.
Im Pfahl Ica wurden Institutsklassen angeboten, außerdem gab es eine Gruppe Alleinstehender, die Aktivitäten und Andachten organisierten, damit die jungen, unverheirateten Mitglieder einander kennenlernen und gesellig beisammen sein konnten. Manuel fand dadurch in seiner neuen Gemeinde in Ica ein Zuhause. Die Kinder in der Kirche starrten oft auf sein Glasauge, doch die Erwachsenen behandelten ihn wie jedes andere Mitglied auch.
Eines Tages wurde Manuel zu einem Gespräch mit Alexander Nunez gebeten, dem Präsidenten des Pfahles Ica. Manuel kannte Präsident Nunez seit seiner Jugend in Nazca. Präsident Nunez war damals Koordinator für das Bildungswesen der Kirche gewesen und hatte immer wieder mal Manuels Seminarklasse besucht. Manuel bewunderte ihn sehr.
Im Verlauf des Gesprächs berief Präsident Nunez Manuel in den Hoherat.
„Na, so etwas“, dachte sich Manuel. Normalerweise waren diejenigen, die Pfahlberufungen innehatten, älter und erfahrener als er. Dennoch hatte ihm Präsident Nunez sein Vertrauen ausgesprochen.
In den Wochen darauf besuchte Manuel die ihm zugeteilten Gemeinden. Anfangs war er bei den Gesprächen mit den Führungsverantwortlichen der Gemeinden ein wenig unsicher. Aber er lernte, sich auf die Berufung zu konzentrieren, nicht auf sich selbst. Und in dem Maße, wie er sich mit den Handbüchern der Kirche vertraut machte und dem Pfahl Bericht erstattete, verflog auch seine Sorge, für das Amt zu jung zu sein. Er stellte fest, dass es ihm Freude machte, den Heiligen im Pfahl Zeugnis zu geben, an Andachten teilzunehmen und die jungen Leute dazu zu ermutigen, auf Mission zu gehen.
Die Folgen seiner Verletzungen trug Manuel nach wie vor mit sich herum. Wenn er allein war, war er mitunter niedergeschlagen und erschüttert bei der Erinnerung an das Attentat, dessen Opfer er geworden war. Die heiligen Schriften waren voll von wundersamen Geschichten über Gläubige, die von Gebrechen geheilt oder vor Gefahren bewahrt worden waren. Doch darin stand auch etwas über Männer wie Ijob oder Joseph Smith, die Schmerz und Ungerechtigkeit erleiden mussten, ohne sogleich befreit zu werden. Wenn Manuel sich Gedanken über seine Verletzungen machte, fragte er sich zuweilen: „Warum musste mir das passieren?“
Dennoch wusste er, dass er sich glücklich schätzen konnte, das Attentat überlebt zu haben. In den Monaten nach seiner Verwundung hatten Terroristen Mitglieder und Missionare ins Visier genommen und umgebracht, was unter den Heiligen in Peru Trauer und Angst verbreitete. Doch die Zeiten änderten sich. Die peruanische Regierung hatte begonnen, hart gegen den Terrorismus vorzugehen. Dadurch gab es weniger Anschläge. In der Kirche hatten die Mitglieder vor Ort eine Initiative mit dem Motto „Vertrau auf den Herrn“ ins Leben gerufen, die dazu aufforderte, zu fasten, zu beten und Glauben auszuüben, damit sie von der Gewalt im Land befreit würden.
Manuel stellte fest, dass seine Ausbildung und der Dienst in der Kirche ihm beim Umgang mit seinen Schwierigkeiten halfen. Er vertraute auf den Herrn und behielt ihn im Sinn.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.