„Isabel Santana – Mexiko“, Geschichten aus der Reihe „Heilige“, 2024
Isabel Santana – Mexiko
Eine junge Frau an einer von der Kirche betriebenen Schule in Mexiko-Stadt macht Fortschritte durch Studium und durch Glauben
Weit weg von zu Hause
1966 hatte die vierzehnjährige Isabel Santana reichlich Mühe, sich in ihren neuen Lebensumständen zurechtzufinden. Sie hatte soeben ihr Zuhause in Ciudad Obregón, einer Stadt im Norden Mexikos, verlassen, um in Mexiko-Stadt das Centro Escolar Benemérito de las Américas zu besuchen, eine von der Kirche betriebene Schule. Die Hauptstadt war eine ausgedehnte Metropole mit sieben Millionen Einwohnern. Die Menschen hier kleideten sich anders und sprachen anders als die Leute bei ihr zuhause.
Schülerfoto von Isabel Santana am Centro Escolar Benemérito de las Américas (Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City)
Die Art und Weise, wie sie „bitte“, „danke“ und „entschuldigen Sie“ sagten, war sehr förmlich. So drückte man sich im Norden nicht aus.
Das wiederhergestellte Evangelium hatte im 19. Jahrhundert in Mexiko Wurzeln geschlagen, und es gab dort inzwischen zwei starke Pfähle. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war die Zahl der Heiligen in Mexiko von etwa fünftausend auf mehr als sechsunddreißigtausend gestiegen.
Angesichts der zunehmenden Mitgliederzahl wollten die Führer der Kirche sicherstellen, dass die heranwachsende Generation sämtliche Möglichkeiten schulischer und beruflicher Ausbildung erhielt. 1957 berief die Erste Präsidentschaft einen Ausschuss ein, der das Bildungswesen in Mexiko analysieren und Empfehlungen für die Einrichtung von Schulen der Kirche im ganzen Land aussprechen sollte. Der Ausschuss stellte fest, dass es in Stadtgebieten nicht genügend Schulen für die wachsende Bevölkerung Mexikos gab. Er schlug vor, verteilt über das Land mindestens ein Dutzend Grundschulen sowie in Mexiko-Stadt eine weiterführende Schule, ein Junior College und eine Lehrerbildungseinrichtung zu eröffnen.
Damals betrieb die Kirche bereits Schulen in Neuseeland, Westsamoa, Amerikanisch-Samoa, Tonga, Tahiti und Fidschi. Einige Jahre später eröffnete die Kirche zwei Grundschulen in Chile und war auch in Mexiko im Bildungsbereich aktiv. Als Isabel in Benemérito ankam, waren etwa dreitausendachthundert Schüler an fünfundzwanzig Grundschulen und zwei weiterführenden Schulen der Kirche in Mexiko eingeschrieben.
Benemérito war eine dreijährige weiterführende Schule. Sie war 1964 auf einer nahezu einhundertzwanzig Hektar großen Farm nördlich von Mexiko-Stadt eröffnet worden. Zum ersten Mal hatte Isabel von der Schule erfahren, als sie in Obregón eine von der Kirche geführte Grundschule besuchte. Obwohl es ihr nicht behagte, über tausendfünfhundert Kilometer von ihrem Zuhause und ihrer Familie entfernt zu wohnen, war sie begierig darauf, weiterhin Schulunterricht zu nehmen und Neues zu lernen.
Die Turnhalle und Aula von Benemérito in Mexiko-Stadt, etwa 1968
Das Lehrpersonal an der Schule bestand ausschließlich aus mexikanischen Heiligen der Letzten Tage. Vorgeschriebene Pflichtkurse waren Spanisch, Englisch, Mathematik, Geografie, Weltgeschichte, mexikanische Geschichte, Biologie, Chemie und Physik. Darüber hinaus gab es Wahlfächer wie Kunst, Sport oder Technik. Das von der Schule getrennt organisierte Seminarprogramm vermittelte den Schülern religiöse Bildung.
Obwohl Isabels Vater nicht der Kirche angehörte, unterstützte er ihren Wunsch, sich in Benemérito einzuschreiben, und erlaubte ihr und ihrer Schwester Hilda den Schulbesuch. Hilda war zwar ein Jahr jünger, aber sie und Isabel waren seit der Grundschule in der gleichen Klasse gewesen, weil Isabel nicht allein zur Schule gehen wollte.
Isabel und Hilda waren also mit ihrer Mutter nach Benemérito gefahren. Als sie dort ankamen, befand sich die Schule noch teilweise im Bau, das Gelände war unbefestigt, es gab nur wenige Unterrichtsgebäude sowie fünfzehn kleinere Häuser, in denen die Schüler wohnten. Dennoch war Isabel von der Größe des Campus beeindruckt.
Sie und ihre Gruppe wurden zu Haus 2 geleitet. Dort wurden sie herzlich von einer Betreuerin empfangen, die ihnen die Waschmaschinen, die Schränke zur Aufbewahrung ihrer Habseligkeiten und die Schlafzimmer mit jeweils zwei Stockbetten zeigte. Das Haus mit vier Schlafzimmern verfügte zudem über ein Esszimmer, eine Küche und ein Wohnzimmer.
Isabel verbrachte einen Großteil ihrer Zeit damit, die anderen Schüler zu beobachten und zu versuchen, sich an die neue Kultur anzupassen. Es gab in Benemérito etwa fünfhundert Schüler, die meisten kamen aus den südlichen Landesteilen. Sie hatten einen anderen Hintergrund als Isabel – selbst ihre Ernährung war viel abwechslungsreicher. Isabel war überrascht von der Schärfe, Aromenvielfalt und Auswahl der Zutaten.
Ungeachtet aller kulturellen Unterschiede wurde von allen Schülern in Benemérito erwartet, dass sie sich an die gleichen Regeln hielten. Sie folgten einer strengen Routine: frühes Aufstehen, Erledigung häuslicher Pflichten und Teilnahme am Unterricht. Zudem wurden sie ermutigt, feste geistige Gewohnheiten zu entwickeln, wozu zählte, dass sie in die Kirche gingen und beteten. Isabel und ihre Schwester waren in einer gemischtkonfessionellen Familie aufgewachsen und hatten all dies zuvor nie regelmäßig getan.
Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft fiel Isabel auf, dass einige Schüler Heimweh bekamen und die Schule verließen. Doch trotz all der neuen Eindrücke – fremde Leute, Speisen und Gebräuche – war sie entschlossen, zu bleiben und die Schule zu schaffen.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Sicher und gut aufgehoben in der Schule
Anfang Oktober 1968 befand sich Isabel Santana bereits im zweiten Jahr an der Benemérito de las Américas. Die kircheneigene Schule zählte mittlerweile zwölfhundert Schüler – mehr als doppelt so viele wie bei Isabels Ankunft. Der Campus war rasant gewachsen: Es gab eine neue Aula, die auch als Turnhalle diente, einen kleinen Lebensmittelladen, zwei Geschäfte, ein Empfangsgebäude sowie fünfunddreißig zusätzliche Wohngebäude. Anfang des Jahres war Präsident N. Eldon Tanner in Mexiko-Stadt eingetroffen, um die neuen Gebäude zu weihen. Auch der Tabernakelchor war gekommen und untermalte den Anlass musikalisch.
Isabel und ihre jüngere Schwester Hilda hatten sich in der Schule rasch eingewöhnt. Isabel war zwar von Natur aus zurückhaltend, wollte aber auf keinen Fall, dass ihre Schüchternheit ihrer Ausbildung im Weg stand. Sie fand eine gute Freundin, lernte, mit den kulturellen Unterschieden zurechtzukommen, und bemühte sich nach Kräften, auch auf Leute zuzugehen, die sie noch nicht kannte.
Zudem erwies sie sich als fleißige Schülerin. Regelmäßig wandte sie sich an Lehrer und Verwaltungskräfte und bat sie um Rat. Einer ihrer Mentoren war Efraín Villalobos. Er hatte in seiner Jugend ebenfalls kircheneigene Schulen in Mexiko besucht und im Anschluss daran an der Brigham-Young-Universität Agrarwissenschaften studiert. Er hatte viel Sinn für Humor, und Isabel und die anderen Schüler in Benemérito fanden ihn sehr zugänglich. Sie waren ja weit weg von daheim und sahen in ihm nicht nur jemanden, der sie unterrichtete. Er gab ihnen auch Führung und war für sie eine Art Vaterfigur.
Eine weitere Lehrerin, die sie beflügelte, war Leonor Esther Garmendia. Sie unterrichte die Fächer Physik und Mathematik. In Isabels erstem Schuljahr hatte Leonor in der Klasse die Frage gestellt, wer denn Mathe möge. Jede Menge Hände gingen nach oben. Dann fragte sie, wer das Fach nicht so gern habe. Isabel meldete sich.
„Wieso magst du Mathe nicht?“, fragte Leonor.
„Weil ich da keinen Durchblick habe“, entgegnete Isabel.
„Den Durchblick wirst du hier noch bekommen.“
Leonors Unterricht war beileibe kein Zuckerschlecken. Doch manchmal gab sie den Schülern eine Rechenaufgabe und bat dann jeden der Reihe nach, zu ihr ans Pult zu kommen und sie mit ihr gemeinsam durchzusprechen. Schon bald war Isabel in der Lage, Aufgaben im Kopf zu lösen – eine Fähigkeit, die sie sich früher nie zugetraut hätte.
Wie viele ihrer Mitschüler musste auch Isabel Lernen und Arbeitsalltag unter einen Hut bringen. Um das Schulgeld niedrig zu halten, kam die Kirche für den größten Teil der Ausbildungskosten auf. Es blieb aber immer noch einiges zu zahlen, und so betätigten sich etliche Schüler als Raumpfleger oder arbeiteten in der Molkerei, die der Lehranstalt angegliedert war. Isabel hatte eine Stelle als Telefonistin in der Telefonzentrale der Schule gefunden. Stunde um Stunde saß sie in einer engen Kabine und vermittelte über eine Schalttafel mit Steckkontakten und Nummern Anrufe auf dem gesamten Campus. Die Arbeit forderte sie nicht allzu sehr, und so brachte sie zum Zeitvertreib oft ein Buch mit.
Zur selben Zeit gab es unter Studenten weltweit Protestkundgebungen, die sich gegen die jeweilige Regierung richteten. Auch in Mexiko-Stadt gingen viele Studierende auf die Straße und demonstrierten für mehr wirtschaftliche und politische Gerechtigkeit. Unter anderem missbilligten sie den Einfluss der Vereinigten Staaten auf die politische Führungsriege Mexikos. In den Augen der Studenten lieferte der Kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion den mächtigen Nationen einen Vorwand, kleinere, schwächere Nachbarstaaten dominieren zu können.
Hinzu kam erschwerend, dass Mexiko-Stadt sich gerade darauf vorbereitete, die Olympischen Sommerspiele auszurichten – zum ersten Mal sollten die Olympischen Spiele in einem lateinamerikanischen Land stattfinden. Am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor Eröffnung der Olympischen Spiele, entluden sich die Spannungen: Mexikanische Streitkräfte eröffneten auf dem Platz der Drei Kulturen im Stadtteil Tlatelolco in Mexiko-Stadt das Feuer auf die Demonstranten; im Kugelhagel fanden fast fünfzig Menschen den Tod. In den Wochen darauf verhafteten die Behörden führende Vertreter der Studentenbewegung, wobei Regierung und Medien versuchten, die Brutalität des Massakers von Tlatelolco herunterzuspielen.
Benemérito lag unweit des Ortes, wo sich das Blutbad abgespielt hatte. Als Isabel von den Morden erfuhr, war sie von tiefer Trauer erfüllt. Immerhin fühlte sie sich an der Schule sicher. Die meisten Schüler und Lehrer dort hatten sich von den politischen Protesten ferngehalten.
Doch eines Nachmittags meldete sich ein Anrufer bei der Schule und drohte damit, deren Busse zu entwenden. Isabel erschrak, geriet aber nicht in Panik. „Wer spricht dort?“, fragte sie.
Doch der Anrufer legte auf.
Sie wusste nicht recht, was sie tun sollte. Also stellte sie über die Schalttafel eine Verbindung zu Kenyon Wagner her, dem Schuldirektor.
„Isabel“, beruhigte er sie, „wir kümmern uns darum.“
Letztendlich entpuppte sich der Anruf als leere Drohung, und Isabel war erleichtert, dass nichts Schlimmeres geschehen war. Benemérito war für sie zu einer Oase geworden, einem friedlichen Ort, wo sie sich mit dem Evangelium befassen und sich weiterbilden konnte.
Sie wusste: Solange sie dort war, hatte sie Schutz.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Hier ist dein Platz
Nachdem Isabel Santana als Klassenbeste die Sekundarstufe in Benemérito abgeschlossen hatte, kehrte sie in ihre Heimatstadt Ciudad Obregón im Norden Mexikos zurück. Sie war sich nicht sicher, was sie als Nächstes machen wollte. Sie konnte nach Benemérito zurückkehren und die dreijährige Vorbereitungsschule für angehende Universitätsstudenten absolvieren. Aber sie erwog ernsthaft, zuhause zu bleiben und stattdessen die öffentliche Vorbereitungsschule vor Ort zu besuchen.
Isabels Vater fand es in Ordnung, sie selbst über ihre weitere Ausbildung entscheiden zu lassen. Ihre Mutter wollte jedoch nicht, dass sie in Obregón blieb, da sie befürchtete, Isabel könnte in eine der dort aktiven radikalen Studentenbewegungen hineingezogen werden.
„Wenn sie hier bleibt“, dachte ihre Mutter, „wird sie eine Revolutionärin werden wie alle anderen.“
Isabel war verunsichert. Daher bat sie Agrícol Lozano, ihren Staatsbürgerkundelehrer und Leiter der Vorbereitungsschule in Benemérito, um Rat. Er ermutigte sie, zurückzukehren und die Aufnahmeprüfung abzulegen.
„Komm sofort“, bat Agrícol sie. „Hier ist dein Platz.“
Isabel kehrte nach Mexiko-Stadt zurück, bestand die Prüfung und wurde an der Schule aufgenommen. Aber sie war sich nicht sicher, ob sie die richtige Wahl getroffen hatte, vor allem nachdem ein Eignungstest ergeben hatte, dass sie besonders befähigt für Sozialarbeit war. Doch einen solchen Beruf wollte sie keinesfalls ausüben.
„Ich gehe von der Schule ab“, kündigte sie eines Tages ihrem Mentor Efraín Villalobos an, dem sie voll und ganz vertraute. „Ich möchte die Vorbereitungsschule nicht absolvieren.“
„Nein, nein, nein“, wehrte Efraín ab. „Dein Platz ist hier!“ Er legte ihr nahe, es an der Lehrerausbildungsstätte von Benemérito zu versuchen. Diese dreijährige Schule wollte Studierende nicht nur auf die Universität vorbereiten, sondern auch auf die Lehrtätigkeit an einer der von der Kirche betriebenen Schulen in Mexiko. Das bedeutete, Isabel würde sofort nach Schulabschluss einen Job haben.
Efraín überzeugte sie, und sie wechselte die Schule.
Schnell fand sie Gefallen an den Kursen und mochte ihre Lehrer. In den ersten Jahren belegte sie sowohl Kurse in Allgemeinbildung als auch Kurse in Didaktik, Psychologie im Schulwesen und Geschichte der Pädagogik. Im letzten Jahr spezialisierte sie sich auf Didaktik im Grundschulalter und unterrichtete eine Woche lang an einer von der Kirche betriebenen Grundschule in Monterrey, einer Stadt im Nordosten Mexikos. Isabel hatte nie einen sonderlich ausgeprägten Mutterinstinkt gehabt und befürchtete, ihr fehle die Geduld für die Arbeit mit Kindern. Aber die Woche verlief gut.
Während ihrer Ausbildung freundete sich Isabel mit Juan Machuca an, einem jungen Mann von der Westküste Mexikos. Juan war erst kurz zuvor in der Mexiko-Mission Nord tätig gewesen. Neckend behaupteten einige Klassenkameraden schon, die beiden seien ein Paar. Isabel lachte und erwiderte, Juan sei der allerletzte, den sie heiraten würde. „Er ist ein guter Freund“, betonte sie. „Den werde ich doch nicht heiraten!“
Schülerausweis von Juan Machuca vom Centro Escolar Benemérito de las Américas, etwa 1971 (Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City)
Nach ihrem Abschluss wurden sie jedoch beide als Seminar- und Institutslehrer in Benemérito angestellt. Sie teilten sich ein Klassenzimmer, und es dauerte nicht lange, bis sie miteinander ins Kino gingen und mehr Zeit zusammen verbrachten. Anfang 1972, als Isabel und Juan sich in Isabels Wohnzimmer unterhielten, fragte Juan plötzlich: „Willst du mich heiraten?“
„Ja“, antwortete sie, ohne auch nur einen Moment zu zögern.
Sie heirateten standesamtlich im Mai – während der Sommerferien. Einige Wochen später legten sie zusammen mit anderen Heiligen über zweitausend Kilometer zurück, um im Tempel in Mesa im US-Bundesstaat Arizona in den Genuss der Tempelsegnungen zu kommen. Die dreitägige Busfahrt war sehr anstrengend, denn der Bus hatte keine Klimaanlage und sie klebten fast auf den Plastiksitzen fest.
Aber die Unannehmlichkeiten sollten sich lohnen. Mesa war der erste Tempel, der die Tempelverordnungen auch in spanischer Sprache anbot, und seinerzeit war er für die Mitglieder in Mexiko und Mittelamerika zudem der nächstgelegene Tempel. Die Fahrt dorthin war allerdings lang und verlangten den Heiligen große Opfer ab. Viele nahmen diese Strapazen auch auf sich, um an der Jahreskonferenz für lateinamerikanische Mitglieder teilzunehmen, die von den Pfählen in Mesa ausgerichtet wurde. Diese Konferenz dauerte stets mehrere Tage und vermittelten den Teilnehmern ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und geistigen Gemeinschaft.
Als Isabel und Juan im Tempel ankamen, empfingen sie das Endowment und wurden anschließend für Zeit und Ewigkeit aneinander gesiegelt. Während sie dort Gott verehrten, spürten sie, dass der Tempel ihre Perspektive auf das Leben erweiterte und ihre Hingabe an das Evangelium Jesu Christi vertiefte.
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.
Ich gehöre dazu
Am 26. August 1972 spürten Isabel Santana und ihr Mann Juan Machuca sogleich die Begeisterung, die in der Luft lag, als sie ihren gelben VW vor dem Auditorio Nacional in Mexiko-Stadt parkten. Über sechzehntausend Heilige aus Mexiko und Mittelamerika hatten sich in dem großen Veranstaltungszentrum zu einer Gebietskonferenz versammelt. Für viele bot sich auf der Konferenz erstmals die Möglichkeit, Generalautoritäten persönlich sprechen zu hören.
Gebietskonferenzen waren neu in der Kirche. Sie waren unter Präsident Joseph Fielding Smith eingeführt worden. Da die meisten Heiligen nicht an der Generalkonferenz in Salt Lake City teilnehmen konnten, boten ihnen regionale Konferenzen die Gelegenheit, zusammenzukommen und Weisung von örtlichen Führern und Generalautoritäten zu erhalten. Die erste Gebietskonferenz hatte 1971 in Manchester in England stattgefunden. Über achtzigtausend Einwohner Mexikos gehörten mittlerweile der Kirche an – die größte Gruppe von Heiligen außerhalb der Vereinigten Staaten und damit ein idealer Ort für eine solche Konferenz.
Isabel und Juan staunten nicht schlecht, als sie sich auf den Weg zum Veranstaltungszentrum machten. Da waren Mitglieder aus ganz Mexiko und sogar aus Guatemala, Honduras, Costa Rica und Panama. Einige waren fast fünftausend Kilometer gereist, um dabei zu sein. Eine Frau aus dem Nordwesten Mexikos hatte fünf Monate lang die Wäsche ihrer Nachbarn geschrubbt, um genug Geld für die Reise zu verdienen. Manch einer hatte seine Reisekosten mit dem Verkauf von Tacos und Tamales, Autowaschen oder Gartenarbeit finanziert. Andere hatten Habseligkeiten verkauft oder sich Geld geliehen, um teilnehmen zu können. Einige fasteten, weil sie nicht einmal Geld fürs Essen hatten. Glücklicherweise bot Benemérito vielen der von weit her angereisten Mitglieder eine Unterkunft.
Als die Machucas in der Schlange vor dem Vortragssaal warteten, hielt ein Auto in der Nähe an. Heraus stiegen Spencer W. Kimball und seine Frau Camilla. Vier Monate waren seit der Herzoperation von Elder Kimball vergangen, und er hatte sich bereits so weit erholt, dass er viele seiner Aufgaben im Kollegium der Zwölf Apostel wieder wahrnehmen konnte. Er war sogar später am Nachmittag als Redner eingeplant.
Präsident Joseph Fielding Smith hatte zwar noch an der Planung der Konferenz mitgewirkt, doch er war verstorben, ehe sie stattfand. Sein Tod beendete ein Leben, das viele Jahrzehnte lang hingebungsvoll dem Dienst an der Kirche und den Heiligen gewidmet gewesen war. Als Apostel hatte er zahlreiche Schriften über die Lehre des Evangeliums und über geschichtliche Themen verfasst, Familienforschung und Tempelarbeit forciert und die Philippinen und Korea für die Verkündigung des Evangeliums geweiht. Als Präsident der Kirche genehmigte er die ersten Pfähle in Peru und Südafrika, weitete das Seminar- und Institutsprogramm auf der ganzen Welt erheblich aus, belebte die öffentliche Kommunikation der Kirche neu und verbesserte die Professionalität in den Abteilungen der Kirche.
Bei seiner letzten Generalkonferenz hatte er den Heiligen eingeprägt: „Es gibt kein Werk, in dem wir uns engagieren können, das wichtiger wäre als die Verkündigung des Evangeliums und der Aufbau der Kirche und des Gottesreichs auf der Erde. Und so ermuntern wir alle Kinder unseres Vaters allerorts, an Christus zu glauben, ihn so anzunehmen, wie er von den lebenden Propheten offenbart wurde, und sich der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage anzuschließen.“
Sein Nachfolger Harold B. Lee war inzwischen als Präsident der Kirche eingesetzt worden, sodass Elder Kimball der neue Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel wurde.
Nachdem Isabel und Juan das Auditorio Nacional betreten hatten, nahmen sie inmitten tausender von Gläubigen Platz. Der Zuschauerraum hatte insgesamt vier bestuhlte, um eine Bühne herum angeordnete Ränge. Ein Chor von Heiligen aus dem Norden Mexikos füllte das Podium. Vor den Sängern befanden sich das Rednerpult und der Bereich mit hochlehnigen Stühlen für die Generalautoritäten und die übrigen Redner.
Die Konferenz wurde mit einer Ansprache von Präsident Marion G. Romney eröffnet, der in einer Kolonie von Heiligen im Norden Mexikos geboren worden und dort aufgewachsen war. Er war erst seit kurzem Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft. Auf Spanisch versicherte er die Heiligen in Mexiko und Mittelamerika seiner Liebe und unterstrich, wie sehr er die mexikanische Regierung schätze.
Anschließend ergriff Präsident N. Eldon Tanner das Wort und würdigte die Stärke der Kirche in Mexiko und weiteren spanischsprachigen Ländern Amerikas. „Weltweit gibt es Wachstum, und es werden Führungspersönlichkeiten herangebildet“, erklärte er über einen Dolmetscher. Zur Unterstützung angehender Führungsverantwortlicher war das Handbuch Allgemeine Anweisungen kurz zuvor zusammengestellt und in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt worden, darunter auch ins Spanische. Führer der Kirche auf der ganzen Welt konnten nun die Kirche nach demselben Muster verwalten.
„Es ist großartig, mitzuerleben, wie Menschen das Evangelium annehmen und in die Kirche und das Reich Gottes eintreten“, bezeugte Präsident Tanner, „und sie alle geben Zeugnis für die Segnungen, die sie erhalten, und erkennen, dass dies tatsächlich die Kirche Jesu Christi ist.“
Als Isabel den Rednern zuhörte, war sie glücklich, eine Heilige der Letzten Tage aus Mexiko zu sein. Die Ausbildung in Benemérito hatte sie gelehrt, wie wichtig es ist, der Kirche anzugehören und das wiederhergestellte Evangelium zu einem zentralen Bestandteil des Lebens zu machen. Bei der allerersten Ankunft an der Schule war sie ein schüchternes Mädchen ohne klares Bewusstsein für ihr geistiges Potenzial gewesen. Doch durch ihre Lehrer wurde sie reich gesegnet. Sie hatte das Studium der heiligen Schriften und das Beten in ihren Alltag integriert und ging nun mit Selbstvertrauen und einem glühenden Zeugnis von der Wahrheit durchs Leben.
Umgeben von so vielen Heiligen konnte sie nun gar nicht anders, als innerlich zu jubeln. „Ich bin von hier“, dachte sie. „Und ich gehöre dazu.“
Den vollständigen Text samt Anmerkungen und Quellenangaben finden Sie im Archiv Kirchenliteratur.